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Sarawak : Warte, bis es dunkel wird

Ein Baumschnüffler. Bild: Lars Fehlandt

Phantastische Tierwesen, und wo sie wirklich zu finden sind: In den Regenwäldern Borneos verstecken sich die schönsten Erfindungen der Natur. Eine Expedition in eine bedrohte Welt.

          13 Min.

          Als der Mann am anderen Ende der Leitung anbot, „leech socks“ zu besorgen, kamen kurz Zweifel auf, ob es wirklich eine so phantastische Idee ist, tief in die Regenwälder Borneos einzutauchen, um Tiere zu beobachten. „Leech socks“, auf Deutsch Blutegelsocken, sind plastikbeschichtete Stulpen, die man in den Schuhen und über den Unterschenkeln trägt. Strenggenommen verhindern sie gar nicht, dass die Tiere an einem hochkriechen, aber man sieht sie auf ihrem Weg nach oben wenigstens und kann sie wegschnipsen. Sonst würden sie sich schon am Knöchel ansaugen. Zum ersten Mal aber blitzt am Telefon das Gefühl auf, dass es sich bei dieser Reise nach Sarawak wirklich um eine Entdeckungsreise handelt, ins Dunkel der Tropen.

          Barbara Liepert

          Verantwortlich für das Ressort „Reise“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Borneo ist eine Schatzinsel für Biologen, und während gerade überall die zu Recht alarmierenden Zahlen kursieren, wie viele Arten aussterben, werden hier ständig neue entdeckt. In Deutschland gibt es 21 Amphibienarten, auf Borneo allein sind bisher mehr als 180 Froscharten katalogisiert, darunter einige spektakuläre Arten, wie der nach Alfred Russel Wallace benannte Flugfrosch. „Herping“ nennen die Engländer das, wofür es auf Deutsch keinen rechten Begriff gibt: die Suche nach Amphibien und Reptilien, sei es nun als Hobby oder zu Forschungszwecken. Wir sprechen am Telefon noch über Impfungen und Mücken und darüber, dass eine in „Nobite“ und „Antibrumm“ enthaltene Substanz die Plastikteile der Kamera angreift. Wir verabredeten uns am Flughafen in Kuching, der Hauptstadt von Sarawak. Mit „leech socks“.

          Tarnung ist alles

          Borneo ist mehr als zweimal so groß wie Deutschland, die drittgrößte Insel der Welt. Den Norden teilen sich die beiden malaysischen Staaten Sarawak und Sabah und das kleine Sultanat Brunei, dessen Herrscherhaus es wahlweise wegen der mittelalterlichen Strafverfolgung von Homosexuellen oder wegen grotesker Zurschaustellung des eigenen Reichtums in die Schlagzeilen bringt. Der südliche und flächenmäßig größere Teil der Insel, Kalimantan genannt, gehört zu Indonesien.

          In Deutschland sind Frosch, Kröte und Lurch einflussreiche Tiere: Sie können Bauvorhaben vereiteln, Der Verlauf von Autobahnen muss wegen ihrer Laichgründe verlegt werden, und nicht nur an Krötenwandertagen wird ihnen über die Straße geholfen. Der Frosch, der Schmetterling, die Biene, das weiß jedes Schulkind, sind wichtige Bio-Indikatoren und aus Politik und Kindererziehung nicht mehr wegzudenken: Die weise Kanzlerin hat einem Reporter verraten, dass ihr Lieblingstier die Kröte sei, und sogar bei Lego, im Bausatz „Lego City Nummer 60240“, gibt es inzwischen eine Figur mit Baseballmütze und Kamera, einem Geländewagen, einem Kanu und einem kleinen grünen Frosch dazu, der so groß ist, dass er genau auf eine Lego-Noppe passt. Was man in diesem Bausatz sieht, ist – vereinfacht dargestellt – das Leben von Lars Fehlandt, dem Mann mit den Blutegelstutzen. Wenn er nicht gerade mit Biologen und Botanikern oder Tierfilmern tief in die Wälder eindringt und wochenlang außerhalb des Funknetzes unter Planen in Hängematten schläft und die Sonne nicht sieht, fotografiert er Frösche. Und was ihm sonst vor die Linse läuft und kriecht und unbekannt erscheint – wie die kleine bordeauxrote Krabbe, die nach ihm benannt wurde: Geosesarma larsi, Lars’ Vampirkrabbe.

          Der Wallace-Flugfrosch.

          Ohne jemanden, der sich auskennt, ist jeder tropische Wald eine relativ tierlose, schattige Angelegenheit. Man hört Zikaden und Vögel und sieht vielleicht ein paar Ameisen. Den Rest übersieht man. Die Gefahren auch. Vor zwei Jahren ist in einem anderen sarawakischen Nationalpark, am Gunung Mulu, ein australischer Backpacker verschollen. Er war ohne Guide und nicht über den offiziellen Eingang gekommen, vermutlich, um den Eintritt zu sparen. Nach zwei Wochen fanden ihn die Suchtrupps, verwirrt, vollkommen abgemagert, mit ein paar wilden Bananen in der Hand und Maden in den Beinen. Ein ganzes Land hatte sich Sorgen gemacht und den „tasmanischen Idioten“, wie er auch genannt wird, gesucht. Dies würde uns nicht passieren. Die Tour zu den Laichgründen der Baumfrösche war genauestens organisiert. Selbst Blutegel würden uns nichts anhaben können.

          Der Ast lebt!

          Lars Fehlandt kam mit Rosli Bin Eje, einem sanften Mann mit scharfen Augen aus Bako, der den Wagen fahren und uns nachts begleiten würde. Ohne die beiden wäre schon der kurze Fußweg vom Parkplatz zum ersten Nachtquartier, einem Baumhaus am Fuße des Santubong, weit weniger sensationell gewesen: Gleich neben dem Rezeptionskiosk bleiben sie stehen und betrachten fachkundig ein Geäst. Stick insect. Wo? Da ist nur trockenes, blattloses Astwerk zu sehen. Stabinsekt. Hier. Wo? Da. Ach so! Fehlandt nimmt ein zwölf Zentimeter langes dünnes Zweiglein auf die Hand, das plötzlich losläuft, den Stamm hinauf, und es bewegt sich genauso lustig wie ein Bowtruckel, das scheue Astwesen aus dem Film „Phantastische Tierwesen“, das sich bevorzugt auf Zauberstabbäumen versteckt. Es gibt sie wirklich! Und wir hatten einen Videobeweis, für zu Hause. Zwei Baumhörnchen jagen einen orchideenbewachsenen Baumstamm hinunter, ein paar Meter weiter schraubt sich eine Liane wie ein endloser Elefantenrüssel ins Blätterdach, wo es heftig wackelt. „Silver Leaf Monkeys“, sagt Bin Eje. Silberner Haubenlangur, übersetzt Fehlandt, und so werden sie es in den kommenden Tagen immer tun, Tiernamen sagen und sie auf Englisch, Latein, Deutsch, Malaiisch oder in der Sprache der Iban oder der Bidayuh wiederholen. Wir verabreden uns für das Ende der Dämmerung am Pool. Mit Stirnlampe.

          War mehr als 70 Jahre nicht gesehen worden: Die Regenbogenkröte.

          Es regnet, im Schein der Lampe lassen sich vor allem die Regentropfen gut erkennen. Funktionskleidung kann auch ein Segen sein. Viel ist nicht zu sehen, in den ersten zehn Minuten, auf den ersten 200 Metern. Aber vielleicht sehen die anderen was. „Oh, Nachthornissen. Lampen aus, schnell“, ruft Fehlandt. Insekten fliegen mit hoher Geschwindigkeit um unsere Köpfe, wir drehen die Lampen auf Rotlicht und gehen weiter, nach ein paar Minuten verziehen sich die Hornissen. Wir blicken auf eine große Ameisenstraße, der Regen scheint aufgehört zu haben, jedenfalls spüren wir ihn nicht mehr, je tiefer wir in den Wald vordringen. „Gonocephalus liogaster“, sagt Fehlandt leise in den Klangteppich aus Zikadengesängen hinein. Ein gar nicht so kleines Reptil mit großen blauen Augen und einem stacheligen Rückenkamm erscheint im Lichtkegel. Es klammert sich ganz ans Ende eines dünnen Palmwedels. „Sein Schlafplatz. Falls ein Fressfeind kommt, wackelt der ganze Zweig“, erklärt Fehlandt die Schlafstätte mit eingebautem Feindwecker. Wir lassen die Winkelkopfagame weiterschlafen und treffen auf unseren ersten Frosch. Tatsächlich haben sich die Augen an das Sehen im Funzellicht gewöhnt, alle paar Meter murmeln Bin Eje und Fehlandt lateinische Namen. Im Lampenschein blitzen klitzekleine Lichter, wie Honigtropfen, viele Spinnenaugen überall, aber das kann man erstaunlich gut ausblenden beim Herping.

          Ein kleines Wunder: Säugetiere im Regenwald

          Auf dem Rückweg zum Hotel entdecken wir einen Baumschnüffler, eine ungemein elegante, dünne hellgrüne Schlange, für die Gesetze der Schwerkraft offenbar nicht gelten, so, wie sie da aus dem Nichts hochschwebt, nur noch ein Fünftel ihres Körpers am Ast. Und da! Fehlandt hat noch was entdeckt. Otter! Das bloße Auge sieht nichts, aber durch das Fernglas kann man deutlich erkennen, dass da zwei Otter durch die Mangroven turnen. „Was ganz besonderes: Säugetiere im Regenwald.“ Der Regen wird wieder stärker, fürs Erste sind wir dem Wald schon sehr nahe gekommen.

          Die Baumhäuser thronen auf Stelzen; man liegt nachts mitten in den Baumkronen. Das Südchinesische Meer rauscht und donnert, von den Seiten knackt, blubbert und rumpelt es im Wald, der niemals ruht. Irgendwo kreischt ein Vogel, und immerzu sägen die Zikaden. Der Regen wird stärker, der Druck auf die Lider auch. Zum Frühstück überrascht Bin Eje mit der Information, dass er Nasenaffen hinter Bungalow fünf entdeckt hat. Wir beobachten die Jungtiere, und sie beobachten uns, dann brechen wir zum Kubah-Nationalpark auf. Tief, das war klar, würden wir in die Regenwälder der Insel nicht vordringen, schon, weil es auf ganz Borneo nur noch gerade mal fünf Prozent wirklich ungestörten Primärwaldes gibt – dafür Palmölplantagen und Holzeinschlag, wohin das Auge aus dem Flugzeug blickt. Außerdem hatten wir nur drei Tage Zeit für drei „target species“, wie das im Wald hier heißt: Den Wallace-Flugfrosch, den Zipfelkrötenfrosch (bekannt aus den „Frogs & Co.“-Sammeltüten aus der Bahnhofsbuchhandlung) und eine der seltensten Arten, die erst vor wenigen Jahren wieder aufgetaucht ist: die Regenbogenkröte.

          Gift für Kupplung und Bremsen: Die Serpentinen ins Hochland an der Grenze zu Kalimantan.

          Alexander Haas, Leiter der Sektion Herpetologie am Zoologischen Museum der Universität Hamburg, erfasst zusammen mit Kollegen aus Malaysia und der Schweiz seit 15 Jahren den Frosch- und Kaulquappenbestand für Sarawak und Sabah. Ihre Website „Frogs of Borneo“ verzeichnet 65 Amphibien für den Kubah-Nationalpark, der gerade mal 22 Quadratkilometer groß ist. Das sind mehr als dreimal so viele Amphibien wie in ganz Deutschland. Vor einigen Jahren hat er in Kubah auch einen der kleinsten Frösche der Welt entdeckt und auch, dass ihre Kaulquappen in Kannenpflanzen heranwachsen, die in diesem Fall nicht fleischfressend sind. Der Park liegt nicht weit von Kuching entfernt, wir nehmen den Rayu Trail, „aber viel sehen werden wir nicht, also Tiere“, meint Fehlandt und schreitet voran. Es regnet, und das spürt man auch ganz leicht unter dem Blätterdach, unter dem wir seit geraumer Zeit wandeln. Wohin eigentlich? Zu etwas ganz Besonderem, verrät der Expeditionsleiter. Vier Höhenmeter hoch und fünf wieder runter, drei Kurven weiter stehen wir dann vor einer strauchhohen Palme. Sieht ein bisschen wie die aus dem Gartencenter aus, ist aber eine Johannesteijsmannia, „sehr selten“, so Fehlandt. Palmenfreunde geraten bei ihrem Anblick regelmäßig aus dem Häuschen, erzählt er. Wir schauen der Palme noch einmal tief in die ungeteilten und sich rautenförmig auffächernden Wedel und gehen weiter. Kein Tier ist zu sehen, bis auf eine einzige laubfarbene Kröte, aber die war so unsichtbar im Laub, dass Fehlandt fünf Mal darauf zeigen musste. Perfekter als diese Ingerophrynus divergens kann man sich kaum tarnen. Nicht besonders gut getarnt hatten sich vor einigen Monaten Orchideenfreunde vom Botanischen Garten in Moskau. Was tun die da mit langen Teleskopsägen und so vielen Tüten, fragte sich Fehlandt. Das Nationalparkpersonal sah daraufhin nach und fand Orchideen in Tüten. Der Fall sorgte für größeres Aufsehen, Bio-Piraterie ist überall in den Tropen ein Thema, und so ist es nur eine sehr sinnvolle Vorschrift, dass uns nachts ein Mitarbeiter des Parks begleiten wird.

          Viele Köche verzaubern das Essen

          Da bis zur Dämmerung noch Zeit ist, besuchen wir das Matang Wildlife Center am Rand des Parks. Dort leben Orang-Utans, die als Haustiere gehalten oder deren Habitate zerstört wurden, ein Sundabär und ein paar Nashornvögel, die Wappentiere des Bundesstaates. Die Gehege werden von freiwilligen Helfern, meist Ausländern, geschrubbt. Einigermaßen beklemmend, den alten Orang-Utan mit seinem mächtigen Gesichtsschild über einem Stein gebückt sitzen zu sehen. Monoton und müde schlägt er auf das Pflaster ein.

          Wir tauschen die feucht gewordenen Kleidungsstücke gegen trockene und fahren zu einem „Food court“, um eine weitere Facette des Reichtums Sarawaks zu erleben: das Essen. An einem Dutzend kleiner Garküchen gibt es herrliche Dinge: die berühmte Sarawak Laksa, Sate-Spieße, Austern-Omelette und Midin, kurz angebratener Farn. Die vielen Ethnien haben alle ihre Spuren in der Küche Sarawaks hinterlassen, der flächenmäßig größte Bundesstaat Malaysias ist auch der heterogenste hinsichtlich der verschiedenen Religions- und Volksgruppen. Der Islam ist hier nur eine von vielen Glaubensrichtungen.

          Microhyla borneensis war kurz der kleinste Frosch der Welt, bis auf Papua eine noch kleinere Art entdeckt wurde.

          Als es dunkel ist, fahren wir wieder zurück nach Kubah. Am Eingang des Parks wartet schon unser Begleitschutz. Ibrahim, ein junger Parkmitarbeiter, hat kein besonderes Faible für Herpetologie, findet es aber ungemein interessant, dass Besucher deswegen aus Europa anreisen. Reptilien sind hier manchmal sehr lästig, sagt er. Bei seiner Großmutter muss er die Hühner immer gut wegsperren, sonst kommt die Python und frisst sie. Alle.

          Die Kaulquappen von Microhyla borneensis wachsen in einer Kannenpflanze heran.

          Fehlandt leuchtet unterdessen das Laub ab, das die Straße säumt. Hier sind eigentlich immer Zipfelkrötenfrösche, murmelt er, nur jetzt nicht. Aber die Nacht ist noch jung. Mit unseren Suchscheinwerfern an der Stirn treten wir in den Wald. Und nach wenigen Metern beginnt eine Kaskade aus Ahs und Ohs, viel Kamerageklicke, viele lateinische Namen, gefühlt alle drei Meter eine neue Amphibienart, und dann sagt Fehlandt, der auch immer wieder die Baumstämme nach oben anleuchtet: „Slow lori, schnell!“ Das bloße Auge erkennt nur ein Etwas mit Augen im Baum, dank Fehlandts lichtstarkem Superfernglas wird daraus eine gestochen scharfe Begegnung mit einem Primaten, dem Plumplori: Der kleine, etwas pummelige Baumbewohner mit seinen Riesenaugen ist nachtaktiv und eines der wenigen giftigen Säugetiere. Das Sekret sitzt in Drüsen unter den Ärmchen, die er bei Bedrohung hochreißt, um daran zu lecken, in Verbindung mit dem Speichel werden die Zähnchen so zur Waffe. Wegen dieser vermeintlich niedlichen Geste, ist er ein begehrtes Gut im illegalen Heimtierhandel und seine Art bedroht. Um gefahrlos mit ihnen kuscheln zu können, werden ihnen die Eckzähne gezogen, die wenigsten überleben lange in Gefangenschaft.

          Hier ist ja was los

          Ganz anders als noch vor wenigen Stunden, am hellen Tag, ist es in dieser Nacht sogar für Laien mit leichter Sehschwäche ein Leichtes, Tiere zu sehen. Mehr als 30 verschiedene Arten von Fröschen und Kröten, Schnecken, Geckos, Winkelkopfagamen und auch einen kleinen Flugdrachen, Draco quinquefasciatus. Wie Batman trägt er Flughäute an den Vorderbeinen. Weil die großen Bäume in Borneo weiter auseinander stehen als in anderen Regenwäldern, haben viele Tiere hier eine Flugoption entwickelt.

          Am Ende des Trails treten wir ein in eine Art Amphitheater der Amphibien. Ein Steg führt über einen der Teiche, an dem mindestens ein Dutzend verschiedener Arten auf Brautschau ist, ein Klangteppich aus unterschiedlichsten Tierstimmen und Tonlagen ergießt sich in die Nacht. Wir finden Schaumnester auf Blättern, lokalisieren mit Bin Ejes und Fehlandts Herrschaftswissen einen klitzekleinen Baumfrosch in seinem Astloch. In den Bäumen, nicht hoch über dem Wasser, sitzt nicht nur ein Polypedates otilophus, ein Frosch mit Zebrastreifen an den Schenkeln, auch für Anfänger leicht zu identifizieren. Fehlt nur noch der ehemals kleinste Frosch. Der ist nicht weit von hier, sagt Fehlandt. Herping ist ein bisschen wie Pilzesuchen, viele Spezies sind standorttreu. Das macht es aber auch zu so einer Geheimwissenschaft, denn wer mal eine seltene Spezies gefunden hat, gibt die Stellen nicht preis. Sonst steht vielleicht die Art auf dem Spiel, für bestimmte Frösche werden bis zu 700 Dollar gezahlt, ein Jahreseinkommen in manchen Ländern am Äquator. An einer Böschung wachsen Kannenpflanzen, so nennen Fachleute, was man als fleischfressende Pflanze aus dem Baumarkt kennt. In ihren wassergefüllten Kannen schwimmen kleine Kaulquappen, die des zweitgrößten Froschs, der sich eine paar Minuten später auch die Ehre gibt.

          Nicht ohne Notfallkoffer in den Wald

          Es ist nach Mitternacht, und wir kehren langsam zurück, Fehlandt hat nur Augen für das Laub und den Hornfrosch, aber der taucht nicht auf. Auf der Rückfahrt sehen wir dafür eine Calliophis intestinalis, eine Schlange, die Straße überqueren, nicht selten, aber sehr giftig, wie die rote Farbe an Kopf und Schwanzspitze erahnen lässt. Fehlandt hat eine ganze Batterie an Notfallmaßnahmen im Rucksack, wenn er in den Wald geht, vom Notfallsender über einen Autoinjektor im Falle eines anaphylaktischen Schocks oder die Aderpresse, falls Gliedmaßen abgebunden werden müssen, bis zum Satellitentelefon. Solche Sicherheitsmaßnahmen und aufwendigen Genehmigungen machen nicht nur wissenschaftliche Exkursionen kostspielig.

          Rhacophorus cyanopunctatus.

          Der Verlust der Lebensräume, so der Herpetologe Haas, ist neben einem vom Menschen verschleppten Pilz, der vor allem in Südamerika, Australien und Afrika wütet, und Umweltgiften die größte Bedrohung für Amphibien. „Beim Abholzen der Regenwälder ist das leicht nachvollziehbar, aber in anderen Lebensräumen, zum Beispiel hier bei uns, geschieht das eher leise und unbemerkt, ist aber nicht weniger gefährlich.“ Eine Lobby für Amphibien hält er für wichtiger denn je. „Mir scheint, dass Interesse an Naturschutz erst aufkommt, wenn die Grundbedürfnisse der Menschen gedeckt sind und der Bildungsgrad steigt.“ In Sarawak hat gerade das achte „Frog Race“ stattgefunden, ein Wettbewerb, bei dem es darum geht, in einer Nacht möglichst viele Arten fotografisch zu dokumentieren, die Menschen für Amphibien zu begeistern.

          Großes Amphibientheater

          Wir sind längst begeistert, auch wenn noch keine der „target species“ aufgetaucht ist. Das aber soll sich im Hochland an der Grenze zu Kalimantan ändern. Das „Borneo Highlands Resort“ liegt zwei Autostunden südlich von Kuching auf eintausend Metern und ist eigentlich ein ruhiges Golfhotel mit ein paar angeschlossenen Ferienvillen für Vermögende. Aber auch Ornithologen und Lepidopterologen lieben diesen der Hitze des Tieflands enthobenen Ort. Und kaum haben wir die Serpentinen zum Hotel hinter uns, kreist auch schon der erste Adler über uns. Baumfarne und Blumenbeete säumen den Weg. Der Hoteleigentümer ist gläubiger Buddhist, und so gibt es weder Fleisch noch Alkohol, dafür werden Gemüse und Obst selbst angebaut. Und bald wird auch ein Tempel für die Göttin der Barmherzigkeit hier stehen, „der höchste über Normalnull“, sagt Hoteldirektor Leonard Yeo, das werde vermehrt chinesische Gäste anziehen. Yeo ist dazu da, die Auslastung zu steigern, er denkt über Kurangebote nach, die Erweiterung der Villensiedlung ist bereits beschlossen, etliche Politiker haben hier ein Refugium. Die Natur werde unter den Expansionsplänen nicht leiden, versichert der Manager. Der Blick geht fast bis nach Kuching, Wolken ziehen heran, ein prächtiger Regenbogen klappt über dem Tiefland aus, zwei Nashornvögel fliegen vorbei, wir warten darauf, dass es Nacht wird. Und dass es nicht regnet.

          Hotel in den Wolken: Borneo Highland Resort

          Nach dem Abendessen gießt es. Vielleicht hört es auf. Die Nacht wird lang. Viel Zeit, sich Geschichten aus dem Dschungel zu erzählen. Yeo berichtet von springenden Blutegeln, lang und groß wie Aale, in einem anderen Park, tief in den Wäldern von Sabah. An Fehlandts nach oben wandernden Augenbrauen ist abzulesen, dass diese Art noch entdeckt werden muss, aber es ist ein guter Moment, die Blutegelstulpen anzulegen und zum Aufbruch zu drängen. Es regnet noch immer, und das ist kein gutes Omen für unsere Suche nach der Regenbogenkröte, Ansonia latidisca, die über 70 Jahre lang als verschollen galt und von der es nur eine Zeichnung gab. „Regen bedeutet Erschütterung, und das könnte immer ein Feind sein, also bleiben die Tiere oben auf dem Baum, in Sicherheit“, sagt Fehlandt, der einer der Ersten war, der sie fotografiert hat. Aber vielleicht ist der Wallace-Flugfrosch ja mutiger bei Regen? „Mal sehen.“ Der Hoteldirektor fährt uns durch den strömenden Regen, dahin, wo Fehlandt schon Hunderte von Wallacefröschen in einer Nacht gesehen hat. Nichts ist zu sehen, kein einziger Frosch, wie er vorausgesagt hatte. Während das Wasser zügig in die Schuhe läuft, geht der Lichtkegel über ein weites Feld mit Bambusorchideen, schöne Pflanzen, die auch tagsüber gut zu betrachten sind. Sie können nicht weglaufen, wie die Kannenpflanzen, die auch eine eigene Fangemeinde haben. Und dann taucht er doch noch auf, der Zielfrosch: Auf einem Blatt klebt unverkennbar mit gelben Saugnäpfen ein Wallace-Flugfrosch! Aber das Glück ist von kurzer Dauer – Nachthornissen fühlen sich offenbar auch im Starkregen von Licht angezogen. Der Angriff verpufft dank Rotlicht, das Adrenalin geht zurück, und der Wallace-Flugfrosch ist noch immer da, wo er war. Zum Abschied springt er – die gelben Schwimmhäute wie vier Segel aufgespannt. Und kein Blutegel hat sich genähert, was für eine Nacht.

          Zieharmonika des Grauens

          Am nächsten Morgen gehen wir vor Sonnenaufgang zum Aussichtspunkt an die Grenze zu Kalimantan, wo sich der Horizont bereits zartrosa färbt, dunkelgrüne Bergrücken schälen sich langsam aus dem Nebelmeer, als würden gigantische Reptilien dort unten schlafen. Was dann folgt, ist das Bad-case-Szenario, das mit Blutegelsocken seinen Schrecken verlieren sollte. Wir folgen einem Wildschweintrampelpfad entlang der Grenze, die beiden Herren hatten gerade begonnen, ein filigranes Insekt mit einem vollkommen überdimensionierten Hals und zwei comichaften Augen darauf heranzuzoomen, als ein Wurm sich in hohem Tempo an der Blutegelsocke hochbewegt, indem er seine Körperlänge von einem dicken Zentimeter auf acht schlanke Zentimeter aufschiebt, wie eine Ziehharmonika. Durchatmen, Ruhe bewahren und wegschnipsen. Funktioniert tadellos. Aber am Stiefelabsatz ist schon der nächste, Fehlandt und Bin Eje helfen. „Können wir bitte weitergehen?“ Nicht stehenbleiben, dann haben sie kaum Angriffsfläche. Plötzlich scheinen die Egel überall am Boden zu sein. Der Weg geht über Wurzeln, Stock und Stein, alle paar hundert Meter kurzer Kontrollstopp. Gegenseitiges Blutegelwarnen. Aaah! Einer nähert sich von der Seite. Es ist zum Schreien.

          „In die Sonne stellen, da sind keine Egel“, rät Fehlandt im leichten Dauerlauf. Gleich gehe es nur noch bergab. Dies sei der Punkt, an dem viele die Tour abbrechen, daher erwähne er dieses Detail im Vorfeld so ausführlich. Endlich, das Ende des Waldes. Selten war es so schön, einen sonnigen Golfplatz zu betreten. Fehlandt und Bin Eje zupfen sich die Blutegel von Knöcheln und Hose, als wären es Tannennadeln. Bei der Rückkehr ins Funknetz von Kuching erreicht Fehlandt die Anfrage einer australischen Familie, deren Sohn sich für Orchideengottesanbeterinnen interessiert, Insekten, die eine Orchideenblüte imitieren, um wiederum andere Insekten anzulocken und zu fressen. „Schwer zu finden, aber nicht unmöglich“, so sein Kommentar.

          „Wir hoffen, Sie haben das Land des Nashornvogels genossen“, sagt später der Malaysia-Airlines-Pilot im Steigflug. Wann er wohl zum letzten Mal im Wald gewesen ist und ob er weiß, was es in diesem Land sonst noch so an Geschöpfen gibt? Die Orchideengottesanbeterin hat Fehlandt übrigens gefunden. Der Junge war selig.

          Der Weg nach Sarawak in Ostmalaysia

          Anreise Von Berlin und Hamburg geht es am schnellsten mit Finnair via Helsinki nach Singapur (ab 650 Euro, finnair.com) – ein guter Stopover, um sich an Klima und Zeitzone zu gewöhnen; danach weiter nach Kuching (mit Scoot oder Malaysia Airlines, ab 120 Euro)

          Einreise Für deutsche Staatsangehörige besteht in Malaysia keine Visumspflicht, in den ostmalaysischen Bundesstaaten Sabah und Sarawak wird bei Einreise ein separates Visum erteilt, kostenfrei.

          Gesundheit In Sarawak besteht ein mittleres Malariarisiko, Expositionsprophylaxe, also körperbedeckende Kleidung und Mückenschutz, ist stets anzuraten, ebenso wie umfassender Impfschutz. Bei längeren Expeditionen ins Landesinnere wird Schutz vor Meningokokken, Japanischer Enzephalitis und Tollwut empfohlen, weitere Informationen beim Tropenmediziner.

          Unterkunft Neben den üblichen internationalen Ketten gibt es in Kuching charmante Hotels, wie das „Batik Boutique Hotel“: Gut gelegen, viel Sichtbeton, Mosaikfliesen, schickes Café im Innenhof und die freundlichsten Mitarbeiter der Stadt (ab 60 Euro, batikboutiquehotel.com). Etwas außerhalb an der Flussmündung liegt das „Cove 55“. Das Hotel wirbt mit „ethnic luxury“ – denn es handelt sich um das ehemalige Wochenendhaus einer wohlhabenden Iban-Familie, einer der großen Volksgruppen Sarawaks. Ambitionierte regionale Küche (ab 120 Euro, cove55.com). Für studentische Budgets gibt es das „Limetree Hotel“, sauber und freundlich (ab 30 Euro, limetreehotel.com.my).

          Veranstalter „Bornéo à la Carte“ aus Kuching plant individuelle Sarawak-Touren für Einzelreisende und Kleinstgruppen (auch auf Deutsch), wobei gerne kommunale Projekte unterstützt werden, die abseits der größeren Tourismusrouten liegen. Eine viertägige Tour (z. B. nach Permai, ins Baumhaus, Matang, Kubah-Nationalpark inklusive Nachtwanderung, Semenggoh Orang Utan Centre und einer Nacht in den Borneo Highlands) inklusive Guide, Hotels und Transfers kostet ab 280 Euro pro Person (borneoalacarte.com/de). Wer komplexere Expeditionen plant: lars-fehlandt.de.

          Weitere Informationen frogsofborneo.org, sarawaktourism.com

          Literatur Bernd Hüppauf: „Vom Frosch“. Diese hochinteressante Kulturgeschichte des Lurchs erklärt nicht nur das wechselvolle Verhältnis von Frosch und Mensch, sondern ist auch ökologisches Plädoyer (Transkript-Verlag, 25 Euro). „Travel Handbuch Malaysia“. Am besten als E-Book aufs Smartphone laden, Stefan Loose Travel Handbücher, 25 Euro.

          Amphibien in Deutschland Wer sich für Herping interessiert, findet auf der Website des Nabu Termine für Exkursionen überall im Bundesgebiet, zu Laichgewässern und auf den Spuren einzelner Arten, wie Ringelnatter, Kreuzkröte oder Teichmolch (nabu.de/tiere-und-pflanzen/amphibien-und-reptilien). Auch manche Naturkundemuseen veranstalten Amphibientage, und Schutzgebiete haben Amphibienpfade eingerichtet, wie beispielsweise das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe nahe Hamburg (elbetal-mv.de).

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