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Radtour in Frankreich : Im Schlick der Sorgue steckt die Geschichte

  • -Aktualisiert am

Nationalstolz: Lourmarin gilt als eines der schönsten Dörfer Frankreichs. Bild: ANDIA / VISUM

Zwischen Widerstand und Paradies: Unterwegs auf den Spuren von Char, Camus und Pater Mayle von L’Isle-sur-la-Sorgue zum Luberon.

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          Ein Schild warnt. Man solle sich bloß nicht zu weit hinauswagen. Steinschlag drohe, der Boden sei glitschig, die Absturzgefahr beträchtlich. Und doch klettern viele nach oben, um sich einen Überblick zu verschaffen. Und der hat es in sich: Steil wächst eine Felswand himmelwärts, während sich an ihrem Fuß ein finsterer Schlund öffnet. Rauschen ist zu hören, ein Branden. Aus dem Inneren des Berges drängt Wasser nach draußen und sammelt sich in einem türkisblauen See. Es kommt vom Ventoux und von den Monts de Vaucluse, ist im Karst versickert und durch ungezählte Gänge, Hohlräume und Kammern bis zu einer Höhle geströmt. An deren Mündungsloch dann das wütende Toben weißer Fluten, die aus dem Stein preschen: Es ist die Quelle der Sorgue bei Fontaine-de-Vaucluse, gut dreißig Kilometer östlich von Avignon.

          Wirklich imposant wird das Spektakel in den Wochen der Schneeschmelze oder nach heftigen Regenfällen. Da scheint der Berg zu bersten: Die Sorgue zeigt, was sie kann. Um sich jedoch bald darauf in ihr Bett zu legen und gemächlich südwärts zu ziehen, hinunter zum Dörfchen Fontaine-de-Vaucluse, legendäre Sommerfrische des humanistischen Dichters und Gelehrten Francesco Petrarca, und weiter gen Westen.

          Man lebte mit dem Fluss

          Wir folgen dem Fluss mit dem Fahrrad. Souvenirläden säumen den Weg. Man ist bereit für den Ansturm der Touristen, Ansichtskarten, duftende Lavendelsäckchen und Seifen sind verkaufsfördernd drapiert. Einstweilen aber bleibt es noch ruhig. Zu Pfingsten sind ganze Horden von Parisern laut lärmend in die Provence geströmt und nach drei Tagen wieder verschwunden. Die Urlauber aus dem Ausland hätten immer noch Angst vor der Pandemie, hören wir. In solchen Sätzen schwingen Sorgen mit: Würde man in diesem Sommer an die Vor-Corona-Zeiten anknüpfen können? Jetzt soll die Lockerung der Maßnahmen endlich greifen. Weshalb die Hoteliers ihre Häuser erst ganz allmählich aufsperren.

          Fontaine-de-Vaucluse, legendäre Sommerfrische des humanistischen Dichters und Gelehrten Francesco Petrarca.
          Fontaine-de-Vaucluse, legendäre Sommerfrische des humanistischen Dichters und Gelehrten Francesco Petrarca. : Bild: Picture-Alliance

          Was uns nicht stört, im Gegenteil: Es herrscht weniger Verkehr. Wir radeln gemütlich dahin, vorbei an Feriensiedlungen, Kajak-Depots und Obstplantagen. Im Städtchen L’Isle-sur-la-Sorgue scheint der Fluss gezähmt. Träge wälzt sich das Wasser durch die Kanäle und Schleusen, rinnt über Wehre, sammelt sich in Buchten und streift Wasserräder, die lange schon stillstehen. Algen kriechen über die Gestänge, fressen sich in Holz und Rost. Dicke Gewächse in Grün und Schwarz biegen sich in der Strömung. Im Schlick steckt die Geschichte der Stadt.

          Früher einmal haben hier die Angler gesiedelt, auf einer Insel mitten im Sumpf. Eine kleine Gemeinde wuchs aus dem Morast, das Venedig der Provence. Man lebte mit dem Fluss. Schon im Mittelalter befestigte man die Ufer, um dort Korn-, Öl- und Papiermühlen, Gerbereien und Spinnereien für Wolle und Seide zu bauen. Doch das ist lange her. Die Mühlen und Fabriken sind aufgegeben, Antiquitätenhändler haben die alten Lagerhallen übernommen. Bei ihnen ist alles erhältlich, was Neo-Besitzer von Schlössern und Anwesen so brauchen: Fayencen, Kommoden und Gemälde, Lüster und schmiedeeiserne Sessel für Gärten und Terrassen. Vor den Toren der Stadt riesige Areale mit den Überresten wertvoller Abbruchobjekte: Renaissance-Portale und gotische Fensterrahmen aus Sandstein und Granit, Kamine aus Marmor, Bodenplatten und Brunnenschächte.

          Ein Dichter als Held des Widerstands

          L’Isle-sur-la-Sorgue ist das Mekka für jene, die sich mit und in der Vergangenheit einrichten. Über Monate hinweg waren die Geschäfte verwaist, confinement und couvre-feu – welch wunderbar poetische Bezeichnungen für den harten Lockdown – hatten die Stadt gelähmt. Nun sind auch die einfachen Trödler zurück und legen sonntags ihre Schätze auf Campingtischen an den Kais aus: zerbeulte Zinnteller, Glaskaraffen und Tischwäsche mit prachtvollen Monogrammen, gedacht für Tafeln, die unsere Bedürfnisse und Möglichkeiten sprengen. An einem der improvisierten Stände entdecken wir einen Berg mit Büchern. Und siehe da, zwischen sehr viel Ramsch eine Kostbarkeit: René Chars „Hypnos“, 1946 bei Gallimard erschienen. Das abgegriffene Exemplar ist leider nicht die Erstausgabe. Egal. Zu Hause steht das Bändchen im Regal, in der deutschen Übersetzung von Paul Celan: eines der bewegendsten Zeugnisse jener Epoche, da der provenzalische Alltag immer schwieriger wurde angesichts der italienischen, später deutschen Besatzung.

          Eine kleine Gemeinde wuchs aus dem Morast, das Venedig der Provence: Die Sorgue in dem Städtchen L’Isle-sur-la-Sorgue.
          Eine kleine Gemeinde wuchs aus dem Morast, das Venedig der Provence: Die Sorgue in dem Städtchen L’Isle-sur-la-Sorgue. : Bild: Picture-Alliance

          Le maquis, die Macchia. Stachelige Pflanzen und Gestrüpp, Kreuzdorn, Steineichen und Ginster. Undurchdringliches Gebüsch, das bis an die Felsen heranreicht. Hier liegen Schlupfwinkel und Verstecke, hier muss man sich auskennen, um zu überleben. Les maquisards nannten sich die Widerstandskämpfer in dieser Gegend. Schon das Vichy-Regime, das eilfertig mit den Nazis kollaborierte und sich in deren Direktiven fügte, zog den Unmut und die Empörung vieler Franzosen auf sich. Als Hitlers Truppen am 11. November 1942 die Südhälfte Frankreichs besetzten, dort den Arbeitsdienst einführten und die Bewohner mit Repressionen peinigten, fanden sich immer mehr Menschen in der Résistance zusammen.

          Auch René Char, im Jahr 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue geboren, entschied sich, die Feder gegen die Flinte zu tauschen. Er zählt zu den bedeutenden Lyrikern des zwanzigsten Jahrhunderts und gilt als Held des Widerstands, der die Kunst des aufrechten Gangs wie kaum ein anderer Künstler beherrschte. Ein Schriftsteller dürfe von der Wahrheit nicht nur erzählen, er müsse sie leben, war sein Credo. Die zahnlosen Gedichte vieler Kollegen, die von ihren Schreibtischen aus gegen den Faschismus wetterten und dabei die Freiheit in großen Worten beschworen, waren ihm zu wenig.

          Sätze von Schmerz und Erschöpfung

          René Char suchte den Kampf. Auf der Flucht vor der Polizei des Vichy-Regimes, das ihn als Kommunisten – der er nie war – internieren wollte, strandete er in Céreste, einem Nest zwischen Apt und Forcalquier. Dort befehligte er als „Capitaine Alexandre“ den Widerstand in der Region Durance-Sud. Zusammen mit seinen Mitstreitern organisierte er Wegsicherungen und Befreiungsaktionen und sorgte dafür, dass das mit Fallschirmen abgeworfene Material in Waffendepots versteckt und von dort aus verteilt wurde. Er sah, wie Gefährten und Freunde verhaftet und getötet wurden, und kam selbst davon, als er sich in letzter Sekunde vor einer explodierenden Handgranate in Sicherheit bringen konnte, indem er acht Meter in die Tiefe sprang. Dabei verletzte er sich schwer und litt fortan unter den Schmerzen, die von diesem Unfall herrührten.

          Farbenpracht: Lavendel wie hier in Ménerbes grundiert die ganze Provence.
          Farbenpracht: Lavendel wie hier in Ménerbes grundiert die ganze Provence. : Bild: ddp

          Im Juli 1944 transferierte man René Char nach Algier, wo er die Amerikaner und Engländer bei der strategischen Vorbereitung der Invasion unterstützte. Am 15. August landeten die Alliierten in der Provence, wenige Tage später war Paris befreit. „Widerstandskämpfer der ersten Stunde. Hat an vielen gefährlichen Aktionen mit klarsichtigem Mut teilgenommen. Schwer verwundet am 15. Juni 1944, hat er weiter seine Pflicht getan in beständiger, stiller Unerschrockenheit.“ So lauten die Worte der Anerkennung von General de Gaulle, der René Char das Croix de guerre verlieh. Doch dem bedeuteten solche Sätze nichts, er lehnte zusätzliche Auszeichnungen und politische Ämter ab.

          Char hat in den Jahren der Okkupation Frankreichs wenig geschrieben und ganz bewusst nichts veröffentlicht: „Die Quelle ist Stein, die Zunge abgeschnitten“, fasst er seine Erfahrung zusammen. Seine „Feuillets d’Hypnos“ aber begleiteten ihn, die „Aufzeichnungen aus dem Maquis 1943–1944“, wie der schmale Band im Untertitel heißt: Notizen aus jener Lebensphase, da er von Céreste aus den Widerstand dirigierte. Was er im „Hypnos“ zu Papier brachte, entzieht sich allen literarischen Genres: kurze Sätze, die Schmerz und Erschöpfung spiegeln, Szenen aus den Monaten des Kampfes und literarische Reflexionen seines Tuns. „Wir sind wie die Kröten in der rauen Nacht der Sümpfe: Sie rufen einander, ohne einander zu sehen, und das ganze Verhängnis des Alls beugt sich ihrem Liebesschrei. [. . .] Bei jedem gemeinsamen Mahl bitten wir die Freiheit an unseren Tisch. Der Platz bleibt leer, aber das Gedeck liegt bereit.“

          Der Luberon, nur eine Touristenfalle?

          Nachrichten aus einer in Stücke zerrissenen Welt. Als Char nach Nordafrika abberufen wurde, versteckte er die losen Blätter in den Kellermauern eines alten Bauernhofs, wo er sie nach der Befreiung Frankreichs hervorholte und leicht überarbeitete. In jenen Tagen lernte er Albert Camus kennen und vertraute ihm seinen „Hypnos“ an. Wenig später erschien der Band bei Gallimard, wo Camus als Lektor arbeitete. Zwischen den beiden entstand eine von Hochachtung getragene Freundschaft. Auf Einladung von Char lernte Camus L’Isle-sur-la-Sorgue kennen und schätzen. Als ihm 1957 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde, kaufte er sich mit einem Teil des Geldes ein Haus in Lourmarin, einem Dorf im Süden des Luberon, wo er sich fortan immer tiefer verwurzelte.

          Lourmarin ist eine wohlhabende Gemeinde. Geschäfte bieten feinste Leinenwäsche feil, dazu Porzellan, Töpferwaren und Kunstgewerbe verschiedenster Provenienz.
          Lourmarin ist eine wohlhabende Gemeinde. Geschäfte bieten feinste Leinenwäsche feil, dazu Porzellan, Töpferwaren und Kunstgewerbe verschiedenster Provenienz. : Bild: Picture-Alliance

          Wie weit ist es von L’Isle-sur-la-Sorgue bis Lourmarin? Knapp vierzig Kilometer, auf Nebenstraßen gut zwei, drei Stunden mit unseren E-Bikes, durch das Gebiet des Luberon-Gebirges, das mit seinem Netz gut markierter Radwege wirbt. Eigentlich wollten wir nur das Pays des Sorgues erkunden. Nun aber zieht es uns von Char zu Camus, unseren Vorurteilen zum Trotz: Der Luberon sei eine einzige Touristenfalle, schimpfen die einen, ein Stück Provence mit glatter Fassade. Gar nicht wahr, kontern die anderen. Hübschere Dörfer als Lacoste, Roussillon oder Ansouis könne man sich nicht denken, mit ihren engen, gepflasterten Gassen, den Häusern und Gehöften, die malerisch altern, den Burgen, in denen einst die Edelleute thronten und mit eiserner Faust regierten. Etliche der Paläste sind verlassen, Türme und Kirchen zu Ruinen verkommen, wie in etwa in Oppède-le-Vieux: Den Bewohnern wurde es zu beschwerlich, an den steinigen, steilen Abhängen zu leben. Die Gebäude verfielen, bis sich Briten, Belgier oder auch Deutsche hier niederließen, angelockt durch die hochgelobten Herrlichkeiten der Natur. Der Landstrich ist durchzogen von Weinbergen, wo Syrah-, Grenache- und Mourvèdre-Trauben zu kräftigen, erdigen Roten heranwachsen, von Olivenhainen, Lavendelfeldern und Obstgärten, die bis an den Colorado de Rustrel reichen. Dort wurde bis vor dreißig Jahren Ocker gewonnen. Zurückgeblieben sind bizarre, in dunklen Gelbtönen schimmernde Felsformationen, die an die Kulissen von Western erinnern.

          Wer noch höher hinauf will und die Canyons und schmalen Pfade durch die Berge des Luberon durchmisst, ist zurück in der Einsamkeit der Wildnis und in jenen schwer zugänglichen Gebieten, in denen sich die als Häretiker angeklagten Waldenser verschanzten, um der Inquisition zu entgehen. Viel Geschichte auch in den Wäldern oberhalb von Cabrières-d’Avignon, wo Reste der um 1720 erbauten Steinmauern von den damaligen Versuchen berichten, die Pest zu stoppen oder die Infektionen zumindest einzugrenzen.

          Im Vorhof zum Schlaraffenland

          Der Ruf dieses landschaftlichen und kulturellen Reichtums ist für den Luberon Kapital und Fluch zugleich. Die Preise für Häuser und Grundstücke sind in absurde Höhen geklettert, kaum ein Ort ohne die Büros tüchtiger Immobilienmakler. Die Zahl der bis ins Detail durchgestylten Miet- und Kaufobjekte wächst ebenso behende wie die Dichte an guten und teuren Restaurants. Dieser Boom verdankt sich nicht zuletzt auch dem Regisseur Ridley Scott, der die Gegend von Bonnieux und Gordes auf Zelluloid verewigte: „Ein gutes Jahr“ ist die Verfilmung eines munter dahinplätschernden Unterhaltungsromans von Peter Mayle. Der britische Erfolgsautor hat gleich mehrfach zu verzückten Hymnen auf seine Wahlheimat angesetzt und dabei die Lage seines Hauses in Ménerbes so unverstellt zu erkennen gegeben, dass es zum Wallfahrtsort für Provence-Pilger aller Kontinente wurde – bis Mayle sein Dasein als Säulenheiliger des Luberon-Tourismus derart leid war, dass er den Kontinent wechselte und in den Vereinigten Staaten in die Anonymität abtauchte. Die Dünen von Long Island aber konnten ihm die Hügel rund um Ménerbes nicht ersetzen: „In Amerika schmecken Gemüse, Käse und Brot wie nasse Socken.“

          Antiquitäten in L'Isle-sur-la-Sorgue: Hier deckt sich ein, wer ein Schloss gekauft hat.
          Antiquitäten in L'Isle-sur-la-Sorgue: Hier deckt sich ein, wer ein Schloss gekauft hat. : Bild: Getty

          Peter Mayle kehrte reumütig nach Europa zurück und lebte bis zu seinem Tod 2018 in Lourmarin, das die Liste der provenzalischen Dorfschönheiten anzuführen meint. Eine wohlhabende Gemeinde, man spürt es gleich. Geschäfte bieten feinste Leinenwäsche feil, dazu Porzellan, Töpferwaren und Kunstgewerbe verschiedenster Provenienz. Wer am Freitag den Markt ansteuert, muss sich durchs Gedränge schieben. Bienen umschwirren die Gläser mit Akazien- und Lavendelhonig, frisch geschlachtete Wachteln und Enten warten auf Knoblauch, Thymian, Rosmarin und Lorbeer, die Stände mit dem Käse sind umwerfend, nicht nur in Sachen Gerüche: Ziege, Schaf und Kuh in allen Größen und Reifegraden, mit oder ohne Schimmel, in Kastanienblätter eingewickelt oder in den Herbes de Provence gewälzt. So könnte der Vorhof zum Schlaraffenland aussehen. Entsprechend drängen sich die Menschen um die Köstlichkeiten.

          Fluss überlieferter Kräfte und des Schreis auf schmaler Flut

          Als wir an diesem Sonntag im Juni von L’Isle-sur-la-Sorgue kommend in Lourmarin eintreffen, wirkt der Ort ausnahmsweise fast verschlafen. Auch hier beobachtet man aufmerksam die Corona-Zahlen, die Paris Tag für Tag veröffentlicht, und hofft auf die Ankunft der internationalen Gäste im Sommer. Während wir froh sind, in aller Ruhe durch das Städtchen zu spazieren, um die Rue Albert Camus zu suchen. Nummer 23 ist ein unscheinbares Gebäude mit bläulichen Fensterläden. Keine Hinweistafel, nichts, was an den Philosophen und Autor erinnert: dies auf Wunsch seiner Nachfahren, die das Haus bis heute bewohnen.

          Bild: F.A.Z.

          Camus hat den Jahreswechsel 1959/1960 in Lourmarin verbracht. Am 4. Januar 1960 bietet ihm Michel Gallimard, der Neffe des Verlegers Gaston Gallimard, an, ihn in seinem Facel Vega nach Paris mitzunehmen. Camus zögert, er hat das Zugticket schon gekauft. Doch er lässt sich überreden. Auf der N 5 bei Villeblevin platzt ein Hinterreifen, das Auto gerät ins Schleudern und prallt gegen eine Platane. Camus ist sofort tot. In seiner Aktentasche findet man das Manuskript seines Romans „Der erste Mensch“, an dem er bis zuletzt gearbeitet hat, auf seinem Schreibtisch einen Band mit Chars Gedichten, „Das Wort als Inselgruppe“. Darin aufgeschlagen das Gedicht „Die erhobene Sense“. Eine Vorahnung?

          René Char ist unter den Trauergästen, als sein Freund in Lourmarin beigesetzt wird. Das poetische Zwiegespräch endet, die Gedichte aber, die davon erzählen, bleiben. Fast wie Wegmarken durch einen widerständigen südlichen Landstrich. „Aus diesen alten Rädern der verlassenen Mühle knüpft der Fluss einen Knoten aus dunklen Tauen, Lichtfallen, Gedichten“, schreibt Albert Camus. Und wie eine Antwort darauf kommt von René Char: „Fluss der Ehrfurcht vor Träumen, Wellen, die das Eisen zernagen, / Wo die Sterne den Schatten haben, den sie dem Meere versagen. / Fluss überlieferter Kräfte und des Schreis auf schmaler Flut, / Des Orkans, der die Rebe zerrt und verspricht: der Wein wird gut. / Fluss, dem die kerkerverrückte Welt nie das Herz brechen konnte, / Wild lass uns bleiben und freundlich den Bienen der Horizonte.“

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