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Reise durch Nordirland : Über die unsichtbare Grenze

Grenzenlose Freiheit! Oder nicht? An den Klippen Nordirlands möchte dieser Tage so mancher die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Bild: Keith Levit / Design Pics / FOTO

Die meisten Irland-Touristen bereisen nur den Süden. Dabei gibt es alles, was den Charme der Insel ausmacht, auch im Norden – und vielleicht sogar ein bisschen mehr.

          Fast hätte man sie übersehen. Die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland, Teil des Vereinigten Königreichs von Großbritannien, erkennt man auf der kleinen Landstraße zwischen Dublin und Belfast nur daran, dass die gelbe Fahrbahnmarkierung plötzlich weiß wird. Kein Ereignis ist auch ein Ereignis: Das, was an dieser Landstraße nicht zu sehen ist, über das spricht in diesen Tagen ganz Europa.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir sind unterwegs durch den Norden Irlands, dem Teil des Landes, durch den die Grenze führt. Eigentlich sind wir zum Wandern gekommen, aber schnell geht es kurz vor einem möglichen harten Brexit auch ums Politische, denn mit ihm käme auch eine geschlossene Grenze. Dass man Kultur und Politik nicht trennen kann, wissen die Menschen hier, denn es gehört zu ihrem Alltag und zu ihrer Geschichte. Deshalb sind sie klug genug, den Touristen nicht vorspielen zu wollen, dass die Welt hier oben so heil ist, wie man sie aus der irischen Butterwerbung kennt.

          Wir stehen an der Peace Wall in West Belfast. Ein kühler Wind weht durch die Straße. Sean hat sich vor der langgezogenen Mauer postiert, die bemalt, besprüht und vollgekritzelt ist. Er fährt mit seinem Taxi Touristen durch die Stadt, um ihnen Orte zu zeigen, an denen der Nordirlandkonflikt noch sichtbar ist. Die Mauer trennt den protestantischen Stadtteil Shankill von dem katholischen Stadtteil Falls. Errichtet wurde sie 1970, um die „Troubles“, die Unruhen, einzudämmen. „Friedensmauer“ sei eigentlich ein makabrer Name, sagt Sean, denn sie trenne die Menschen voneinander. Morgens um 7.30 Uhr würden die Tore zum Durchgehen geöffnet und um 16.30 Uhr wieder geschlossen, sonntags blieben sie zu. Sean erzählt davon, was Identität in einem Land bedeutet, das zerrissen ist. Er selbst sehe sich nicht als Katholik, denn von der Kirche hält er nicht mehr viel, aber er sehe sich als Ire, und dass er einen britischen Pass habe, spiele überhaupt keine Rolle. Sein Kumpel Brian zeigt Zeitungsausschnitte von den „Troubles“, schwer bewaffnete Soldaten, Stacheldraht, Männer, die um ihr Leben rennen. Und erst auf Nachfrage erzählt der Zweiundfünfzigjährige, wie es war, in den siebziger Jahren ein Kind gewesen zu sein. „Gewalt war etwas ganz Normales“, sagt er, als Kind habe er in einem Pub dabei zusehen müssen, wie ein Mann von der Irish Republican Army (IRA) erschossen wurde, weil er als Informant der Briten galt. „Es gab viele Opfer, auf beiden Seiten.“

          Auf dem Gobbins Cliff Path

          Seit mehr als zwanzig Jahren herrscht Waffenstillstand in Nordirland, aber es brodelt noch im Untergrund, jedenfalls in den Arbeitervierteln der Stadt. Die IRA hat sich offiziell aufgelöst, aber die Strukturen gebe es noch, erzählen die beiden Taxifahrer. Zusammengewachsen ist nicht wirklich etwas, die Kinder gehen auf getrennte Schulen, man bleibt unter sich. „Theoretisch ist es möglich, dass Katholiken und Protestanten heiraten“, sagt Sean, „aber wenn sie es tun, müssen sie von hier wegziehen.“

          Ein paar Kilometer weiter an der Küste nördlich von Belfast ist von dem Konflikt nichts mehr zu spüren. Wir wandern mit Rangerin Jill auf dem Gobbins Cliff Path entlang. Ein schmaler Weg, der sich um die Klippen schlängelt. Für die Brücken sollte man schwindelfrei sein, mahnte sie vor der Wanderung. Sicherheitshalber tragen alle Helme, auch um die stockdunklen, niedrigen Tunnel in den Felsen zu passieren. Während wir ein paar spielenden Belugawalen draußen auf der Irischen See zuschauen, erzählt Jill, dass am 31. Mai 1911 ganze Familien aus Belfast hier herauskamen, um von dem schmalen Klippenweg aus den Stapellauf der „Titanic“ zu verfolgen, die in der damals größten Reederei der Welt, bei Harland & Wolff, in Belfast gebaut wurde und sich an jenem Tag auf den Weg nach Southampton machte. Viele Männer aus Belfast und Umgebung waren auf dem Schiff, um zu arbeiten, und sie starben ein knappes Jahr später, als der Luxusdampfer vor Neufundland sank.

          Verbindende Elemente: Für die Wanderung über die Brücken des Gobbins Cliff Path sollte man schwindelfrei sein.

          Der Ausbau von Wanderwegen, Besucherzentren an der Küste, Nationalparks und nicht zuletzt die Eröffnung des „Titanic“-Museums in Belfast vor fünf Jahren zeigen, dass viel getan wird für den Tourismus im Norden von Irland. Dennoch kommen viele Irlandreisende gar nicht auf die Idee, überhaupt hier hochzufahren. Die meisten bereisen lieber den Südwesten, die Region, die Zyniker auch gerne das „Kerrygold-Irland“ nennen. Dabei gibt es alles, was den Charme von Irland ausmacht, auch im Norden, und vielleicht sogar ein bisschen mehr. Zum Beispiel die höchsten Klippen der Insel.

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