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England : Fahrt ums Blaue

Die wunderbare Welt der Schwerkraft: „Keep pedalling“, tritt weiter, steht an der Bande des National Cycling Centre in Manchester. Bild: Arne Mill

Im National Cycling Centre in Manchester dreht sich alles ums Rad. Und es regnet nie.

          6 Min.

          Speed is your friend. Das war Jeffs freundliche Aufforderung, zügig in die Pedale zu treten. Seitdem kriecht der Umkehrschluss durch meinen Hinterkopf. Ist Langsamkeit jetzt mein Feind? Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass sie mich vor sich herjagt. Auf keinen Fall darf sie mich einholen. Denn am Ende der Geraden türmt sich die Steilkurve auf. Bloß der Schwerkraft keine Chance geben, denke ich. Lass dich nicht runterziehen! Und stampfe entschlossen gegen die Erdanziehung an. Und, sein wir ehrlich, gegen die Angst.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ich spanne mich aufs Rad und ziehe am Lenker. In jeder Kurve springt mir die Aufforderung entgegen: „Keep pedalling“. Ich greife den Rennlenker unten, um den Oberkörper flach über das Rad zu legen und den Luftwiderstand zu unterlaufen. Doch in dem Winkel, der sich dadurch verkleinert, macht sich ein Rollwiderstand bemerkbar. Jedenfalls eine Rolle. Ich bin nicht in der Position, tief zu atmen.

          Wo soll bloß die Leichtigkeit herkommen, mich aufzuschwingen? Sollte ich nach Manchester geflogen sein, um abzustürzen wie Ikarus? Noch energischer trete ich in die Pedale, immer schneller rolle ich, Runde um Runde steige ich weiter auf. Und tatsächlich, zwar nicht die Sonne, doch aber meine hochfliegenden Ziele verbrennen die Flügel, die mich tragen sollen. Um Luft ringend gebe ich die Höhe auf und reihe mich auf der schwarzen Linie ein, unten im Oval. Wie hält man ein Fahrrad ohne Bremsen eigentlich an?

          Ein Bahnrad ohne Schaltung, ohne Bremse, ohne Freilauf - ein Fixie

          Jeff Winstanley ist ein freundlicher Herr mittleren Alters, und an diesem Freitag ist er mein Trainer auf der Bahn des National Cycling Centre von Großbritannien. Er ist der Meister, der Anfänger einweiht in die Grundregeln des Bahnfahrens. All die Champions haben sie beherrscht. Die Rudi Altig und Klaus Bugdahl, mit deren rasender Fahrt und mühelosen Wechseln bei den Sechstagerennen ich aufgewachsen bin, die Didi Thurau und Gregor Braun, die Rolf Gölz, Olaf Ludwig, Andi Kappes, Erik Zabel. Sie alle waren Champions der Bahn und haben ihre Meisterschaft auf der Straße veredelt.

          Nachmittags kommen Väter mit ihren Söhnen und selbst die Kleinen fahren furchtlos in die Kurve.
          Nachmittags kommen Väter mit ihren Söhnen und selbst die Kleinen fahren furchtlos in die Kurve. : Bild: Arne Mill

          Ja, Tempo war ihr Freund. Das Schnurren der Ketten ihrer Rennräder, das Beben der Holzbahn, das ihnen vorauslief, der Windhauch, der ihnen folgte - das hatte ich Winter um Winter miterlebt. Was auch immer sie antrieb, Angst war es nicht. Ein Kindheitstraum: Wo kommt man dem Fliegen so nahe wie im Velodrom? Auf der Bahn hat Radfahren drei Dimensionen. Das Berliner Sechstagerennen ist eines von nur zweien, die das große Sterben überlebt haben. Was Georg Kaiser und Bertolt Brecht vor hundert Jahren besangen, ist heute eine angestaubte Unterhaltung mit Bier und Bumsmusik. Und doch. Das Bahnrad ohne Schaltung, ohne Bremse, ohne Freilauf ist als fixed gear bike, vulgo Fixie, zum Accessoire des Lifestyles geworden. Hipster und junge Frauen, sogar wenn sie hohe Hacken tragen, werfen sich auf dem puristisch abgespeckten Sportgerät in den Berufsverkehr. Keiner der Radprofis, mit denen ich gesprochen habe, würde so etwas tun. Doch dort, wo Bahnräder und ihre Fahrer hingehören, darf in Deutschland nur fahren, wer eine Lizenz vorweisen kann oder zumindest einem Radsportverein angehört. Christian Grasmann, der mit seinem Team Maloja Pushbikers häufig in Großbritannien startet, erzählte vom Boom dort - mit Bahnen in Glasgow und London, in Derby und Manchester. Wie man beim Publikumslauf auf jeder Eisbahn Deutschlands Schlittschuhe leihen könne, dürfe auf der Insel jeder mit einem Leihrad auf die Bahn.

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