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Radfahren in Frankreich : Nicht geteert, gefedert

  • -Aktualisiert am

Abfahrt mit Aussicht: Vom Col de Balme geht es rasant hinunter Richtung Chamonix - den Mont Blanc immer im Blick. Bild: Andreas Lesti

Früher ließen sich Reisende in Alpensänften über den Pass tragen. Heute steht der Begriff für vollgefederte Mountainbikes. Eine Fahrt zum Col de Balme

          Es kommt immer darauf an, wen man fragt. Zum Beispiel nach der sogenannten Alpensänfte. Hätte man den Bergwanderer Mark Twain danach gefragt, dann hätte die Antwort folgendermaßen gelautet:

          „Die Alpensänfte sieht manchmal aus wie eine gepolsterte Kiste, die zwischen den Mittelteilen zweier langer Stangen befestigt ist, und manchmal ist es ein Stuhl mit einer Rückenlehne und einer Fußstütze. Sie wird von einander ablösenden Mannschaften starker Träger geschleppt. Ihre Bewegung ist ruhiger als die jedes anderen Transportmittels.“

          Diese Zeilen notierte der Schriftsteller während seines „Bummels durch Europa“ vor fast 150 Jahren, als er diese eigentümlichen Gebilde zum ersten Mal auf dem Gemmipass im Wallis erblickte.

          Fragt man dagegen heute Bertrand Verdelet, einen jungen Mann aus Chamonix, dann lautet die Antwort: „Eine Alpensänfte ist schwarz, wiegt 13 Kilo, hat 150 Millimeter Federweg, 2,4 Zoll breite Reifen und Scheibenbremsen.“

          Pfadfinder: Diese Wege sind für Mountainbiker gemacht - das ist rund um den Mont Blanc nicht immer der Fall.

          Tatsächlich stößt man auch im Internet bei der Suche des alten Begriffs Alpensänfte ausschließlich auf vollgefederte Mountainbikes. Auf zwei dieser Alpensänften sind wir unterwegs von Chamonix zum Col de Balme. Dieser Pass führt von Frankreich in die Schweiz, von den Hoch-Savoyen ins Wallis, und zu Twains Zeiten war er schon ein bedeutender Verbindungsweg durch die Alpen. Denn der Mont Blanc, dessen weiße Schneekuppe auch jetzt hinter uns strahlt, galt schon damals als fester Bestandteil der zu besichtigenden Attraktionen einer Alpenreise. Und so quälten sich die Reisenden stundenlang über den Col de Balme - oder setzten sich in Alpensänften und ließen sich von starken Trägern hinüberschleppen.

          Mit der Bahn hinauf zum Col de Balme

          Heute fahren von der französischen Seite Bergbahnen hinauf, die im Sommer die schweren Mountainbikes und ihre Fahrer nach oben befördern. Wir sitzen etwa zehn Minuten in einer Gondel nach Charamillon, auf 1850 Metern Höhe, dann noch mal mit einem Sessellift 350 Meter höher bis „Les Autannes“.

          Die Räder schweben in Vorrichtungen neben den Sitzen mit uns nach oben. Unter uns können wir schon die Strecke, die wir gleich auf unseren Alpensänften hinunterschießen werden, erkennen. Ein extra angelegter Weg, ein braunes Band, das sich durch die grüngelben Wiesen schlängelt, mit Hindernissen, Steilkurven, Stegen und Rampen. Bertrand erklärt: „Die Könige hier im Chamonix-Tal sind die Bergsteiger und Wanderer. Da haben wir Mountainbiker es schwer, akzeptiert zu werden.“

          Die „Site VTT du Domaine de Balme“ ist, zusammen mit zwei weiteren ausgewiesenen Gebieten, der gemeinsame Nenner, auf den man sich einigen konnte. Hier dürfen sich die Radler austoben, wie sie wollen, wenn sie dafür den Wanderern am Mont Blanc ihre Ruhe lassen. „Es braucht Zeit, um den Leuten verständlich zu machen, dass es auch ein Miteinander geben kann. Aber wenn man uns mit den Mountainbike-Regionen in den Vereinigten Staaten oder Kanada vergleicht, dann hinken wir zwanzig Jahre hinterher“, sagt Bertrand etwas genervt, und dann sind wir oben, am Col de Balme - und es scheint, als wollte das Liftpersonal Bertrands Ressentiments mit seiner Unfreundlichkeit spontan bestätigen.

          Talabfahrt mit Hindernissen: Schafe und Ziegen kurz vor Le Tour.

          Wir schwingen uns auf die Alpensänften und fahren zunächst hinüber zum „Refuge“, der Hütte, die seit 1877 hier an der Landesgrenze steht. Dass dieser Ort eine lange Historie hat, spürt man heute nicht unbedingt. Hier sind schon Horace-Bénédict de Saussure, Johann Wolfgang von Goethe, Mark Twain, Thomas Cook (gemeinsam mit Miss Jemima, die über diese erste Alpenpauschalreise schrieb) vorbeimarschiert, um die damals sagenumwobenen Gletscher und Felszinnen des Mont Blanc und natürlich den höchsten Berg der Alpen selbst zu sehen. „Unser Führer schlägt uns einen Weg über den Col de Balme vor“, schrieb Goethe in „Briefe aus der Schweiz“, „ein hoher Berg, der an der nördlichen Seite des Tals gegen Wallis zu liegt, auf dem wir, wenn wir glücklich sind, das Tal Chamouni, mit seinen meisten Merkwürdigkeiten, noch auf einmal von der Höhe übersehen können“. In den Genuss der „Alpensänfte“ kam der Dichter jedoch nicht. Auch wir sind heute glücklich und überblicken die „Merkwürdigkeiten“. Unten das grüne Tal der Arve mit den Ortschaften, die sich bis Chamonix aneinanderreihen, etwas oberhalb die Gletscher, die von den Bergen wie lange weiße Arme durch die dunkelgrünen Bergwälder hindurch nach diesen Ortschaften zu greifen scheinen. Und ganz oben, 3800 Meter über dem Tal, die schneebedeckte Kuppe des Mont Blancs.

          Eine Abfahrt wie auf der Skipiste

          Aber nun gilt unsere Konzentration der ersten Abfahrt: „Les Chevreuils“ (das heißt übersetzt „die Rehe“, warum auch immer), 2540 Meter lang und 348 Höhenmeter, besagt ein himmelblaues Tor, durch das Bertrand sein Rad nun steuert. „Bleib immer auf dem Weg“, sagt er noch, und man fühlt sich ein bisschen wie auf einer Skipiste in Italien, wo mittlerweile die Pisten-Gendarmerie all jene bestraft, die die Markierungen ignorieren; vorausgesetzt, sie werden erwischt.

          Dafür fühlt sich aber auch der Ritt auf dieser Alpensänfte ein wenig an wie Skifahren. Wie die Kante eines Skis sucht sich das breite Vorderrad seinen Weg, und die Federungen an beiden Rädern sorgen dafür, dass man selbst das Überrollen großer Steine kaum bemerkt. Das Rad nimmt wie von selbst Fahrt auf und rollt flüssig durch die Kurven. Hin und wieder unterbrechen Holzstege und Rampen, die im Nichts enden, die Strecke. Bertrand springt mit lauten Freudenschreien darüber hinweg. Man kann auch ganz gemütlich daran vorbei fahren. Und dann sind wir auch schon wieder unten, rollen zum Sessellift und fahren wieder nach oben. Das machen wir heute vier oder fünf Mal, mit wachsender Streckenkenntnis, Begeisterung und Geschwindigkeit.

          Am späten Nachmittag, als die Sonne den Mont Blanc schon in eine Andeutung von Abendlicht taucht, fahren wir schließlich ganz ab. „Talabfahrt“, sagt Bertrand, und weg ist er. Wir bewegen uns immer noch auf einem ausgewiesenen Mountainbike-Weg, der nun aber wilder und abenteuerlicher ist. Es geht an einem Bachlauf entlang, durch den Wald, an Hangkanten, über Wiesen, und plötzlich liegen Ziegen und Schafe gelangweilt bis renitent im Weg. Etwas durchgeschüttelt und erschöpft rollen wir schließlich durch Le Tour und Montroc zurück Richtung Chamonix, in der bangen Hoffnung, dass die Menschen, die uns in diesen Dörfern nachblicken, nicht so über uns denken wie Mark Twain, als er zum ersten Mal eine Alpensänfte sah: „Wir begegneten ein paar Männern und sehr vielen Damen in Sänften; mir schien, als sähen die meisten Damen blaß und seekrank aus; ihre gesamte Erscheinung machte mir den Eindruck, als ertrügen sie geduldig fürchterliche Leiden. Gewöhnlich blickten sie in den Schoß und überließen die Landschaft sich selbst.“

          Der Weg nach Chamonix Anreise Ab Berlin mit KLM über Amsterdam nach Genf, Flug ab 160 Euro. Mit dem TGV ab Genf über Martigny und Vallorcine nach Chamonix, Zug ab 140 Euro. Alternativ auch mit Germanwings ab Düsseldorf nach Lyon, Flug ab 180 Euro. Weiter mit dem TGV über Annecy und Saint-Gervais-les-Bains nach Chamonix, Zug ab 65 Euro. Informationen zu den Mountainbiketouren am Col de Balme und im Chamonix-Tal unter www.chamonix.com Literatur zur historischen Alpensänfte: Mark Twain: „Bummel durch Europa“, Diogenes, 512 Seiten, 12,90 Euro

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