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Armenien : Zum Geburtstag kommt die Nase weg

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Alles schmeckt hier fabelhaft: Das hauchdünne Lawasch-Brot, das zu fast allen Mahlzeiten gereicht wird, die dicken Kräuterbüschel, mit denen Fleisch und Käse ergänzt werden, die Grillspezialitäten – wir konnten gar nicht so viel essen, wie uns Appetit gemacht wurde

Die armenische ist eine bodenständige und vielfältige Küche, und manche Menükarte überfordert den Gast. Glücklicherweise trafen wir auf Kellner, die schon die bloße Existenz der Menükarte als Affront betrachteten. Denn genaugenommen – das merkten wir bei unserem zweiten oder dritten Restaurantbesuch – weiß der Kellner besser, was wir essen möchten und was uns schmeckt. Nur aus gutmütiger Duldung der seltsamen ausländischen Sitten tat er so, als nähme er eine Bestellung auf. Ob er das Bestellte auch brachte, stand auf einem anderen Blatt. Fest stand nur: Was er brachte, würde grandios schmecken.

Essen ist in Armenien ein Gruppenereignis. Selten sieht man Tische mit nur zwei Personen. Es ist eine Küche für Gruppen. Verschiedenste Speisen werden auf Platten und in Schüsseln herbeigebracht, jeder nimmt sich, was ihm schmeckt. Wieder fühlt man sich an Italien erinnert oder an den Balkan, wo die Kunst des gepflegten Gemeinschaftsgelages immer noch hochgehalten wird. Sich füreinander Zeit nehmen, plaudern, lachen, diskutieren und nebenbei gemeinsam das Mahl genießen – in den Séparées der Restaurants fühlt man sich so privat wie zu Hause.

Der Verpackungsmüll hält sich in Grenzen

Dafür lohnt es sich, auch einmal ein paar Stufen in den Untergrund zu steigen: Viele Geschäfte und Lokale liegen im Souterrain, vom Gehsteig aus muss man bisweilen sehr genau schauen, um die Eingangstreppe zu finden. In einem dieser versunkenen Läden finde ich Tierbedarf. Wie häufig in Armenien gibt es vieles im Offenverkauf. Hier könnte ich mir das Hundefutter aus dem großen Sack in einen kleinen füllen lassen; anderswo werden Kekse, Pralinen, getrocknete Bohnen und Kartoffelchips offen verkauft. Was in unseren Breitengraden hip und fortschrittlich ist, ist in Armenien Alltag. Der Verpackungsmüll hält sich in Grenzen.

Die Auswahl im kleinen Tiergeschäft ist kleiner als bei uns. Doch die Namen der Futtermarken sind die gleichen. Ich beschließe ein wenig davon als „Souvenir“ für meinen Hund zu kaufen, und weil die Verkäuferin solides Englisch spricht, kommen wir ins Gespräch. Ob es stimme, fragt sie, dass die Menschen in Europa keine Kinder mehr hätten, sondern nur noch verwöhnte Haustiere, die sie sogar besser als Kinder behandelten? So würde man es sich hier erzählen. Ich stutze. Das Bild, das die junge Frau von „uns Europäern“ hat, irritiert mich. Dann erkläre ich ihr, dass kein Haustier einen Menschen ersetzen könne. Dass viele sowohl Haustiere als auch Kinder hätten. Dass aber freilich ein Tier unkomplizierter anzuschaffen und zu versorgen sei als ein Kind. Dass, wer den ganzen Tag arbeite, froh sei, wenn er am Abend wenigstens von seiner Katze begrüßt werde. Sie nickt verständnisvoll. Aber ich merke, dass sie meine Worte für Ausflüchte hält. Und mir wird klar: Diese junge Frau mit den blondgefärbten Haaren und den sorgfältig aufgeklebten Gelnägeln hält mich für eine dekadente Westlerin. Ich packe die Hundeleckerlis beschämt ein und gehe.

Der Präsident ist ein Philosoph

Längst hat sich die Frage, die mich am Beginn der Reise beschäftigt hat, umgekehrt. Aus „Sind die Armenier Europäer?“ ist „Wollen die Armenier Europäer sein?“ geworden. Nicht für alle hat das Wort Europa den verheißungsvollen Klang, den ich ihm angedichtet habe. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben erfüllt viele Armenier, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie ihre Zukunft in und mit Europa aufbauen wollen. Das Jahr 2018 war für viele das Jahr der Wende – eingeläutet durch die „Samtene Revolution“ im Frühjahr. Nach wochenlangen Massenprotesten trat der langjährige Staatschef Sersch Sargsjan am 23. April zurück. Der zuvor inhaftierte Oppositionsführer Nikol Paschinjan wurde zum neuen Ministerpräsidenten und bei den Neuwahlen im Dezember im Amt bestätigt.

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