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Reisen im Kaukasus : Alles begann mit einer Orgie

Heimatgefühle: Die ältesten Europäer wurden in Dmanissi gefunden. Bild: Imago

Nahezu alles in Georgien lässt sich auf Essen und Trinken zurückführen. Dort gelangt man an die Wiege von Wein, Gold und Gesang – und vielleicht sogar an die des Europäers.

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          Drei Heiligtümer, sagt der Georgier, kann ihm keiner nehmen: den Glauben, die Sprache, die Heimat. Wie mächtig der Glaube nach eher gottfernen Sowjetzeiten wieder geworden ist, zeigt sich bereits am Kranz der teils goldüberkuppelten Kirchen beim Anflug auf Tbilissi (und diese Schreib- und Sprechweise sollte man Georgiern gegenüber dem verhassten russischen „Tiflis“ unbedingt vorziehen). Die orthodoxe Kirche durchdringt von neuem alle Bereiche der georgischen Gesellschaft, die Kathedrale Tsminda-Sameba des Patriarchen staffelt sich mit ihren Seitenschiffen und Türmen grotesk hoch über der Stadt auf.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihre Sprache kann den Georgiern tatsächlich niemand nehmen, denn es kann sie schlicht keiner erlernen. Das georgische Alphabet, damit es schön schwer bleibt, besitzt gleich dreiunddreißig Buchstaben und ähnelt einem zweckfreien Ornament, als hätte ein Kleinkind beim Essen wild seine Nudeln im Raum verteilt. Tatsächlich ist das freie Spiel mit Nudeln die offizielle Entstehungslegende dieser Lettern, und manche Georgier selbst nennen sie liebevoll „Spaghettischrift“. In letzter Konsequenz lässt sich nahezu alles in Georgien auf Essen und Trinken zurückführen. Und damit ist man beim dritten Heiligtum Georgiens, der Heimat, die abermals viel mit Speisen und Trinken zu tun hat. Denn auch diejenigen, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ins Exil gingen, nahmen ihren Wein und ihre unverwechselbaren, mit Käse überbackenen Chatschapuri-Brote wie auch die gaumenkitzelnden Walnusspasten und Desserts mit kandierten Maronen und weißen Kirschen überallhin mit.

          Große Küche, kleine Preise

          Weit mehr, als Georgier im Inland leben, sind bekanntlich über alle Welt verstreut, wohin immer aber sie migriert sind, bietet ihnen die georgische Küche ein Stück Heimat. Georgien hält zweifelsohne eine der besten Küchen weltweit bei gleichzeitig äußerster Schonung des Geldbeutels vor, mit Bestandteilen der Gerichte wie seltenen Gewürzen und Gewächsen, die nicht nur in anderen Ländern überhaupt nicht verwendet werden, sondern mit pflanzlichen Zutaten, die andernorts längst ausgestorben sind. Der Kitzel zum Beispiel, bestimmte seltene Sumpfknollen zu verspeisen, entspricht wohl in etwa dem, Mammutsteak zu kosten. Gesund muss das Essen obendrein sein, sonst läge das Land nicht auf der Liste der meisten Hundertjährigen seit Jahrzehnten weit vorne. Den ältesten nachweisbaren Weinbau weltweit hat Georgien ohnehin. Es ist also auch auf kulinarischem Gebiet eine Rudimentregion, eine, die durch ihre Randlage Besonderheiten erhalten hat, die es nirgends anders gibt. Wobei Randlage aus historischer Sicht nicht richtig ist: Nach großen Anfängen in Spätantike und frühem Mittelalter – immerhin ist Georgien nach Armenien die zweitälteste christliche Nation – wurde es über Jahrhunderte tributpflichtiges Durchmarschland und Spielball von Persern, Mongolen oder Osmanen, den fremden Nachbarn der mehr oder weniger frommen Kaukasier.

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