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Luther in Worms : Hier stehe ich, ich kann nicht anders

  • -Aktualisiert am

Eine Szene, die für einen Tsunami sorgte: Statuen Luthers und Kurfürst Friedrich III. von Sachsen in Worms. Bild: dpa

Gipfeltreffen mit Kaiser Karl und Ketzer Luther: Vor fünfhundert Jahren rückte Worms beim Reichstag für einen historischen Augenblick ins Zentrum des christlichen Abendlandes.

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          Käme Martin Luther in diesen Tagen mit einer Zeitmaschine nach Worms, würde er sofort erkennen, dass eine hochansteckende Krankheit ausgebrochen ist. Nur vereinzelt huschen Menschen durch die Straßen der Innenstadt. Die Händler haben ihre Geschäfte geschlossen, der Platz vor dem Dom ist verwaist, die Tore des angrenzenden Parks sind verriegelt. „Es ist die Pest“, denkt Luther, denn die Bezeichnung „Corona“ kennt er nur aus lateinischen Schriften der römischen Antike – für Kronen und Siegeskränze. Die dichteste Ansammlung von Personen trifft er ausgerechnet an einem bombastischen Denkmal, an dem unter seiner Führung die protestantischen Mitstreiter Jan Hus, John Wyclif, Petrus Waldus und Girolamo Savonarola versammelt sind. Dazu gesellen sich Philipp Melanchthon, Johannes Reuchlin und in kämpferischen Posen Luthers fürstliche Protektoren Friedrich der Weise und Philipp der Großmütige. Ergänzt wird die Gruppe von drei weiblichen Allegorien der Städte Speyer, Augsburg und Magdeburg, die bei Triumphen und Niederlagen des Protestantismus wichtige Rollen spielten. „Ein wenig übertrieben, dieser hochkarätige Aufmarsch rund um einen schlichten Mönch“, wäre wohl Luthers Kommentar. Wie soll er wissen, dass die Wormser mächtig stolz sind auf ihr Reformationsdenkmal, das größte in Deutschland und zweitgrößte weltweit?

          Der Reformator wundert sich überdies, dass das ihm bekannte architektonische Ensemble im Zentrum der Stadt völlig verschwunden ist. Keine Spur ist geblieben vom Johanniterhof, in dem er damals übernachtete, und vom mehrgliedrigen Bischofshof, in dem die Beratungen des Reichstags stattfanden. Die Verwüstungen des Pfälzischen Erbfolgekriegs 1689 und des Zweiten Weltkriegs waren gründlich. Auch die meisten Kirchengebäude der Stadt erkennt er deshalb nicht wieder. Einzig der Kaiserdom steht in seiner romanischen und gotischen Pracht beinahe unverändert an seinem Platz. Erstaunt ist Luther allerdings nach seinem Eintritt in das Gotteshaus über ein ökumenisches Kuriosum auf den bunten Glasfenstern der Südseite. Denn dort, in einem katholischen Gotteshaus, schaut er zum zweiten Mal bei seinem Rundgang in sein eigenes Antlitz. Der Glaskünstler hat den Reformator in einer historischen Galerie verewigt. „Ist aus diesem Dom am Ende eine evangelische Kirche geworden?“, fragt sich der Zeitreisende.

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