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Radfahren in Berlin : Eine Stadt dreht am Rad

Ein sogenanntes Geisterrad erinnert an ein Verkehrsopfer: An der Kreuzung Mollstraße/Otto-Braun-Straße wurde ein Radfahrer von einem rechts abbiegenden Lkw getötet.

Als Radfahrer, der in Berlin einfach nur von A nach B möchte, hat man seither den Eindruck, dass mindestens die Hälfte aller Berlintouristen auf diesen Rädern vor einem durch die Stadt schleicht. Die Überforderung ist diesen Radtouristen ins Gesicht geschrieben, viele haben Mühe, das Gleichgewicht zu halten, und schon beim Aufsteigen kann man beobachten, dass sie jahrelang auf keinem Fahrrad mehr gesessen haben.

Da ist, vorsichtig gesagt, der Verkehr in Berlin-Mitte nicht gerade das beste Pflaster für einen Wiedereinstieg. Stattdessen aber kämpfen sie sich gemeinsam mit Schulklassen und Firmenabteilungen, selfieknipsenden Spanierinnen und angetrunkenen Engländern durch die Straßen. Achtung! Vor diesen Gruppen sollte man sich in Acht nehmen, denn wer in sie hineingerät, kommt nicht so schnell wieder raus.

Da steht das Ordnungsamt und kassiert ab

Das hat Konsequenzen: Zwanzig-Minuten-Strecken durch den Berliner Stadtverkehr dauern plötzlich 35 Minuten oder länger. Und wer die Geduld verliert und auf den Gehweg wechselt, der wird verwarnt. Wie zum Beispiel viele der Radfahrer, die an jenem Mittwoch im August an der Kreuzung Otto-Braun-Straße/Alexanderstraße in die Kreuzung geschwemmt wurden und mangels Platz auf den Gehweg auswichen. Dort standen zwei Männer vom Ordnungsamt und kassierten ab. Auch das ist neu. Noch vor fünf Jahren haben Polizisten in Berlin Radfahrern, die sich in grober Weise falsch verhielten, nur hinterhergebrüllt: „Das verstößt gegen die Straßenverkehrsordnung!“

Jetzt, im nasskalten Dezember, ist dort wieder mehr Platz.

Die Lösung für das Problem dürfte aber weniger in Verwarngeldern als in vorausschauenden Plänen liegen. Wie etwa das im Juni beschlossene „Berliner Mobilitätsgesetz“. Demzufolge werden Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel in der Verkehrsplanung Berlins nun vorrangig behandelt. Konkret heißt das, dass in den nächsten zwei Jahren sechzig neue Radwege gebaut werden sollen. So soll beispielsweise auf der Landsberger Allee, der Allee der Kosmonauten, der Stralauer Allee, der Residenzstraße und auf dem Mehringdamm die Situation verbessert werden. Dieser Ausbau soll langfristig zur „Vision Zero“ führen, der Verringerung der Unfalltoten auf null.

Noch ist das weit entfernt von der Realität. Zehn Tote verzeichnete die Berliner Unfallstatistik im Jahr 2017, dieses Jahr sind es schon elf, davon fünf durch abbiegende Lkw (Quelle: „Changing Cities“). Die Zahl der schwerverletzten Radfahrer lag 2017 bei 627. Das liegt an der Benutzung falscher Wege (Straßen und Bürgersteige), am falschen Abbiegeverhalten (von Auto- beziehungsweise Lkw-Fahrern und von Radfahrern selbst) und auch an unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit der Radfahrer unterwegs sind.

Denn überall dort, wo verschiedene Tempi aufeinanderprallen, kommt es zu Problemen: Schleichende Touristengruppen treffen auf abgehetzte Werktätige; Eltern mit unsicher fahrenden Schulkindern treffen auf Verkehrsregeln ignorierende Fixiefahrer, wackelige Leihradfahrer treffen auf sehr schnelle Rennradfahrer (immer häufiger tauchen Männer mit teuren Carbonrädern, Klickpedalen und Tour-de-France-Trikots im Stadtverkehr auf); mit Großfamilien beladene Lastenräder treffen auf Senioren mit 250-Watt-Mittelmotor-E-Bikes, und Klapprad fahrende Mittestyler ohne Helm und Licht treffen auf gazellenhaft schwebende Prenzlauer-Berg-Mütter. Es ist ein Überholen und Überholtwerden auf engstem Raum, ein Vollbremsen und Ausweichen, ein Klingeln und Anbrüllen, Schieben und Schubsen.

Und nicht selten passiert das alles auf einem viel zu schmalen Radfahrstreifen zwischen Bussen und Lastwagen auf der einen und Fußgänger-Touristengruppen auf der anderen Seite. Die „nicht angepasste Geschwindigkeit“ heißt es in der Berliner Verkehrsunfallstatistik, trete auch bei Radfahrern immer mehr in Erscheinung. „Leichtgängige Fahrräder, mit modernen Gangschaltungen, ermöglichen ein zügiges Fahren; gepaart mit einem falschen Einschätzungsvermögen der eigenen Fahrfähigkeiten wird diese Kombination leicht zur Unfallursache“.

Wie gut nur, dass dieser Sommer vorüber ist und es nun endlich wieder nass und kalt und dunkel ist in der großen Stadt. Und all die Schönwetterradfahrer wieder die U-Bahn nehmen.

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