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Weltente : Mit 24 PS durch Afrika

  • -Aktualisiert am

Eine Ente ist nicht für den Urwald gemacht. Wird sie es trotzdem durch Afrika schaffen? Bild: Christoph Borgans

„Von Deutschland hierher? Mit dem Auto?“ Das ist eine berechtigte Frage, wenn man in einer alten Ente durch Afrika fährt. Und manchmal sind sogar 60 Stundenkilometer noch zu schnell.

          6 Min.

          Die erste Panne auf dem Weg nach Südafrika hatten wir in Österreich. In einer frostigen Herbstnacht in der Steiermark zogen sich Rahmen und Frontscheibe unserer Ente zusammen, und als am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf das Auto trafen, dehnte sich alles wieder aus. Bloß unterschiedlich schnell. Die etwas eng eingepasste Frontscheibe verwandelte sich unter Knacken und Knirschen in ein gläsernes Mosaik.

          Da stand sie also: Dass sie nur 24 PS und zwei Zylinder hatte, sah man ihr nicht an. Es war eine Kastenente, ein kleiner, aber rüstiger Lieferwagen. Sie war khakifarben lackiert und trug auf dem Dach Ersatzreifen und Sandbleche für die Wüste. An der Seite hatten wir große Scheinwerfer angebracht, wie sie Rallyefahrer benutzen, um nachts Schlaglöchern und Wildtieren ausweichen zu können. Beim Start im Hunsrück hatte die Ente ausgesehen, als könne man mit ihr ein Abenteuer wagen – nun wirkte sie wie der Klassenstreber, der sich für den Wandertag eine Survival-Weste anzieht, auf den ersten Metern über eine Wurzel stolpert und auf seine Brille tritt.

          „Dann kommt mal rein zum Essen!“

          Nach ein paar Tagen fanden wir einen hilfsbereiten Entenfahrer und kamen an eine Ersatzscheibe. Danach fuhren wir im Wallfahrtsort Mariazell zu einem Autofahrer-Gottesdienst und ließen die Ente segnen. Es war ein weiter Weg bis Südafrika. Und die Ente war 32 Jahre alt. Ich war damals 21 und hatte das Studium noch vor mir. Roland, der mich begleitete, hatte sich zwei Semester freigenommen. Wir waren wandernd und trampend durch Europa gezogen und hatten nun, in den Jahren 2005 und 2006, ganze zwölf Monate Zeit, um nach Südafrika zu kommen.

          Die Ente als rollende Baustelle: Seit der Türkei blockiert die Lenkung, dreimal geht das Getriebe kaputt, und im Sandsturm reißt die Achsschraube.
          Die Ente als rollende Baustelle: Seit der Türkei blockiert die Lenkung, dreimal geht das Getriebe kaputt, und im Sandsturm reißt die Achsschraube. : Bild: Christoph Borgans

          Mit der neuen Scheibe fuhren wir über Ungarn und Rumänien bis zum Bosporus und von dort in den Süden der Türkei. An der Grenze zu Syrien sagten die Leute: „Von Deutschland hierher? Mit dem Auto? Dann kommt mal rein zum Essen!“ Sie führten uns zum Zimmer des Kommandeurs, in dem der Boden mit Schüsseln und Schalen gedeckt war. Ähnlich erging es uns in Jordanien. In Ägypten hieß es: „Von Deutschland hierher? Schön, dann kauft dieses Papyrus! Oder eine Flasche Parfum?“ Aber auch dort fanden wir große Gastfreundschaft und blieben fast zwei Monate.

          Als wir der deutschen Botschaft in Sudan schrieben, wir würden demnächst das Land durchqueren und weiter nach Äthiopien reisen, kam eine lange Mail zurück. Der Botschafter persönlich schrieb: Das Vorhaben sei aus Sicht der Botschaft eigentlich undurchführbar, zumindest aber grob fahrlässig. Drei Tage später kam noch eine Mail: Ein Attaché gab uns Tipps, falls wir es doch wagen sollten. Wir verstanden: Die Mail des Botschafters war vor allem ein Statement für Presse und Auswärtiges Amt, für den Fall, dass uns etwas zustoßen sollte.

          Mit Hammer, Schlüsseln, Schweißgerät zu reparieren

          Die Tipps der Botschaft stellten sich als unbrauchbar heraus. Wo sie uns verwirrende und unpassierbare Wege voraussagte, die nicht oder höchstens in Arabisch gekennzeichnet seien, fanden wir eine schnurgerade geteerte Straße mit Schildern in Englisch. Offensichtlich hatte niemand aus der Botschaft die Gegend selbst bereist.

          Zu Gast im Sudan: Hinter getönten Scheiben eines Land Rovers verschwimmen die Farben zu einem braunen Brei. Nicht so wenn man in der Ente oder zu Fuß unterwegs ist.
          Zu Gast im Sudan: Hinter getönten Scheiben eines Land Rovers verschwimmen die Farben zu einem braunen Brei. Nicht so wenn man in der Ente oder zu Fuß unterwegs ist. : Bild: Christoph Borgans

          Wir wollten erfahren, was zwischen der Haustür in Deutschland und dem Meer in Südafrika lag. Die Ente war dafür das perfekte Auto. Sie war kein Land Rover, bei dem die Klimaanlage die Hitze aussperrt, und hinter dessen dunklen Scheiben die Gelb-, Braun- und Rottöne der Wüste zu einem braunen Brei verschwimmen. Und sie war nicht teuer: Vielleicht 5000 Euro hatten uns das Auto und die Vorbereitung gekostet. Die Ente war leicht, und sie war mit einem Hammer, ein paar Schlüsseln und einem Schweißgerät auch im Busch zu reparieren. Außerdem ist so ein altes Auto wie ein Hund – man kommt schnell mit den Leuten ins Gespräch. Wie geht es ihm? Wie alt ist es? Verkraftet es die anstrengende Reise gut?

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