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Reise durch Kuba : Was kommt nach der Dämmerung?

Dämmerung in Santiago de Cuba

Und auch in Baracoa, der ersten Hauptstadt Kubas, gelegen am Rande des Humboldt-Nationalparks, landen wir, nachdem sich unser Bus über die berüchtigte Passstraße La Farola gequält hat, in einer „Casa de la Trova“, in der wir den erstaunlichsten Menschen unserer Reise kennenlernen. Er heißt Jorge, ist der Conférencier und Animateur der Casa, trägt eine Frisur wie Patrick Swayze und hat gegerbte, indigene Züge. Klein, drahtig, sprunghaft, ist er ein Held der Wiederholung. Mit der immer selben Masche sorgt er für einen erstaunlichen Mojito-Umsatz vor den offenen Glastüren der ozeanblauen Bar: Zunächst vergleicht er den Neuankömmling mit einem berühmten Schauspieler oder Sänger, bringt ihm nach zwanglosem Gespräch das erste Getränk, und immer, wenn dieses geleert ist, steht er plötzlich hinter einem, gibt eine Art Warnruf von sich - „Heeäh“ -, zeigt sich mit erhobenen Händen erschreckt, wenn man sich umdreht, lacht verschmitzt und fragt dann in jeder Sprache der Welt ganz beiläufig: „Noch einen Mojito?“ Irgendwann steht er dann auch selbst auf der Bühne, singt krähend eine Ballade und stellt anschließend mit ungespieltem Ernst fest, nein, singen könne er wirklich nicht. Ob er sich vorstellen könne, woanders zu leben, fragen wir ihn. Natürlich könne er das, aber er sei einfach zu arm zum Emigrieren, da bleibe er eben hier. Für den Moment scheint ihn mehr der Umstand zu beschäftigen, dass er seine Tische nicht mehr vor der Casa aufstellen darf. Der Priester der nahe gelegenen Kirche hat es ihm verbieten lassen. „Eine Katastrophe fürs Geschäft“, sagt er und entdeckt im Publikum schon die nächste Shakira.

Erschlagen von der sanierungsbedürftigen Größe

Es ist eine ausgelassene, sternenklare Nacht vor der Kirche in Baracoa. Den Urwald und den fast sechshundert Meter hohen El Yunque im Hintergrund, meint man, die Luft schmecke nach Bananen. Die halbe Stadt scheint auf den Beinen zu sein, die „Casa“ ist auch ohne Außentische gut besucht, doch am meisten Gedränge gibt es in der Disco „La Terraza“ schräg gegenüber, in die sich die Jugend mit enganliegenden Klamotten zwängt. Seltsamerweise sehen wir kein einziges Mobiltelefon, obwohl es doch zwei Millionen auf Kuba geben soll. Dann erfahren wir, dass die Gesprächsminute fünfzig CUC-Cent kostet, eine SMS immerhin neun, das kann sich kaum einer leisten.

Das einzige iPhone, das wir auf unserer Reise sehen, liegt dann in der Hand unserer Führerin durch eine Zigarrenfabrik in Havanna. Die Hauptstadt Kubas, die wir, 1200 Kilometer entfernt von Baracoa, in einer Propellermaschine erreichen, wird uns nach den Eindrücken des urwüchsigen Ostens zunächst geradezu erschlagen mit ihrer sanierungsbedürftigen Größe.

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