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Madagaskars Süden : Dorn to be wild

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Große Baobabs, auch Affenbrotbäume genannt, in einer Sisal-Plantage, die aussieht wie eine Armee bösartiger, grüner Trolle Bild: Stefan Niggemeier

Nirgendwo sonst ist die Natur so wundersam wie auf Madagaskar. Eine Reise ins Land der Lemuren, jener zauberhaften, affenartigen Flauschgeschöpfe, die es nur hier gibt. Und das sogar in einer Welt der Dornen.

          6 Min.

          Sie stehen da wie eine unbesiegbare Armee bösartiger grünhaariger Trolle: Sisal-Pflanzen, so weit das Auge reicht, in Reih und Glied, bis zum Horizont und dann noch mal so weit und dann noch mal.

          Schnurgerade führt eine endlose Hauptstraße hindurch. Der Asphalt ist links und rechts weggebrochen, und immer wieder graben sich auch in der Mitte tiefe Krater in den Boden. Die Menschen hier navigieren mühsam Holzkarren über die verwüstete Piste. Es wäre wahrscheinlich leichter, hier langzufahren, wenn es gar keinen Straßenbelag gäbe, aber die Regierung, heißt es, lasse die Reste nicht entfernen, weil sie die Strecke weiter in ihrer Statistik der befestigten Straßen im Land mitzählen will.

          Es ist, mit den endlosen Reihen der jeweils einheitlich abgeernteten Agaven-Pflanzen, eine endzeitliche Szenerie. Eine Hölle aus Stacheln. Da müssen wir durch, wenn wir zu den Lemuren wollen.

          Staunend sehen sie uns an: Mausmaki in Madagaskar

          Die Franzosen, unter deren Protektorat Madagaskar ab 1890 fiel, rodeten hier ab den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts auf einer Fläche von zig mal zig Kilometern die Bäume und bauten die Agaven an. Der Natur ist unter den extremen Bedingungen allerdings noch mehr eingefallen als den Kolonialherrschern.

          Einige Vorboten dessen sehen wir schon bei der Fahrt durch die trostlosen Sisal-Plantagen: Gelegentlich stehen am Rand Gruppen von mannshohen schlanken Pflanzen, die die strenge Geometrie durchbrechen und uns mit Tentakelarmen zuwinken. Erst später, aus der Nähe, werden wir sehen, dass der freundliche grüne Flaum, der sie zu bedecken scheint, in Wahrheit erstaunlich regelmäßig angeordnete kleine runde Blätter sind. Und zwischen ihnen, ebenso regelmäßig, allerdings weitaus weniger freundlich aufgereiht: Dornen.

          Flauschgeschöpfe in einer stacheligen Welt

          Madagaskar, die große Insel vor der Südostküste Afrikas, eröffnet einem eine einzigartige Welt, voller Tiere und Pflanzen, die es so nirgends sonst gibt. Aber der Dornwald wirkt noch einmal wundersamer als alles andere. Die Landschaft, über die wir hier blicken, ist mit keiner anderen des Planeten vergleichbar, um das zu erkennen, muss man kein Botaniker sein, so fremdartig und verwegen ist sie. Mit ihren langen, teils verschlungenen, teils nach oben ausgestreckten Armen wirken diese Pflanzen, als müssten sie einer Unterwasserwelt angehören oder am Boden eines riesigen Aquariums stehen.

          Oktopusbaum wird treffend eine von ihnen genannt, andere bestehen aus endlosen Ketten langer Wurstfinger. In dem wilden Gestrüpp findet sich immer wieder eine erstaunliche Ordnung, wenn sich Dornen und senkrecht abstehende Blätter abwechselnd spiralförmig um einen Stamm winden.

          Frauen aus dem Volk der Antandroy tragen Feuerholz

          Über den sandigen Boden schlurfen zwei Strahlenschildkröten, deren Panzer aussieht wie ein altes Eurovisions-Logo. Sie sind vom Aussterben bedroht, obwohl ihr Verzehr bei den Antandroy als „Fady“, als Tabu, gilt. Die Antandroy sind das Volk, das hier zu Hause ist. Der Name bedeutet: die Menschen der Dornen. Einer von ihnen, der mit seiner Familie in einer winzigen Holzhütte am Rand wohnt, führt uns durch den Wald, der der Gemeinschaft gehört, und sucht für uns die anderen hier heimischen Lebewesen.

          Madagaskar ist das Land der Lemuren, jener zauberhaften, affenartigen Flauschgeschöpfe, die es auch nur auf Madagaskar gibt. Und das sogar hier, in dieser Welt der Dornen!

          Feste Zelte am Fluss

          Abends, nach Einbruch der Dunkelheit, stöbern wir nachtaktive Lemuren auf: Mausmakis vor allem, die exakt so aussehen, wie sie heißen, verbergen sich hinter den wulstigen Ästen der Vegetation. Mit ihren cartoonhaft riesigen Augen schauen sie uns staunend an. Einen grauen Mausmaki sehen wir auf viele Meter Entfernung in einem Baum sitzen, weil seine Augen das Licht unserer Taschenlampen reflektieren und wie Autoscheinwerfer leuchten.

          Am Tag sind Sifakas die schüchternen Stars. Mit ihrem weißen Fell und den schwarzen Köpfen haben sie etwas von Schafen, was besonders merkwürdig wirkt, wenn man einen von ihnen hoch in den Wipfeln eines der Dornbäume entdeckt. Mit skeptischem Blick verfolgen sie von dort die menschlichen Eindringlinge - die Stacheln der Pflanzen, an denen sie hängen und auf denen sie sitzen, scheinen sie nicht zu beeindrucken. Sifakas sind sensationelle Springer - viele Meter überqueren sie in der Luft von einem Baum zum anderen. Ihre langen Beine sind perfekt dafür, nur kommt das mit einem hohen Preis: Zum klassischen Affengang auf allen vieren sind sie denkbar ungeeignet. Wenn sich das Laufen auf dem Boden gar nicht vermeiden lässt, hüpfen die Sifakas in einem lockeren Seitwärtstanz über die Wege. In der Luft aber sind sie so beweglich, dass man von Springen gar nicht reden möchte. Sie fliegen.

          Auf dem Boden geht es nur seitwärts vorwärts: Ein Sifaka unterwegs

          Dieses Stück Dornwald liegt in der Nähe des Ortes Ifotaka. Unweit davon hat der Brite Edward Tucker Brown vor wenigen Jahren eine besondere Unterkunft für Touristen geschaffen: Direkt am großen Mandrare-Fluss, der Lebensader der ganzen Gegend, hat er mehrere feste Zelte errichten lassen, Luxusstätten mit gemauerten Badezimmern unter dem Zeltdach, aber ganz nah an der Natur und in engem Austausch mit den Menschen, die hier leben.

          Wenn es nur den Verstorbenen gutgeht

          Morgens um vier weckt uns ein Vogel, der Gabeldrongo, mit seinem Ruf, der so lieblich ist wie eine Auto-Alarmanlage. Auf dem Weg zu einem überdachten Platz im Zentrum des Camps, wo das Essen serviert wird, sitzen Echsen und Chamäleons.

          Wir sind in den ersten Tagen die einzigen Gäste hier, was das Gefühl der Einsamkeit und Abgeschiedenheit noch verstärkt. Und die Szene noch ein bisschen kolonialer wirken lässt, mit dem Luxus inmitten der Natur und den Helfern, die uns aufwendig gezauberte Speisen servieren.

          Von weit her strömen Menschen und Tiere zum Mandrare-Fluss

          Von weit her strömen Tiere und Menschen zum Fluss. Man hört das Lachen der Kinder, die im Wasser mit etwas spielen, das wie ein Fischernetz aussieht. Leider ist es aber nur eines der Netze, die hier von internationalen Organisationen zum Schutz vor Malaria verteilt werden. Die Idylle hat in Madagaskar immer Brüche. Die Antandroy gelten als extrem zähe und tapfere Krieger. Und als besonders traditionsbewusst. Sie pflegen ihre alten Bräuche und Kulte. Eine der wichtigsten Regeln ist, dass es den Verstorbenen gut geht. Mit der Arroganz des Besuchers aus Europa möchte man ihnen manchmal raten, sich mehr um das Wohlergehen der Lebenden zu kümmern, aber was wissen wir schon.

          Was der Sifaka will, ist unmissverständlich

          Dank der Kultur der Antandroy gibt es hier, einige Kilometer weiter auf der anderen Seite des Flusses, auch noch einen intakten, üppig grünen Galeriewald mit Tamarindenbäumen. Er steht unter dem strengen Schutz eines Tabus. Aber man darf ihn besuchen, wenn man die drei P beachtet, die verboten sind: peeing, pointing, picking. Man darf nicht hineinpinkeln, nichts mitnehmen und nicht auf irgendetwas zeigen, was unseren Reiseführern die Aufgabe deutlich erschwert, uns auf etwas aufmerksam zu machen, das sie dort irgendwo in der Ferne oder der Höhe entdeckt haben, etwa einen Wiedehopf oder einen Madagaskar-Paradiesschnäpper. Mit der Hand und abgewinkeltem Zeigefinger versuchen sie uns die Richtung zu weisen.

          Die Stacheln stören ihn nicht: Sifaka im Dornenwald

          Ein Sifaka hat es sich auf einem Baumstamm bequem gemacht und sitzt darauf wie auf einem Motorrad, cool und desinteressiert. Ein zweiter mustert uns gründlich aus der Ferne. Ein dritter nähert sich uns auf Umwegen, schaut rüber und macht das Geräusch, dem die Tiere ihren Namen verdanken: ein scharfes „Sfk! Sfk!“, unterstützt von leicht verärgert wirkendem Kopfnicken. Es ist nicht schwer zu verstehen: „Höi. Was wird das hier. Macht keinen Unsinn. Haut ab.“ Es gibt auch ein kleineres Warngeräusch, das klingt wie ein empörter Schluckauf.

          Sie wirken imposant, weil ihr Lebensraum zerstört wurde

          In mehreren Gruppen streifen Kattas durch den Wald, die vielleicht bekannteste Lemurenart und so etwas wie ein Nationalsymbol Madagaskars, unverkennbar durch ihre Ringelschwänze. Die sind länger als der ganze restliche Körper des Tieres, und wenn sie, mehr oder weniger aufgereiht, hintereinander über den Waldboden laufen, ragen die Schwänze wackelnd weit in die Höhe - und sehen aus wie die Fahnen, die man hinten bei Kindern an die Fahrräder macht, damit sie im Straßenverkehr nicht übersehen werden.

          Wir setzen uns aufs Laub und schauen einfach nur zu: Wie sie den Wald durchqueren, ein Männchen vertreiben, wie drei Junge auf den Ästen miteinander Fangen spielen. Eine Mutter mit ihrem Baby beschwert sich lautstark über unsere Nähe. Am Himmel sehen wir einen Falken kreisen, der die Kattas von der anderen Seite im Blick hat.

          Unser Besuch in Ifotaka endet mit einem grandiosen Sonnenuntergang, nicht am Fluss im Camp, sondern auf einem der Sisalfelder ein paar Kilometer entfernt. Hier steht zwischen den ganzen grünhaarigen Trollen eine Handvoll Affenbrotbäume, die berühmten Baobabs, die nicht angetastet werden. Unvergleichlich und unverkennbar mit ihren gewaltigen kahlen, glatten Stämmen, aus denen sich erst in der Spitze die Äste verzweigen und ein grünes Dach bilden. Sie müssen hier seit Hunderten von Jahren stehen und in einer Zeit gewachsen sein, als sie von dichtem Wald umgeben waren. Dass sie so grandios wirken, liegt auch daran, dass ihr eigentlicher Lebensraum zerstört wurde. Das bringt einen ins Grübeln, aber es nimmt diesen Giganten nichts von ihrer knorrigen Würde.

          Wie kostbar dieser Dornwald wirkt

          Zurück zur Hafenstadt Tolagnaro geht es am nächsten Tag nicht auf dem dreieinhalbstündigen Weg mit dem Auto, sondern mit einem Propellerflugzeug. Dank der Sisalfabrik gibt es einen kleinen Landeplatz. Wir fliegen an unserem Camp am Fluss vorbei und sehen aus der Luft, wie bedroht und kostbar der Dornwald ist und wie klein und fragil der grüne Galeriewald inmitten der riesigen und teils leergeräumten Landschaft sitzt, mit den Kattas und Sifakas darin, die wir gesucht und gefunden haben.

          Es gäbe einen kürzeren und einfacheren Weg, die tierischen Ureinwohner dieses Teils Madagaskars zu sehen: den Berentypark, ein privates Reservat, nur rund zwei Stunden von der Stadt entfernt. Hier muss man sich auch nicht mühsam auf die Suche nach den Kattas machen - sie fallen praktisch aus den Bäumen, wenn die Menschen kommen, von denen sie Futter erwarten.

          Es ist nicht dasselbe.

          Madagaskar

          Der Weg nach Madagaskar

          Anreise Air France (www.airfrance.de) fliegt von Paris ab 500 Euro in die Hauptstadt Antananarivo. Von dort mit Air Madagascar für ca. 390 Euro (www.airmadagascar.com) weiter nach Tolagnaro (Fort-Dauphin).

          Unterkunft Das Mandrara River Camp kann über madagascarclassic.de gebucht werden.

          Geführte Rundreisen durch Madagaskar bietet Reef & Rainforest Tours in englischer Sprache an (www.reefandrainforest.co.uk), ab 4000 Euro. Deutschsprachige Touren können über den Anbieter Setam (www.setam-madagascar.com/de) gebucht werden. Ab 780 Euro.

          Hinweis Bitte beachten Sie die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts.

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