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Urlaub zuhause : Sie nennen es Staycation

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Diese Postkarte kam vor über 20 Jahren aus New York nach Deutschland. Das Wort „Staycation“ tauchte erst 2003 auf und fand 2009 Einzug ins Wörterbuch. Bild: Archiv reproducts

Im Urlaub zu Hause bleiben - das machen auch Leute, die sich Reisen problemlos leisten könnten. Vermutlich, weil es einfach die beste Art ist, sich zu erholen

          Ausflüge. Über Ausflüge könnte man noch reden. Morgens, oder besser mittags, am besten nachmittags irgendwohin, auf jeden Fall aber am gleichen Tag noch zurück. Wirklich problematisch wird es bei der Übernachtung auswärts.

          Die Wissenschaft kennt ihn seit über 50 Jahren, Menschen auf Reisen noch viel länger: den First Night Effect. Den Effekt, dass man in der ersten Nacht in ungewohnter Umgebung schlecht schläft. Nun aber haben Wissenschaftler an der Brown University in Providence das Phänomen genauer untersucht und festgestellt, dass in diesen ersten Nächten Teile des Gehirns, speziell der linken Hirnhälfte, aktiv bleiben, gewissermaßen auf der Lauer, um auf drohende Gefahren schneller reagieren zu können.

          Das Prinzip des nur zur Hälfte schlafenden Gehirns hatte man schon im Tierreich beobachtet: Enten am Rande eines Schwarms schlafen auf diese Weise, ebenso manche Robbenarten im Wasser. Beide können sich so teilweise erholen, während sie doch immer auf der Wacht vor Fressfeinden sind. Im entsprechenden Zustand befinden sich, den wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge, Menschen in der ersten Nacht im Hotel. Und wundern sich, dass sie nicht richtig entspannen können, am nächsten Morgen gerädert sind.

          Die Empfehlungen der Schlafexperten sind naheliegend: Wenn möglich, immer wieder das gleiche Hotel aufsuchen oder wenigstens bei der gleichen Kette buchen, innerhalb deren die Zimmer ähnlich, wenn nicht gleich eingerichtet sind. Oder auch sich ein eigenes Kissen mitnehmen. Das wirklich Naheliegendste, fast schon logisch Zwingende, aber wird nicht genannt: First Nights, erste Nächte in anderer Umgebung zu vermeiden, mit anderen Worten, zu Hause zu bleiben.

          „stay“ für bleiben und „vacation“ für Urlaub

          Zumindest wenn man zu Hause bleiben kann, was beim Urlaub relativ einfach geht. „Staycation“ lautet der Begriff dafür im Amerikanischen, ein für diese Sprache typischer Neologismus, zusammengesetzt aus „stay“ für bleiben und „vacation“ für Urlaub. Was viel besser klingt als „Urlaub zu Hause“. Ja, irgendwie klingt „Staycation“ sogar ein wenig glamourös, nach etwas Besonderem, Raffiniertem, Klugem, während „Urlaub zu Hause“ den Geruch einer Notlösung verströmt. Nur noch getoppt von „Urlaub auf Balkonien“, in dem die naive Sehnsucht nach der Ferne, gefangen in den Fesseln des noch nicht vollzogenen Wirtschaftswunders, schwingt. In „Staycation“ dagegen dominiert „Stay“, das Bleiben als bewusste Entscheidung gegen das wahnsinnige Rasen, die alles aufzehrende Unruhe unserer Zeit, das Bewusstsein, dass der Mensch ein Landsäugetier ist, das den Kontakt mit dem Boden nicht nur braucht, sondern auch liebt. Jedoch ohne die Erdschwere. Dafür sorgt die zweite Worthälfte „cation“ von „vacation“, das vom lateinischen „vacare“ für „frei sein“ abstammt. Eine Freiheit, die dem Bleiben Flügel verleiht.

          Bleiben und frei sein, heißt „Staycation“ somit. Im Grunde ist es das Prinzip der Meditation übertragen auf das Leben: Während der Körper ruht, kann der Geist sich befreien. „Staycation“ ist Meditation XXL ohne Lotussitz, schmerzende Knie, Räucherstäbchen und spirituellen Überbau. Der Körper bleibt am gleichen Ort, deshalb kann der Geist wandern oder eben auch ruhen. Er kann tun, was er will, muss nicht den Reiseführer lesen oder ihm hinterherlaufen und gleichzeitig versuchen, die Abfahrtszeit des Flughafenshuttles nicht zu vergessen. Und ob ein Körper in Flugzeugsitzen, Taxis und Hotelbetten mit sich verheddernden Decken wirklich freier ist als auf dem eigenen Sofa, darf getrost bezweifelt werden. Ortswechsel allein bedeutet noch lange keine Freiheit, fragen Sie doch einmal ein Wildtier, ob es nicht in einen Zoo reisen möchte.

          Natürlich gibt es gute Gründe zu reisen. Nicht nur beruflich. Wer zum Beispiel die Berge liebt und in Berlin wohnt, wird nicht umhinkönnen, hügeligere Gegenden aufzusuchen, um seine Sehnsüchte zu stillen - so ihm Kreuzberg und Prenzlauer Berg nicht ausreichen. Traumort und Wohnort fallen nicht automatisch zusammen, und eine gute Methode, diese Verwerfungen des Lebens zu kitten, ist nun einmal das Reisen. Wer Sehnsucht nach dem Meer hat und nicht das Glück, in Hamlets Böhmen zu leben, sondern zum Beispiel in Berlin, Hamburg oder München, wird an die Küste reisen müssen. Wer davon träumt, den Taj Mahal, das Geburtshaus von Papst Benedikt oder den Klopeiner See im Original zu erleben, wird danach streben, persönlich ins indische Agra, nach Marktl am Inn oder Sankt Kanzian in Kärnten zu gelangen.

          Schon das Packen erfordert eine Persönlichkeitsstruktur

          Nur bei einem Reisegrund muss man Bedenken anmelden: der Erholung. Es erscheint ein wenig widersinnig, sich zur Erholung an fremde Orte zu begeben, wenn dort nur das halbe Gehirn abschalten kann, während die andere Hälfte sich im Alarmzustand befindet. Weil es innerlich wie eine Robbe ständig mit einem Auge nach herannahenden Haien schielt. Zumindest in der ersten Nacht, wie die Versuche zeigten. Doch wer garantiert, dass das bei empfindsamen Gemütern nicht länger dauert? Generell scheint Reisen nur bedingt geeignet für empfindsame Gemüter.

          Allein das Packen. Im Grunde gibt es nur zwei realistische Varianten des Gepäckumfangs: Man hat zu wenig dabei und friert, schwitzt oder wird nass, oder man hat viel zu viel dabei, an dem man sich abschleppt, falls man es überhaupt in den Koffer bekommt, bezahlt Übergepäck, verliert im Hotelzimmer die Übersicht und muss dann, zu Hause angekommen, noch mehr waschen, als es ohnehin nach jeder Reise der Fall ist. Genau richtig gepackt zu haben ist ungefähr so wahrscheinlich wie eine Münze, die beim Münzwurf auf dem Rand stehen bleibt. Ansonsten gibt es günstigenfalls Kopf oder Zahl, zu viel oder zu wenig. Im Normalfall aber kommen die Kehrseiten von Kopf und Zahl zusammen: Man hat zu viel eingepackt - aber vom Falschen.

          Der Versuch, richtig zu packen, setzt neben einem Studium in Meteorologie und Statistik eine Persönlichkeitsstruktur voraus, die Excel-Tabellen oder Planungs-Apps liebt. Daneben viel Zeit und die Muße, sich mit Aufgaben zu beschäftigen, die sonst ein halbwegs geordneter Kleiderschrank zuverlässig ohne Murren übernimmt. Und das in einer Zeit, in der man verzweifelt versucht, alle Terminsachen, die in den nächsten Wochen ablaufen, noch schnell zu erledigen oder auf den Zeitraum nach der Rückkehr zu verschieben. Was dazu führt, dass man sich dem Packen nach Mitternacht mit müden Augen und von Koffeinüberdosierung zitternden Händen und entsprechend fahriger Aufmerksamkeit widmet. Mit den entsprechenden Resultaten wie ausreichend Socken für ein halbes Leben, aber dafür zu wenig Unterwäsche und leider gar keine Badehose.

          Und dann ist da noch: das Kühlschrankproblem

          Dabei steht das Kofferpacken nur stellvertretend für das sonstige Ein- und Auspacken rund um den Urlaub - und ist noch fast die harmloseste Version dieser Plackereien. Sei es das Packen der Arbeit, die man vor und nach dem Urlaub aufhäuft, um den Bereich dazwischen freizuschaufeln. Hat man den liegengebliebenen Berg an Arbeit irgendwann wieder abgetragen, kann man froh sein, falls man auf dem Erholungsniveau vor dem Urlaubsstress und nicht weit darunter landet. Ganz zu schweigen von der Mehrarbeit, die man leistet, um das Konto wenigstens in einen Bereich zu bringen, in dem der Geldautomat wieder etwas ausspuckt. Oder das Packen der Reise selbst mit Buchungen, Reservierungen, Abstimmungen mit Mitreisenden und Planungen. Dabei hat das Internet nur die Anzahl der Varianten und Möglichkeiten erhöht, es dadurch aber nicht unbedingt einfacher gemacht, eher im Gegenteil.

          Oder das Kühlschrankproblem. Wer auch immer verreisen will und Bedenken gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln hat, wird die Tage vor einer Reise mit einer eigenartigen Diät verbringen. Zunächst eine krude Mischung von allem, was sich nicht lange hält und wegmuss, dann aber wird es immer trostloser, weil die frischen Sachen ausgehen, die man nicht mehr nachkaufen will, falls man nicht bereit ist, den Inhalt des Kühlschranks mehr oder weniger komplett in eine große Mülltüte zu verfrachten. Möglichst vor der Abreise, denn falls man davor zurückschreckt, muss man es nach der Rückkehr dennoch tun, mit spitzen Fingern, und den Kühlschrank auch noch grundreinigen. Wer nach Italien fährt, weil er die köstlichen Pfirsiche und Tomaten dort liebt, bezahlt das mit mehreren Tagen ohne frisches Obst und Gemüse vor der Reise - und danach, bis man wieder zum Einkaufen gekommen ist. Vom schwarzen Kaffee ganz zu schweigen, weil man wegen ein oder zwei Schuss Milch keine neue Packung öffnen will, um anschließend 0,98 Liter davon wegzukippen. Zumindest wenn man nicht zur Verschwendung neigt und ein klein wenig Umweltgewissen hat.

          Das Erholsamste, was man sich vorstellen kann, ist deshalb die Freiheit im Bleiben. Man wacht morgens auf nach einer Nacht, in der man gut geschlafen hat, also im eigenen Bett, und muss nichts entscheiden. Man bleibt liegen oder steht auf, man versäumt draußen nichts, weil man ja schon alles kennt. Wenn man will, kann man sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, lieben, spielen, leben, träumen oder unendlichen Spaß genießen, alles Dinge, zu denen man sonst nicht kommt. Und wenn man sich entscheidet, irgendwann aufzustehen, kann man tun, was man will, oder auch nichts. Das kann man auch im Hotel machen, mögen manche entgegnen, oder sogar besser, weil man den Zimmerservice hat, der alles bringt. Das stimmt, aber den Zimmerservice hat man heute mit wesentlich größerer Auswahl als Lieferservice-App auf seinem Smartphone, und mit einem Bruchteil des Vorbereitungsaufwands für eine Reise lässt sich zu Hause für etliche Tage eine perfekte Mischung aus Paradies, Höhle und Schlaraffenland einrichten. Und im Gegensatz zur Reise ist dieses Ideal mit keiner Rückreise verbunden, und man muss sich danach nicht erst von all den Strapazen erholen.

          Vom Autor ist zuletzt das Buch „Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend“ bei S. Fischer erschienen.

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