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Urlaub zuhause : Sie nennen es Staycation

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Natürlich gibt es gute Gründe zu reisen. Nicht nur beruflich. Wer zum Beispiel die Berge liebt und in Berlin wohnt, wird nicht umhinkönnen, hügeligere Gegenden aufzusuchen, um seine Sehnsüchte zu stillen - so ihm Kreuzberg und Prenzlauer Berg nicht ausreichen. Traumort und Wohnort fallen nicht automatisch zusammen, und eine gute Methode, diese Verwerfungen des Lebens zu kitten, ist nun einmal das Reisen. Wer Sehnsucht nach dem Meer hat und nicht das Glück, in Hamlets Böhmen zu leben, sondern zum Beispiel in Berlin, Hamburg oder München, wird an die Küste reisen müssen. Wer davon träumt, den Taj Mahal, das Geburtshaus von Papst Benedikt oder den Klopeiner See im Original zu erleben, wird danach streben, persönlich ins indische Agra, nach Marktl am Inn oder Sankt Kanzian in Kärnten zu gelangen.

Schon das Packen erfordert eine Persönlichkeitsstruktur

Nur bei einem Reisegrund muss man Bedenken anmelden: der Erholung. Es erscheint ein wenig widersinnig, sich zur Erholung an fremde Orte zu begeben, wenn dort nur das halbe Gehirn abschalten kann, während die andere Hälfte sich im Alarmzustand befindet. Weil es innerlich wie eine Robbe ständig mit einem Auge nach herannahenden Haien schielt. Zumindest in der ersten Nacht, wie die Versuche zeigten. Doch wer garantiert, dass das bei empfindsamen Gemütern nicht länger dauert? Generell scheint Reisen nur bedingt geeignet für empfindsame Gemüter.

Allein das Packen. Im Grunde gibt es nur zwei realistische Varianten des Gepäckumfangs: Man hat zu wenig dabei und friert, schwitzt oder wird nass, oder man hat viel zu viel dabei, an dem man sich abschleppt, falls man es überhaupt in den Koffer bekommt, bezahlt Übergepäck, verliert im Hotelzimmer die Übersicht und muss dann, zu Hause angekommen, noch mehr waschen, als es ohnehin nach jeder Reise der Fall ist. Genau richtig gepackt zu haben ist ungefähr so wahrscheinlich wie eine Münze, die beim Münzwurf auf dem Rand stehen bleibt. Ansonsten gibt es günstigenfalls Kopf oder Zahl, zu viel oder zu wenig. Im Normalfall aber kommen die Kehrseiten von Kopf und Zahl zusammen: Man hat zu viel eingepackt - aber vom Falschen.

Der Versuch, richtig zu packen, setzt neben einem Studium in Meteorologie und Statistik eine Persönlichkeitsstruktur voraus, die Excel-Tabellen oder Planungs-Apps liebt. Daneben viel Zeit und die Muße, sich mit Aufgaben zu beschäftigen, die sonst ein halbwegs geordneter Kleiderschrank zuverlässig ohne Murren übernimmt. Und das in einer Zeit, in der man verzweifelt versucht, alle Terminsachen, die in den nächsten Wochen ablaufen, noch schnell zu erledigen oder auf den Zeitraum nach der Rückkehr zu verschieben. Was dazu führt, dass man sich dem Packen nach Mitternacht mit müden Augen und von Koffeinüberdosierung zitternden Händen und entsprechend fahriger Aufmerksamkeit widmet. Mit den entsprechenden Resultaten wie ausreichend Socken für ein halbes Leben, aber dafür zu wenig Unterwäsche und leider gar keine Badehose.

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