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Madagaskars Süden : Dorn to be wild

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Große Baobabs, auch Affenbrotbäume genannt, in einer Sisal-Plantage, die aussieht wie eine Armee bösartiger, grüner Trolle Bild: Stefan Niggemeier

Nirgendwo sonst ist die Natur so wundersam wie auf Madagaskar. Eine Reise ins Land der Lemuren, jener zauberhaften, affenartigen Flauschgeschöpfe, die es nur hier gibt. Und das sogar in einer Welt der Dornen.

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          Sie stehen da wie eine unbesiegbare Armee bösartiger grünhaariger Trolle: Sisal-Pflanzen, so weit das Auge reicht, in Reih und Glied, bis zum Horizont und dann noch mal so weit und dann noch mal.

          Schnurgerade führt eine endlose Hauptstraße hindurch. Der Asphalt ist links und rechts weggebrochen, und immer wieder graben sich auch in der Mitte tiefe Krater in den Boden. Die Menschen hier navigieren mühsam Holzkarren über die verwüstete Piste. Es wäre wahrscheinlich leichter, hier langzufahren, wenn es gar keinen Straßenbelag gäbe, aber die Regierung, heißt es, lasse die Reste nicht entfernen, weil sie die Strecke weiter in ihrer Statistik der befestigten Straßen im Land mitzählen will.

          Es ist, mit den endlosen Reihen der jeweils einheitlich abgeernteten Agaven-Pflanzen, eine endzeitliche Szenerie. Eine Hölle aus Stacheln. Da müssen wir durch, wenn wir zu den Lemuren wollen.

          Staunend sehen sie uns an: Mausmaki in Madagaskar
          Staunend sehen sie uns an: Mausmaki in Madagaskar : Bild: Picture-Alliance

          Die Franzosen, unter deren Protektorat Madagaskar ab 1890 fiel, rodeten hier ab den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts auf einer Fläche von zig mal zig Kilometern die Bäume und bauten die Agaven an. Der Natur ist unter den extremen Bedingungen allerdings noch mehr eingefallen als den Kolonialherrschern.

          Einige Vorboten dessen sehen wir schon bei der Fahrt durch die trostlosen Sisal-Plantagen: Gelegentlich stehen am Rand Gruppen von mannshohen schlanken Pflanzen, die die strenge Geometrie durchbrechen und uns mit Tentakelarmen zuwinken. Erst später, aus der Nähe, werden wir sehen, dass der freundliche grüne Flaum, der sie zu bedecken scheint, in Wahrheit erstaunlich regelmäßig angeordnete kleine runde Blätter sind. Und zwischen ihnen, ebenso regelmäßig, allerdings weitaus weniger freundlich aufgereiht: Dornen.

          Flauschgeschöpfe in einer stacheligen Welt

          Madagaskar, die große Insel vor der Südostküste Afrikas, eröffnet einem eine einzigartige Welt, voller Tiere und Pflanzen, die es so nirgends sonst gibt. Aber der Dornwald wirkt noch einmal wundersamer als alles andere. Die Landschaft, über die wir hier blicken, ist mit keiner anderen des Planeten vergleichbar, um das zu erkennen, muss man kein Botaniker sein, so fremdartig und verwegen ist sie. Mit ihren langen, teils verschlungenen, teils nach oben ausgestreckten Armen wirken diese Pflanzen, als müssten sie einer Unterwasserwelt angehören oder am Boden eines riesigen Aquariums stehen.

          Oktopusbaum wird treffend eine von ihnen genannt, andere bestehen aus endlosen Ketten langer Wurstfinger. In dem wilden Gestrüpp findet sich immer wieder eine erstaunliche Ordnung, wenn sich Dornen und senkrecht abstehende Blätter abwechselnd spiralförmig um einen Stamm winden.

          Frauen aus dem Volk der Antandroy tragen Feuerholz
          Frauen aus dem Volk der Antandroy tragen Feuerholz : Bild: Picture-Alliance

          Über den sandigen Boden schlurfen zwei Strahlenschildkröten, deren Panzer aussieht wie ein altes Eurovisions-Logo. Sie sind vom Aussterben bedroht, obwohl ihr Verzehr bei den Antandroy als „Fady“, als Tabu, gilt. Die Antandroy sind das Volk, das hier zu Hause ist. Der Name bedeutet: die Menschen der Dornen. Einer von ihnen, der mit seiner Familie in einer winzigen Holzhütte am Rand wohnt, führt uns durch den Wald, der der Gemeinschaft gehört, und sucht für uns die anderen hier heimischen Lebewesen.

          Madagaskar ist das Land der Lemuren, jener zauberhaften, affenartigen Flauschgeschöpfe, die es auch nur auf Madagaskar gibt. Und das sogar hier, in dieser Welt der Dornen!

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