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Armenien : Zum Geburtstag kommt die Nase weg

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Die Armenierin, die etwas auf sich hält, hat ihre gottgegebene Nase gegen ein kleineres Modell getauscht. Bild: Picture-Alliance

Aufbruch zwischen Orient und Okzident: Der kleine Kaukasus-Staat Armenien ist auf der Suche nach einem neuen Profil.

          8 Min.

          Die Armenier waren, so sagt die Legende, welche die im Land verbreitete Selbstironie aufnimmt, schon seit Anbeginn der Zeiten immer ehrgeizig und gierig. Nur das Beste und Größte war für sie gut genug. Und als nun Gott die Nasen unter den Menschen verteilte, begnügten sich die Russen mit kleinen Nasen. Die Georgier nahmen größere Nasen, um in den Bergen besser atmen zu können. Doch die Armenier wollten auch hier wieder das Beste und Größte – sie verlangten vom Herrgott, er solle ihnen die größten Nasen von allen geben. Und die bekamen sie dann auch.

          Witze über ihre großen Nasen gehören für die Armenier zur kulturellen Identität. Schlendert man über die „Vernissage“, den Kunsthandwerksmarkt in Jerewan, bei dem viele Touristen ihre Mitbringsel erwerben, findet man reihenweise hölzerne Riesennasen, die man als Brillenablagen benutzen kann. „Eine armenische Nase für dein Zuhause“, lockt der Verkäufer und lacht.

          Der heilige Berg liegt heute in Ostanatolien

          Tatsächlich sieht man viele große Nasen in Armenien – meistens in Männergesichtern. Zusammen mit den dichten, dunklen Haaren und den schwarzen Augen, denen man gerne Melancholie andichten möchte, bilden sie das typische Gesicht dieses Landes. Bis heute ist Armenien sehr homogen bevölkert, ein Hinweis auf die leidvolle und zum Teil katastrophale Geschichte dieses Landstrichs, der zwischen drei muslimischen Ländern liegt und seine Souveränität als christlicher Staat nicht ohne empfindliche Gebietsverluste behaupten konnte.

          Osten oder Westen? Blick über die Hauptstadt Eriwan.

          Die heutige Ausdehnung Armeniens umfasst nur einen Bruchteil des ursprünglichen armenischen Siedlungsgebiets, das sich über eine riesige Fläche im Kaukasus erstreckte, die sich heute Georgien, die Türkei, Iran und Aserbaidschan mit Armenien teilen. Vor allem in der Türkei und Aserbaidschan liegen Regionen, die den Armeniern als ihr ureigenes Stammland gelten: Ihr heiliger Berg Ararat, dessen Name und Umriss sich auf Zigarettenpackungen, Bankenlogos und Cognac-Flaschen finden, liegt heute in Ostanatolien und ist für Armenier unerreichbar. Die Grenze zur Türkei ist wegen der noch immer ausstehenden Anerkennung des osmanischen Völkermords an den Armeniern unpassierbar. Ähnliches gilt für die Region Nagornyj Karabach im Osten, um die seit den neunziger Jahren ein stetiger, zäher Krieg geführt wird, der nach wie vor Menschenleben fordert.

          Überall spürt man Aufbruchstimmung

          So sehen sich viele Armenier in einem verstümmelten, unvollständigen Gebiet eingezwängt, das durch historisches Unrecht beraubt wurde. Der Schatten einer brutalen, erbarmungslosen Geschichte liegt bleiern auf dem Land – und bleibt unvergessen nicht nur von den Armeniern in Armenien, sondern auch in der mehr als doppelt so großen armenischen Diaspora: Von den zehn Millionen Armeniern weltweit leben nur drei Millionen im Heimatland – und auch von diesen versuchen jährlich Zehntausende ihr Glück im Ausland zu finden, vor allem junge Leute. Dennoch wird Armenien zu den aufstrebenden Nationen gezählt. Die britische Wochenzeitung „The Economist“ zeichnete das Land sogar als „Country of the year 2018“ aus, und das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ reihte es unter die Best Budget Travel Destinations für das Jahr 2019.

          Und tatsächlich: Überall in Jerewan spürt man Aufbruchsstimmung. Die Restaurants, Hotels und Cafés sind ebenso elegant und modern wie die Menschen auf der Straße. Dabei darf man ein Land nicht nach dem Standard seiner Hauptstadt beurteilen – der innere Bezirk Jerewans ist unverkennbar als Visitenkarte angelegt und beeindruckt mit einer geradezu helvetischen Sauberkeit. An den Rändern ist es schnell vorbei mit den sich gedämpft absenkenden Toilettensitzen und dem instagramtauglichen Latte macchiato. Ein unbändiger Wille, sich urban und weltgewandt zu geben, ist aber auch dort erkennbar.

          Ein Zeichen der armenischen Eigenständigkeit

          In Armenien fließen Kulturen aus allen Richtungen zusammen: Osmanisch und persisch, russisch, georgisch, Wien und Neu-Delhi sind in etwa gleich weit entfernt. Wie kann man die eigenwillige Mischung verschiedenster kultureller Einflüsse charakterisieren, die sich hier finden? Ist Armenien ein europäisches Land? Woran könnte man das festmachen? Im Café Vienna frage ich die Kellnerin, ob sie schon einmal in Wien war. Ihr Englisch ist sehr schlecht, doch so viel kann sie sagen: Die weite Reise nach Europa kann sie sich nicht leisten. Für sie ist Europa schon deshalb anderswo. Aber wohin gehört Armenien dann? In welche Schublade kann man es packen?

          Springbrunnen in der sehr sauberen Stadtmitte von Eriwan.

          Mit dem Wort „postsowjetisch“ kommt man nicht weit. Darunter kann man vielleicht die allgegenwärtigen russischen Aufschriften zusammenfassen, die berühmte Tuffsteinarchitektur, die tanzenden Fontänen am Platz der Republik, der einmal Leninplatz hieß. Viele Armenier sprechen fließend Russisch, und ein Gutteil der Touristen kommt aus Russland, wo sich auch die größte armenische Gemeinschaft außerhalb Armeniens befindet. Aber man darf nicht übersehen, dass die monumentale Statue der „Mutter Armenien“, die recht kriegerisch ein Schwert in der Hand hält, an die Stelle eines ebenso wuchtigen Stalin-Denkmals gesetzt wurde – unmissverständlich ein Zeichen der armenischen Eigenständigkeit. Andererseits: Wer ein Taxi bestellt, benutzt dazu eine Yandex-App. Die Supermarktregale sind mit russischen, kasachischen, weißrussischen Konserven, Pralinen und Keksen gefüllt. Ökonomisch ist Armenien fest an den russisch dominierten Wirtschaftsraum angebunden. Der Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion im Jahr 2015 hat dies bekräftigt.

          Die Sehnsucht nach einem neuen Gesicht

          Kulturell hingegen strebt das Land eindeutig darüber hinaus. Aber „europäisch“ ist eben auch nicht der richtige Begriff, denn er blendet die tiefe Verwurzelung Armeniens an dieser Schnittstelle zwischen dem, was wir so ungenügend als Orient und Okzident bezeichnen, aus. „Westlich“ mag ein hilfreicher Begriff sein. Womit im weiten Sinne jedoch gemeint ist: konsumorientiert, globalisiert, einer standardisierten Ästhetik folgend.

          Auch und gerade die Nasen bezeugen diesen Drang zur „Verwestlichung“. Denn in Jerewan sind die armenischen Nasen selten geworden – zumal unter Frauen. Gerade, feine Näschen sind mittlerweile die Norm, eine sehr „westliche“ Norm. Nach Südkorea und Iran sei Armenien das Land mit den meisten Nasenoperationen, hört man.

          Es sei zum Statussymbol geworden, seinen Töchtern zum Schulabschluss, zum Diplom, zum achtzehten Geburtstag oder zu einem sonstigen sich bietenden Anlass eine neue, schlanke, gänzlich unarmenische Nase zu schenken. Dabei hat der „Nose Job“ für die Armenier nichts Anstößiges; im Gegenteil. Die Sehnsucht vieler Armenier nach einem neuen Gesicht, einem neuen Profil scheint symptomatisch zu sein für die Anpassung an westliche Standards.

          Der Kellner weiß am besten, was schmeckt

          Ein armes, rückständiges Land will Armenien nicht sein, auch wenn dieses Vorurteil noch in manchen Köpfen herumgeistert. Ja, viele Menschen leben in sehr bescheidenen Verhältnissen. Und gerade auf dem Land verschmelzen Traditionen und Aberglauben zu einer eigenwilligen Mischung aus Volksfrömmigkeit und fast schon bizarrem magischen Denken. Auf den jedoch, der italienische oder griechische Dörfchen kennt, wirkt all das sehr nah und vertraut. Ältere Frauen mit Kopftüchern, die ihre selbstgemachten Marmeladen, Wollsocken oder Gata-Brote anbieten – jede von ihnen gleicht einer italienischen Nonna. Am liebsten kaufte man ihnen alles ab. Alles schmeckt hier fabelhaft: Das hauchdünne Lawasch-Brot, das zu fast allen Mahlzeiten gereicht wird, die dicken Kräuterbüschel, mit denen Fleisch und Käse ergänzt werden, die Grillspezialitäten, die gefüllten Wein- und Kohlblätter, auch der Hauswein – wir konnten gar nicht so viel essen, wie uns Appetit gemacht wurde.

          Alles schmeckt hier fabelhaft: Das hauchdünne Lawasch-Brot, das zu fast allen Mahlzeiten gereicht wird, die dicken Kräuterbüschel, mit denen Fleisch und Käse ergänzt werden, die Grillspezialitäten – wir konnten gar nicht so viel essen, wie uns Appetit gemacht wurde

          Die armenische ist eine bodenständige und vielfältige Küche, und manche Menükarte überfordert den Gast. Glücklicherweise trafen wir auf Kellner, die schon die bloße Existenz der Menükarte als Affront betrachteten. Denn genaugenommen – das merkten wir bei unserem zweiten oder dritten Restaurantbesuch – weiß der Kellner besser, was wir essen möchten und was uns schmeckt. Nur aus gutmütiger Duldung der seltsamen ausländischen Sitten tat er so, als nähme er eine Bestellung auf. Ob er das Bestellte auch brachte, stand auf einem anderen Blatt. Fest stand nur: Was er brachte, würde grandios schmecken.

          Essen ist in Armenien ein Gruppenereignis. Selten sieht man Tische mit nur zwei Personen. Es ist eine Küche für Gruppen. Verschiedenste Speisen werden auf Platten und in Schüsseln herbeigebracht, jeder nimmt sich, was ihm schmeckt. Wieder fühlt man sich an Italien erinnert oder an den Balkan, wo die Kunst des gepflegten Gemeinschaftsgelages immer noch hochgehalten wird. Sich füreinander Zeit nehmen, plaudern, lachen, diskutieren und nebenbei gemeinsam das Mahl genießen – in den Séparées der Restaurants fühlt man sich so privat wie zu Hause.

          Der Verpackungsmüll hält sich in Grenzen

          Dafür lohnt es sich, auch einmal ein paar Stufen in den Untergrund zu steigen: Viele Geschäfte und Lokale liegen im Souterrain, vom Gehsteig aus muss man bisweilen sehr genau schauen, um die Eingangstreppe zu finden. In einem dieser versunkenen Läden finde ich Tierbedarf. Wie häufig in Armenien gibt es vieles im Offenverkauf. Hier könnte ich mir das Hundefutter aus dem großen Sack in einen kleinen füllen lassen; anderswo werden Kekse, Pralinen, getrocknete Bohnen und Kartoffelchips offen verkauft. Was in unseren Breitengraden hip und fortschrittlich ist, ist in Armenien Alltag. Der Verpackungsmüll hält sich in Grenzen.

          Die Auswahl im kleinen Tiergeschäft ist kleiner als bei uns. Doch die Namen der Futtermarken sind die gleichen. Ich beschließe ein wenig davon als „Souvenir“ für meinen Hund zu kaufen, und weil die Verkäuferin solides Englisch spricht, kommen wir ins Gespräch. Ob es stimme, fragt sie, dass die Menschen in Europa keine Kinder mehr hätten, sondern nur noch verwöhnte Haustiere, die sie sogar besser als Kinder behandelten? So würde man es sich hier erzählen. Ich stutze. Das Bild, das die junge Frau von „uns Europäern“ hat, irritiert mich. Dann erkläre ich ihr, dass kein Haustier einen Menschen ersetzen könne. Dass viele sowohl Haustiere als auch Kinder hätten. Dass aber freilich ein Tier unkomplizierter anzuschaffen und zu versorgen sei als ein Kind. Dass, wer den ganzen Tag arbeite, froh sei, wenn er am Abend wenigstens von seiner Katze begrüßt werde. Sie nickt verständnisvoll. Aber ich merke, dass sie meine Worte für Ausflüchte hält. Und mir wird klar: Diese junge Frau mit den blondgefärbten Haaren und den sorgfältig aufgeklebten Gelnägeln hält mich für eine dekadente Westlerin. Ich packe die Hundeleckerlis beschämt ein und gehe.

          Der Präsident ist ein Philosoph

          Längst hat sich die Frage, die mich am Beginn der Reise beschäftigt hat, umgekehrt. Aus „Sind die Armenier Europäer?“ ist „Wollen die Armenier Europäer sein?“ geworden. Nicht für alle hat das Wort Europa den verheißungsvollen Klang, den ich ihm angedichtet habe. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben erfüllt viele Armenier, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie ihre Zukunft in und mit Europa aufbauen wollen. Das Jahr 2018 war für viele das Jahr der Wende – eingeläutet durch die „Samtene Revolution“ im Frühjahr. Nach wochenlangen Massenprotesten trat der langjährige Staatschef Sersch Sargsjan am 23. April zurück. Der zuvor inhaftierte Oppositionsführer Nikol Paschinjan wurde zum neuen Ministerpräsidenten und bei den Neuwahlen im Dezember im Amt bestätigt.

          Zur Feier der armenischen Schrift: das „Ewige Alphabet“ auf einem Plakat in Eriwan.

          Der Vierundvierzigjährige gilt vielen als Hoffnungsträger für Erneuerung und Aufbruch. Viele reden von ihm in höchsten Tönen. Paschinjan ist für sie in erster Linie ein Intellektueller, ein Dichter und Philosoph. Unbedingt müssten wir seine Bücher lesen, sobald sie ins Englische übersetzt seien. Ein solcher Enthusiasmus berührt mich. Aber manche Erwartungen scheinen recht hochgesteckt. Und wie immer, wenn jemand als geradezu messianische Gestalt gefeiert wird, scheint Skepsis angebracht. Die Mühlen der Realpolitik haben schon manches Denkmal zu Staub zerrieben.

          Leise und beharrlich steigt der See

          Ich behalte solche Gedanken für mich. Angesichts der schwierigen und allzu oft leidvollen Geschichte der Armenier möchte ich den Traum von einer strahlenden, glücklichen Zukunft nicht mit Zweckpessimismus schmälern. Und warum sollte es auch nicht aufwärts gehen in den kommenden Jahren? Allein in den wenigen Tagen, die wir in Armenien verbringen, sehen wir so vieles, was Grund zur Zuversicht gibt – vieles davon freilich historische Zeugnisse. Die herrlich gelegenen Klöster mit ihren strengen Steinfassaden und schön geschnitzten Holztüren, die beeindruckenden Kreuzsteine mit ihren eingravierten Erzählungen aus vergangenen Tagen, die zahlreichen Museen in und um Jerewan bergen noch viel touristisches Potential.

          Armeniens Landschaft ist fruchtbar und reich an Naturschätzen. Von den kargen Bergregionen bis zum glitzernden Sewansee, von den Aprikosenhainen bis zu den Weinbergen. Doch wurde auch hier wie in so vielen Regionen der Erde Raubbau an den natürlichen Ressourcen betrieben. Der Sewansee wurde für Bewässerungs- und Stromgewinnungsprojekte ausgebeutet und abgegraben, bis er zweiundzwanzig Meter seines ursprünglichen Pegels verloren hatte und zu kippen drohte. Erst in den vorigen Jahren konnte die Entwicklung umgekehrt werden. Seither steigt der Seepegel jährlich um immerhin neununddreißig Zentimeter.

          Auch wenn es so noch Jahrzehnte dauern wird, bis der See seinen ursprünglichen Stand erreicht hat, nehme ich dieses stetige, langsame Steigen des Wasserspiegels als schönstes Zeichen des Wandels wahr. Er ist nicht so augenfällig wie die schlankgeschrumpften Nasen in den Gesichtern der jungen Frauen, und er geht nicht mit dem Getöse einer Revolution einher. Er ist leise und beharrlich, und mit dieser leisen Beharrlichkeit kann es Armenien gelingen, in unserem Bewusstsein nicht mehr ein ungreifbares Land am Rande Europas zu bleiben, sondern ein lebendiges Zentrum in einer Region, die sich befreit hat von den Klischees der Armut und Rückständigkeit. Der Schlüssel zur Verwirklichung dieses Traums ist jedoch nicht westlicher Fortschritt. Sondern Frieden.

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