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Senegal : Das Orakel der Madame Dionkong

Alles Handarbeit: Die Küstenfischerei ist der wichtigste Wirtschaftszweig Senegals, das seine Hochsee notgedrungen Japanern und Koreanern überlässt. Bild: Reuters

Senegal ist der muslimische Musterstaat in Westafrika, tolerant, weltoffen und trotzdem fest in seinen Traditionen verwurzelt – ein Land, in dem für monumentale Moscheen ebenso Platz ist wie für animistische Dorfkönige.

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          Der König kommt so rasch, wie es das Sprichwort von der tugendhaft royalen Pünktlichkeit gebietet. Keine fünf Minuten haben wir in seinem Audienzsaal gewartet, einem staubigen Geviert unter freiem Himmel mit Palmwedelwänden, hinter denen sein verbotenes Reich beginnt. Daraus tritt nun König Sibilumbaye von Oussouye gemessenen Schrittes hervor, gekleidet in ein schlichtes, scharlachrotes Gewand und Sportsocken ohne Schuhe, gekrönt von einer Art Kochmütze in derselben Farbe, bewehrt mit einem Reisigstöckchen anstelle eines Zepters. Als Zeichen der Demut nimmt er nicht wie wir auf einem Plastikstuhl, sondern einem Holzschemel Platz, und als Ausweis der Erhabenheit lässt er seine drei Lakaien für sich sprechen.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          König Sibilumbaye, Spross einer der vier noblen Familien vom Volk der Diola, war nicht immer der Herrscher von Oussouye, sondern hieß früher Olivier, arbeitete als Automechaniker und führte ein geruhsames Leben, bis ihn vor neunzehn Jahren der Rat der Weisen auf Anweisung der Ahnengeister zum Monarchen auf Lebenszeit bestimmte. Seither gebietet er über siebzehn Dörfer im Süden Senegals, schlichtet Streit, verteilt Almosen, empfängt Bittsteller, gewährt Touristen gegen einen Obolus Audienz und betet im Namen seiner Untertanen, die er großmütig auch Muslime oder Christen sein lässt, zu den Fetischen, was jedes Mal zehn Liter Palmwein kostet. So verlangt es die animistische Tradition seines Volkes, das die Ahnen verehrt und ihnen Tiere opfert, an die Reinkarnation glaubt und mosaische Gebote befolgt. In der wenigen freien Zeit kümmert er sich um seine drei Ehefrauen und fünfzehn Kinder, und das alles scheint Sibilumbaye viel Kraft zu kosten, denn er sitzt uns nicht wie ein Sonnenkönig gegenüber, sondern wie ein Melancholiker, sehr müde und so versonnen, als sehne er sich manchmal nach Zündkerze statt Zepter zurück.

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