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Radfahren in Berlin : Eine Stadt dreht am Rad

  • -Aktualisiert am

Gefährliches Verkehrsmittel: Mahnwache für einen getöteten Radfahrer. Bild: dpa

Wer auf dem Fahrrad durch Berlin fährt, schiebt sich mit den Massen durch die Straßen. Nicht selten kommt es zu gefährlichen Situationen. Gut, dass es nun wieder nass, kalt und dunkel wird.

          Die Ampel stand schon eine ganze Weile auf Rot. Etwa fünfzig Radfahrer hatten sich in Zweierreihe auf dem Radweg gestaut, vierzig, fünfzig, sechzig Meter und länger, dann kam eine dritte Reihe dazu und etwa zehn sportlichere Fahrer fuhren auf Fixies und Rennrädern nach vorne. Dort bildeten sie noch vor der Ampel die Spitze eines Speers, der in die Kreuzung ragte. Dann schossen, als brauchte dieser Speer noch einen gefährlichen Aufsatz, einige E-Biker ganz nach vorne und standen nun schon fast in der kreuzenden Fahrbahn. Schließlich bildete sich noch eine ganze Traube von harmlos wirkenden Dreigang-Radlern mit Bastkörben und Kindersitzen auf dem Gehweg rechts von der Ampel. Wie bei einem wichtigen Rennen warteten sie nun gemeinsam einige Sekunden lang auf das Startsignal. Dann sprang die Ampel auf Grün, und das ganze unkoordinierte Gebilde stürzte wie die Wassermassen eines gebrochenen Staudamms in die Kreuzung. Autofahrer hupten, E-Biker fluchten und hundert Radler klingelten und schimpften, was das Zeug hält.

          Bangkok? Peking? Kalkutta? Es war an einem Mittwoch im August in Berlin, Otto-Braun-Straße Ecke Alexanderstraße. Es war neun Uhr morgens, Stadt und Stimmung erhitzten sich gerade zu einem weiteren 33-Grad-Tag, und es wurde unmissverständlich klar, dass dieser heiße und lange Sommer die Fahrradstadt Berlin an ihre Grenzen bringen wird.

          Fünfzehntausend Leihräder

          Einer Umfrage zufolge fahren rund fünfzehn Prozent der Berliner Rad. Hinzu kommt, dass rund dreizehn Millionen Touristen im Jahr mittlerweile Zugriff auf über 15.000 Leihräder haben. Insgesamt steigen in Berlin somit jeden Tag rund eine halbe Million Menschen aufs Rad. Siebzehn elektronische Fahrradzählstellen haben von Mai bis September mehr als zwölf Millionen Radfahrer gezählt. Im Sommer 2017 waren es noch 10,9 Millionen. Allein über die Oberbaumbrücke, wo sich eine der Zählstellen befindet, radeln jeden Tag im Schnitt 10.622 Radfahrer. Das heißt, dass es an warmen Sommertagen auch doppelt so viele sein können.

          Zwölf Millionen Radfahrer fuhren im vergangenen Sommer durch Berlin. An vielen Stellen, wie an der Schönhauser Allee Ecke Torstraße, stauten sich täglich lange Schlangen an der Ampel.

          Das führt dazu, dass sich Radfahren in Berlin in den vergangenen Jahren grundsätzlich geändert hat. Szenen wie die in der Alexanderstraße ereignen sich jeden Tag auch an vielen anderen Kreuzungen wie etwa an der Schönhauser Allee/Torstraße oder Eberswalder/Danziger Straße. Viele wichtige Hauptstraßen sind mittlerweile so stark frequentiert, dass sich Radfahrer, um überhaupt auf die Radwege zu kommen, wie auf einer Autobahnauffahrt in den fließenden Verkehr einfädeln müssen. Zu Stoßzeiten stehen Radfahrer auch mal eine halbe Minute, ehe sich in der fast nicht abreißenden Schlange eine Lücke auftut. Und einige viel befahrene Straßen (wie etwa die Torstraße) verfügen nicht einmal über einen Radweg, und selbst Schleichwege auf Nebenstraßen (wie die Linienstraße) platzen aus allen Nähten.

          Genuss und Entspannung, Wesensmerkmale des Radfahrens, die sich noch vor fünf Jahren in der Hauptstadt eingestellt haben, sind verschwunden. An ihre Stelle trat eine angestrengte Überaufmerksamkeit, der es bedarf, um nicht von der Welle dieses irrsinnigen Verkehrs davongeschwemmt zu werden. Der „Flow“, würden Sportwissenschaftler sagen, ist verlorengegangen – wie bei einem Wellenreiter, der sich vergebens gegen einen tosenden und unkalkulierbaren Ozean stemmt, dessen Wogen ihn hin und her werfen. Und wenn sich die Lage dann für wenige Sekunden entspannt und man als Radfahrer auf dem Schutzstreifen (in Berlin auch „Todesstreifen“ genannt) der Greifswalder Straße entlangfährt, dann erinnert eine digitale Anzeige an die grausame Realität: „Dieses Jahr schon fünf tote Radfahrer durch abbiegende Lkw“ blinkt dort eine Leuchtschrift, um Autofahrer zur Vorsicht zu ermahnen. Somit ist es – statistisch gesehen – im Jahr 2018 weniger gefährlich, aufs Matterhorn zu klettern, als mit dem Rad durch Berlin zu fahren.

          Die Sache mit dem Gleichgewicht

          Unter den Touristen, die in diesem Jahr Berlin besucht haben und noch besuchen werden, hat sich herumgesprochen, dass die Stadt gut „on bike“ zu entdecken ist. Reiseführer empfehlen Radtouren, die „Berlin on Bike“ und andere Anbieter in allen denkbaren Variationen im Programm haben: Mauer- und Streetart-Touren, Ost- und West-Touren, Bei-Nacht-und-im-Winter-Touren und nicht zu vergessen die unseligen Bierbike-Ausfahrten. Und wer „unguided“ durch die Stadt radeln will, der nimmt sich eines der grünen, grau-blauen, gelb-türkisen, orangefarbenen oder silbernen Leihräder. Es gibt sieben verschiedene Anbieter in der Hauptstadt. Allein 2017 sind fünf neue zum Verkehrschaos hinzugekommen: Lime-Bike, Byke, Donkey Republic, Obike und Mobike. 2016 gab es nur Lidl- (früher „Call a Bike“ der Deutschen Bahn) und Nextbike. Als die stationslosen Räder wie ein Platzregen über Berlin geschüttet wurden, lagen sie – vom Böhmischen Wind umgeweht – zum Teil wochenlang auf den Gehwegen.

          Ein sogenanntes Geisterrad erinnert an ein Verkehrsopfer: An der Kreuzung Mollstraße/Otto-Braun-Straße wurde ein Radfahrer von einem rechts abbiegenden Lkw getötet.

          Als Radfahrer, der in Berlin einfach nur von A nach B möchte, hat man seither den Eindruck, dass mindestens die Hälfte aller Berlintouristen auf diesen Rädern vor einem durch die Stadt schleicht. Die Überforderung ist diesen Radtouristen ins Gesicht geschrieben, viele haben Mühe, das Gleichgewicht zu halten, und schon beim Aufsteigen kann man beobachten, dass sie jahrelang auf keinem Fahrrad mehr gesessen haben.

          Da ist, vorsichtig gesagt, der Verkehr in Berlin-Mitte nicht gerade das beste Pflaster für einen Wiedereinstieg. Stattdessen aber kämpfen sie sich gemeinsam mit Schulklassen und Firmenabteilungen, selfieknipsenden Spanierinnen und angetrunkenen Engländern durch die Straßen. Achtung! Vor diesen Gruppen sollte man sich in Acht nehmen, denn wer in sie hineingerät, kommt nicht so schnell wieder raus.

          Da steht das Ordnungsamt und kassiert ab

          Das hat Konsequenzen: Zwanzig-Minuten-Strecken durch den Berliner Stadtverkehr dauern plötzlich 35 Minuten oder länger. Und wer die Geduld verliert und auf den Gehweg wechselt, der wird verwarnt. Wie zum Beispiel viele der Radfahrer, die an jenem Mittwoch im August an der Kreuzung Otto-Braun-Straße/Alexanderstraße in die Kreuzung geschwemmt wurden und mangels Platz auf den Gehweg auswichen. Dort standen zwei Männer vom Ordnungsamt und kassierten ab. Auch das ist neu. Noch vor fünf Jahren haben Polizisten in Berlin Radfahrern, die sich in grober Weise falsch verhielten, nur hinterhergebrüllt: „Das verstößt gegen die Straßenverkehrsordnung!“

          Jetzt, im nasskalten Dezember, ist dort wieder mehr Platz.

          Die Lösung für das Problem dürfte aber weniger in Verwarngeldern als in vorausschauenden Plänen liegen. Wie etwa das im Juni beschlossene „Berliner Mobilitätsgesetz“. Demzufolge werden Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel in der Verkehrsplanung Berlins nun vorrangig behandelt. Konkret heißt das, dass in den nächsten zwei Jahren sechzig neue Radwege gebaut werden sollen. So soll beispielsweise auf der Landsberger Allee, der Allee der Kosmonauten, der Stralauer Allee, der Residenzstraße und auf dem Mehringdamm die Situation verbessert werden. Dieser Ausbau soll langfristig zur „Vision Zero“ führen, der Verringerung der Unfalltoten auf null.

          Noch ist das weit entfernt von der Realität. Zehn Tote verzeichnete die Berliner Unfallstatistik im Jahr 2017, dieses Jahr sind es schon elf, davon fünf durch abbiegende Lkw (Quelle: „Changing Cities“). Die Zahl der schwerverletzten Radfahrer lag 2017 bei 627. Das liegt an der Benutzung falscher Wege (Straßen und Bürgersteige), am falschen Abbiegeverhalten (von Auto- beziehungsweise Lkw-Fahrern und von Radfahrern selbst) und auch an unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit der Radfahrer unterwegs sind.

          Denn überall dort, wo verschiedene Tempi aufeinanderprallen, kommt es zu Problemen: Schleichende Touristengruppen treffen auf abgehetzte Werktätige; Eltern mit unsicher fahrenden Schulkindern treffen auf Verkehrsregeln ignorierende Fixiefahrer, wackelige Leihradfahrer treffen auf sehr schnelle Rennradfahrer (immer häufiger tauchen Männer mit teuren Carbonrädern, Klickpedalen und Tour-de-France-Trikots im Stadtverkehr auf); mit Großfamilien beladene Lastenräder treffen auf Senioren mit 250-Watt-Mittelmotor-E-Bikes, und Klapprad fahrende Mittestyler ohne Helm und Licht treffen auf gazellenhaft schwebende Prenzlauer-Berg-Mütter. Es ist ein Überholen und Überholtwerden auf engstem Raum, ein Vollbremsen und Ausweichen, ein Klingeln und Anbrüllen, Schieben und Schubsen.

          Und nicht selten passiert das alles auf einem viel zu schmalen Radfahrstreifen zwischen Bussen und Lastwagen auf der einen und Fußgänger-Touristengruppen auf der anderen Seite. Die „nicht angepasste Geschwindigkeit“ heißt es in der Berliner Verkehrsunfallstatistik, trete auch bei Radfahrern immer mehr in Erscheinung. „Leichtgängige Fahrräder, mit modernen Gangschaltungen, ermöglichen ein zügiges Fahren; gepaart mit einem falschen Einschätzungsvermögen der eigenen Fahrfähigkeiten wird diese Kombination leicht zur Unfallursache“.

          Wie gut nur, dass dieser Sommer vorüber ist und es nun endlich wieder nass und kalt und dunkel ist in der großen Stadt. Und all die Schönwetterradfahrer wieder die U-Bahn nehmen.

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