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Armenien : Zum Geburtstag kommt die Nase weg

  • -Aktualisiert am
Zur Feier der armenischen Schrift: das „Ewige Alphabet“ auf einem Plakat in Eriwan.

Der Vierundvierzigjährige gilt vielen als Hoffnungsträger für Erneuerung und Aufbruch. Viele reden von ihm in höchsten Tönen. Paschinjan ist für sie in erster Linie ein Intellektueller, ein Dichter und Philosoph. Unbedingt müssten wir seine Bücher lesen, sobald sie ins Englische übersetzt seien. Ein solcher Enthusiasmus berührt mich. Aber manche Erwartungen scheinen recht hochgesteckt. Und wie immer, wenn jemand als geradezu messianische Gestalt gefeiert wird, scheint Skepsis angebracht. Die Mühlen der Realpolitik haben schon manches Denkmal zu Staub zerrieben.

Leise und beharrlich steigt der See

Ich behalte solche Gedanken für mich. Angesichts der schwierigen und allzu oft leidvollen Geschichte der Armenier möchte ich den Traum von einer strahlenden, glücklichen Zukunft nicht mit Zweckpessimismus schmälern. Und warum sollte es auch nicht aufwärts gehen in den kommenden Jahren? Allein in den wenigen Tagen, die wir in Armenien verbringen, sehen wir so vieles, was Grund zur Zuversicht gibt – vieles davon freilich historische Zeugnisse. Die herrlich gelegenen Klöster mit ihren strengen Steinfassaden und schön geschnitzten Holztüren, die beeindruckenden Kreuzsteine mit ihren eingravierten Erzählungen aus vergangenen Tagen, die zahlreichen Museen in und um Jerewan bergen noch viel touristisches Potential.

Armeniens Landschaft ist fruchtbar und reich an Naturschätzen. Von den kargen Bergregionen bis zum glitzernden Sewansee, von den Aprikosenhainen bis zu den Weinbergen. Doch wurde auch hier wie in so vielen Regionen der Erde Raubbau an den natürlichen Ressourcen betrieben. Der Sewansee wurde für Bewässerungs- und Stromgewinnungsprojekte ausgebeutet und abgegraben, bis er zweiundzwanzig Meter seines ursprünglichen Pegels verloren hatte und zu kippen drohte. Erst in den vorigen Jahren konnte die Entwicklung umgekehrt werden. Seither steigt der Seepegel jährlich um immerhin neununddreißig Zentimeter.

Auch wenn es so noch Jahrzehnte dauern wird, bis der See seinen ursprünglichen Stand erreicht hat, nehme ich dieses stetige, langsame Steigen des Wasserspiegels als schönstes Zeichen des Wandels wahr. Er ist nicht so augenfällig wie die schlankgeschrumpften Nasen in den Gesichtern der jungen Frauen, und er geht nicht mit dem Getöse einer Revolution einher. Er ist leise und beharrlich, und mit dieser leisen Beharrlichkeit kann es Armenien gelingen, in unserem Bewusstsein nicht mehr ein ungreifbares Land am Rande Europas zu bleiben, sondern ein lebendiges Zentrum in einer Region, die sich befreit hat von den Klischees der Armut und Rückständigkeit. Der Schlüssel zur Verwirklichung dieses Traums ist jedoch nicht westlicher Fortschritt. Sondern Frieden.

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