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Reise durch Kuba : Was kommt nach der Dämmerung?

Die Choreographie ist seit Jahren dieselbe: Tänzerinnen im Tropicana

Fragend wie Michael Corleone in Francis Ford Coppolas Film „Der Pate II“, der zu Teilen im Havanna des Jahres 1958 spielt, fahren wir in die Metropole hinein. Unsere Fragen sind dieselben: Welches Potential hat die Stadt, welche Stimmungen spiegelt sie wider, sollte man hier investieren? Auf den ersten Blick hat sich wenig verändert im Vergleich zu Coppolas Filmaufnahmen: Es fahren noch immer die gleichen Autos auf der Straße, man trinkt die gleichen Rum-Drinks, geht ins „Tropicana“, raucht Cohiba, die Band spielt Guantanamera, und die beeindruckendsten Hotels sind nach wie vor das „Capri“ und das „Nacional“, beide von der Mafia erbaut. Don Michele, der Mafiaboss im Film, schreckt vor der letzten geplanten Investition in Havanna dann doch zurück. Auf einer Straße hat er einen Revolutionär beobachtet, der für die Freiheit seines Landes einen Selbstmordanschlag verübt. Da wird ihm klar: Diese Idealisten könnten siegen.

Honoriert wird eigenwilliger Patriotismus

Welche künftigen Sieger trifft man heute auf den Straßen Havannas? Alberto, Ende sechzig, blaue Augen, Zigarettenstimme, würde sich wohl nicht als solchen bezeichnen. Heute fährt er für den staatlichen Tourismus einen alten roten Chrysler von 1956 durch die Gegend, früher war er bei der Marine, anschließend Maurer, chauffierte dann Politiker in einem Lada. Es kam das Jahr 1990, und er musste, Ironie der Geschichte, auf einen amerikanischen Oldtimer umsteigen, der inzwischen von einem Toyota-Motor angetrieben wird. In jungen Jahren hatte er einmal die Chance, in der DDR zu arbeiten, doch man erzählte ihm, dort würde man sich im Winter Nase und Ohren abfrieren, und so blieb er auf Kuba.

Kuba honoriert einen eigenwilligen Patriotismus: Mit Che Guevara verehrt das Land einen polyglotten Argentinier, mit Ernest Hemingway, der lange in Havanna lebte, sogar einen Amerikaner. Dort, wo der Schriftsteller seine Mojitos und Daiquiris trank, in den Bars „La Bodequita“ und im „El Floridita“, ist noch heute rund um die Uhr Betrieb. Aber auch aus eigener Kraft vermarktet Havanna seit einiger Zeit erfolgreich sein Stadtbild. Die Plaza Vieja etwa ist vorbildlich renoviert worden, und es ist eine Freude zu sehen, dass sich in den Eckhäusern nicht „McDonalds“ und „Starbucks“ befinden, sondern eine kubanische Kaffeerösterei und eine Mikrobrauerei, die hinter gelber Fassade, traditionellen Glasfenstern und einem Arkadengang auch Hamburger grillt. Das kann aber nur ein Anfang sein. Es ist unterhaltsam, die unzähligen jungen Kellner der „Factoria Plaza Vieja“ beim Nichtstun zu beobachten, junge Leute mit Hahnenkammfrisuren, die wegen ausgiebiger Schwätzchen zehn Minuten brauchen, um ein Bier zu servieren. Sie sind alles andere als leistungsbereit, noch augenfälliger aber ist, dass der Sozialismus mit dieser Generation nicht mehr lange zu machen ist.

Auf dem Rückflug, dem Tag, an dem Obama am Rande der Trauerfeier von Nelson Mandela Raúl Castro die Hand reicht, stöbern wir in einem Gedichtband des kubanischen Nationalhelden José Martí, den wir in englischer Sprache in einer Buchhandlung Havannas erstanden haben. Dabei überrascht uns das Gedicht „Dos patrias“, „Zwei Heimaten“, das neben Kuba, als „traurige Witwe“ bezeichnet, die Nacht als zweite Heimat stellt. In den Beschreibungen des kubanischen Nationalhelden Martí erkennen wir dabei nicht nur unsere Dunkelheitserfahrungen wieder, das Gedicht beschreibt die Nacht auch als Quelle der Veränderung. Es wird spannend, zu verfolgen, wie sich die Tourismusnation Kuba in den nächsten Jahren verändern wird. So, wie wir Kuba verlassen haben, sind wir sicher, es nicht wiederzusehen.

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