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Reise durch Angola : Tropenübungsplatz

Das Leben ist ein Strand: Angola hat mehr als 1500 Kilometer Küste. Bild: David Klaubert

Angola hat dreißig Jahre Bürgerkrieg und zehn Jahre Frieden hinter sich - und eine Menge Öl vor der Küste. Auf Touristen ist das Land im Südwesten Afrikas nicht vorbereitet. Eine Reise mit Predigern, Soldaten, Goldsuchern und Lenin.

          7 Min.

          Es war morgens um halb sieben, und unser Zug stand noch müde schnaufend im Bahnhof von Benguela, da wurde aus den zusammengewürfelten Fahrgästen im fünften Wagen eine Reisegruppe im Namen des Herrn. Camila, die mit ihren kurzgeschorenen Locken aussah wie Halle Berry, nur scheuer und kindlicher, lehnte am Fenster, auf ihrem Schoß schlief Mario, ein kräftiger Brummer, ihr zweiter Sohn. Gegenüber saß Adelino, ein alter Mann mit Filzhut, der eine Ruhe ausstrahlte, dass ihn alle ehrfurchtsvoll Vater nannten.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Und dann waren da noch die Brüder Pedro und Paulo, beide lächelten unter bunten Mützen hervor und waren doch ein ungleiches Paar. Pedro, der jüngere, sprach kaum. Es war, als müsse er den Rededrang seines Bruders kompensieren, denn Paulo war ein glühender Neuapostel, der die Welt durch seine Brille betrachtete wie durch wundersame Vergrößerungsgläser. „Dass wir zusammengefunden haben, ist ein Geschenk der Weisheit Gottes“, verkündete er, dann ruckelte unser Zug los.

          Vom Atlantik im Südwesten Afrikas zieht sich Angola weit ins Innere des Kontinents. Im Norden liegt Kongo, das es immer wieder in die Schlagzeilen schafft, als Hort des Chaos und der Gewalt. Im Süden liegt Namibia, ein wüstes Paradies für Outdoor-Touristen. Dazwischen, in Angola, herrscht seit zehn Jahren Frieden, doch Urlaubsreisende lockt das Land kaum, schon gar nicht aus Deutschland. Nur Angela Merkel schaute im vergangenen Jahr kurz vorbei, als sie Afrika bereiste wie sonst die Japaner Europa: drei Tage, drei Länder, ein Kontinent.

          Stolz und Vorurteil: Der Schaffner der Benguela-Eisenbahn trägt Kolonialstil.
          Stolz und Vorurteil: Der Schaffner der Benguela-Eisenbahn trägt Kolonialstil. : Bild: David Klaubert

          Ein paar Monate später zog Angola wie in Zeitlupe an unserem Zug vorbei, so langsam schlich er voran. Kahle Hügel erhoben sich aus kargen Ebenen, nur Kakteen und Affenbrotbäume füllten die Einöde mit etwas Leben. Vater schaute versonnen aus dem Fenster, Camila stillte Mario, und Paulo sagte: „Es lohnt sich, langsam zu reisen. Eile führt nie ans Ziel.“

          Dann kam der Schaffner. Und er kam nicht allein. Drei Wachmänner begleiteten ihn, dazu ein Polizist, ein Finanzbeamter und einer von der Ausländerbehörde. Der Schaffner steckte in einem engen Jackett mit roter Borte, auf seiner Mütze prangte das Logo der staatlichen Eisenbahngesellschaft, auf seiner Nase eine goldene Sonnenbrille. Er schmunzelte und riss meinen Fahrschein ein. Sein Begleittrupp musterte uns mit vielen Augen.

          Nicht nur die Liebe zur Uniform scheinen die Angolaner von den Portugiesen geerbt zu haben, die hier einst als Kolonialherren wüteten. Auch deren Bürokratie haben sie übernommen, ergänzt um den Kontrollwahn der Kommunisten, die nach der Unabhängigkeit 1975 herrschten.

          Goldgräberstimmung: In der Bucht vor Luanda schaukeln die Yachten der reichen Oberschicht.
          Goldgräberstimmung: In der Bucht vor Luanda schaukeln die Yachten der reichen Oberschicht. : Bild: David Klaubert

          Das hatte ich schon zu spüren bekommen, als ich bei der Botschaft in Berlin ein Visum beantragte. Ich musste ein fünfseitiges Formular zweimal ausfüllen und Kontoauszüge als Nachweis über „ausreichende monetäre Mittel“ einreichen, dazu 250 Euro für die Bearbeitung. Im Reiseführer, einem Büchlein aus dem britischen Bradt-Verlag, einen anderen gibt es über Angola nicht, las ich von korrupten Polizisten, die Landsleute und Reisende gleichermaßen ausnehmen. Außerdem, stand da, sei Luanda, die Hauptstadt, für Ausländer die teuerste Stadt der Welt.

          Und in Luanda, an der Küste im Nordwesten Angolas, sollte meine Reise beginnen. Frühmorgens landete ich am Flughafen, und als ich ins Stadtzentrum fuhr, fühlte ich mich wie auf einer riesigen Baustelle. Allenthalben wurde gebaggert, gehämmert, geteert, es dröhnte und staubte. Über den Dächern tanzten die Kräne Ballett.

          In Luanda herrscht Goldgräberstimmung. Vor der Küste sprudelt das Öl und zieht die Glücksritter an, einheimische Politiker und internationale Konzerne, jeder will seinen Teil vom Geld. Millionen fließen in Immobiliengeschäfte, in Wohntürme und Hotels.

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