https://www.faz.net/-gxh-8k44i

Urlaub zuhause : Sie nennen es Staycation

  • -Aktualisiert am

Und dann ist da noch: das Kühlschrankproblem

Dabei steht das Kofferpacken nur stellvertretend für das sonstige Ein- und Auspacken rund um den Urlaub - und ist noch fast die harmloseste Version dieser Plackereien. Sei es das Packen der Arbeit, die man vor und nach dem Urlaub aufhäuft, um den Bereich dazwischen freizuschaufeln. Hat man den liegengebliebenen Berg an Arbeit irgendwann wieder abgetragen, kann man froh sein, falls man auf dem Erholungsniveau vor dem Urlaubsstress und nicht weit darunter landet. Ganz zu schweigen von der Mehrarbeit, die man leistet, um das Konto wenigstens in einen Bereich zu bringen, in dem der Geldautomat wieder etwas ausspuckt. Oder das Packen der Reise selbst mit Buchungen, Reservierungen, Abstimmungen mit Mitreisenden und Planungen. Dabei hat das Internet nur die Anzahl der Varianten und Möglichkeiten erhöht, es dadurch aber nicht unbedingt einfacher gemacht, eher im Gegenteil.

Oder das Kühlschrankproblem. Wer auch immer verreisen will und Bedenken gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln hat, wird die Tage vor einer Reise mit einer eigenartigen Diät verbringen. Zunächst eine krude Mischung von allem, was sich nicht lange hält und wegmuss, dann aber wird es immer trostloser, weil die frischen Sachen ausgehen, die man nicht mehr nachkaufen will, falls man nicht bereit ist, den Inhalt des Kühlschranks mehr oder weniger komplett in eine große Mülltüte zu verfrachten. Möglichst vor der Abreise, denn falls man davor zurückschreckt, muss man es nach der Rückkehr dennoch tun, mit spitzen Fingern, und den Kühlschrank auch noch grundreinigen. Wer nach Italien fährt, weil er die köstlichen Pfirsiche und Tomaten dort liebt, bezahlt das mit mehreren Tagen ohne frisches Obst und Gemüse vor der Reise - und danach, bis man wieder zum Einkaufen gekommen ist. Vom schwarzen Kaffee ganz zu schweigen, weil man wegen ein oder zwei Schuss Milch keine neue Packung öffnen will, um anschließend 0,98 Liter davon wegzukippen. Zumindest wenn man nicht zur Verschwendung neigt und ein klein wenig Umweltgewissen hat.

Das Erholsamste, was man sich vorstellen kann, ist deshalb die Freiheit im Bleiben. Man wacht morgens auf nach einer Nacht, in der man gut geschlafen hat, also im eigenen Bett, und muss nichts entscheiden. Man bleibt liegen oder steht auf, man versäumt draußen nichts, weil man ja schon alles kennt. Wenn man will, kann man sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, lieben, spielen, leben, träumen oder unendlichen Spaß genießen, alles Dinge, zu denen man sonst nicht kommt. Und wenn man sich entscheidet, irgendwann aufzustehen, kann man tun, was man will, oder auch nichts. Das kann man auch im Hotel machen, mögen manche entgegnen, oder sogar besser, weil man den Zimmerservice hat, der alles bringt. Das stimmt, aber den Zimmerservice hat man heute mit wesentlich größerer Auswahl als Lieferservice-App auf seinem Smartphone, und mit einem Bruchteil des Vorbereitungsaufwands für eine Reise lässt sich zu Hause für etliche Tage eine perfekte Mischung aus Paradies, Höhle und Schlaraffenland einrichten. Und im Gegensatz zur Reise ist dieses Ideal mit keiner Rückreise verbunden, und man muss sich danach nicht erst von all den Strapazen erholen.

Vom Autor ist zuletzt das Buch „Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend“ bei S. Fischer erschienen.

Weitere Themen

Ahnung des Unendlichen

Mozart als Romantiker : Ahnung des Unendlichen

Warum hat Wolfgang Amadeus Mozart eine solch immense Wirkung auf Literatur, Musik und Philosophie der Romantik gehabt? In Würzburg stellt sich das Mozartfest dieser Frage. Der Aufwand ist berechtigt.

Reise ins Ungemütliche

Eintracht Frankfurt : Reise ins Ungemütliche

Die 1:5-Schlappe der müden Eintracht in München hat ein Happy End auf Platz sieben. Bald müssen die Spieler für die Europa League wieder alles geben. Kann die Mannschaft das schaffen?

Topmeldungen

Unser Sprinter-Autor: Cai Tore Philippsen

FAZ.NET-Sprinter : May und das nächste „Maybe“

Es wird gewählt. Und dieses Mal kann niemand behaupten, die letzten Wochen seien unpolitisch gewesen. Was an diesem Wochenende außer Europa sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.