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Armenien : Zum Geburtstag kommt die Nase weg

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Ein Zeichen der armenischen Eigenständigkeit

In Armenien fließen Kulturen aus allen Richtungen zusammen: Osmanisch und persisch, russisch, georgisch, Wien und Neu-Delhi sind in etwa gleich weit entfernt. Wie kann man die eigenwillige Mischung verschiedenster kultureller Einflüsse charakterisieren, die sich hier finden? Ist Armenien ein europäisches Land? Woran könnte man das festmachen? Im Café Vienna frage ich die Kellnerin, ob sie schon einmal in Wien war. Ihr Englisch ist sehr schlecht, doch so viel kann sie sagen: Die weite Reise nach Europa kann sie sich nicht leisten. Für sie ist Europa schon deshalb anderswo. Aber wohin gehört Armenien dann? In welche Schublade kann man es packen?

Springbrunnen in der sehr sauberen Stadtmitte von Eriwan.

Mit dem Wort „postsowjetisch“ kommt man nicht weit. Darunter kann man vielleicht die allgegenwärtigen russischen Aufschriften zusammenfassen, die berühmte Tuffsteinarchitektur, die tanzenden Fontänen am Platz der Republik, der einmal Leninplatz hieß. Viele Armenier sprechen fließend Russisch, und ein Gutteil der Touristen kommt aus Russland, wo sich auch die größte armenische Gemeinschaft außerhalb Armeniens befindet. Aber man darf nicht übersehen, dass die monumentale Statue der „Mutter Armenien“, die recht kriegerisch ein Schwert in der Hand hält, an die Stelle eines ebenso wuchtigen Stalin-Denkmals gesetzt wurde – unmissverständlich ein Zeichen der armenischen Eigenständigkeit. Andererseits: Wer ein Taxi bestellt, benutzt dazu eine Yandex-App. Die Supermarktregale sind mit russischen, kasachischen, weißrussischen Konserven, Pralinen und Keksen gefüllt. Ökonomisch ist Armenien fest an den russisch dominierten Wirtschaftsraum angebunden. Der Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion im Jahr 2015 hat dies bekräftigt.

Die Sehnsucht nach einem neuen Gesicht

Kulturell hingegen strebt das Land eindeutig darüber hinaus. Aber „europäisch“ ist eben auch nicht der richtige Begriff, denn er blendet die tiefe Verwurzelung Armeniens an dieser Schnittstelle zwischen dem, was wir so ungenügend als Orient und Okzident bezeichnen, aus. „Westlich“ mag ein hilfreicher Begriff sein. Womit im weiten Sinne jedoch gemeint ist: konsumorientiert, globalisiert, einer standardisierten Ästhetik folgend.

Auch und gerade die Nasen bezeugen diesen Drang zur „Verwestlichung“. Denn in Jerewan sind die armenischen Nasen selten geworden – zumal unter Frauen. Gerade, feine Näschen sind mittlerweile die Norm, eine sehr „westliche“ Norm. Nach Südkorea und Iran sei Armenien das Land mit den meisten Nasenoperationen, hört man.

Es sei zum Statussymbol geworden, seinen Töchtern zum Schulabschluss, zum Diplom, zum achtzehten Geburtstag oder zu einem sonstigen sich bietenden Anlass eine neue, schlanke, gänzlich unarmenische Nase zu schenken. Dabei hat der „Nose Job“ für die Armenier nichts Anstößiges; im Gegenteil. Die Sehnsucht vieler Armenier nach einem neuen Gesicht, einem neuen Profil scheint symptomatisch zu sein für die Anpassung an westliche Standards.

Der Kellner weiß am besten, was schmeckt

Ein armes, rückständiges Land will Armenien nicht sein, auch wenn dieses Vorurteil noch in manchen Köpfen herumgeistert. Ja, viele Menschen leben in sehr bescheidenen Verhältnissen. Und gerade auf dem Land verschmelzen Traditionen und Aberglauben zu einer eigenwilligen Mischung aus Volksfrömmigkeit und fast schon bizarrem magischen Denken. Auf den jedoch, der italienische oder griechische Dörfchen kennt, wirkt all das sehr nah und vertraut. Ältere Frauen mit Kopftüchern, die ihre selbstgemachten Marmeladen, Wollsocken oder Gata-Brote anbieten – jede von ihnen gleicht einer italienischen Nonna. Am liebsten kaufte man ihnen alles ab. Alles schmeckt hier fabelhaft: Das hauchdünne Lawasch-Brot, das zu fast allen Mahlzeiten gereicht wird, die dicken Kräuterbüschel, mit denen Fleisch und Käse ergänzt werden, die Grillspezialitäten, die gefüllten Wein- und Kohlblätter, auch der Hauswein – wir konnten gar nicht so viel essen, wie uns Appetit gemacht wurde.

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