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Ein Stück Irland für die Welt

von STEFAN NINK

3. August 2021 · Der Irish Pub gehört zur irischen Seele und ist ein erfolgreicher Exportartikel. Ein Besuch in Dublin bei ein paar Originalen, um herauszufinden, woran das liegt.

Er sieht sich gerade die Fensterscharniere an einer neuen Holzwand an, so eine, hinter der sich Gäste vor dem allgemeinen Trubel zurückziehen können, und die Scharniere „sitzen falsch, völlig falsch, so geht das nicht“. Mel McNally klappt die Glasfenster in der Holzwand auf und zu und verkündet, dass die Scharniere einen Zentimeter weiter oben angebracht sein müssten und größer sein sollten, und wenn jetzt gerade kein Besuch da wäre – er würde sich wahrscheinlich auf die Suche nach einer Werkzeugkiste machen. 

Mel McNally
Mel McNally Foto: Stefan Nink
Man ahnt in diesem Moment, dass der globale Erfolg dieses Mannes möglicherweise mit seiner Detailversessenheit zu tun hat. Dass sein Wille zur Perfektion eine Rolle gespielt haben muss. Und dass es kein Zufall war, dass er schon als Architekturstudent auf Knien durch die Kneipen der irischen Hauptstadt robbte, Zollstock und Maßband in den Händen, um dem Geheimnis des Pubs auf den Grund zu kommen. Zumindest jenem Teil, der sich in Qua­dratmetern und Raumhöhen ergründen lässt.

Mel McNally hat den Irish Pub von Dublin aus in die Welt gebracht, quasi im Alleingang ist ihm das gelungen. In den vergangenen vier Jahrzehnten haben er und sein Team in mehr als sechzig Ländern über zweitausend dieser typisch irischen Kneipen gebaut. Es heißt ja, auf drei Dinge könne man sich auch noch im letzten Winkel der Erde verlassen, auf einen chinesischen Restaurantbesitzer, einen Zeugen Jehovas und einen Irish Pub, und wenn man auf Vanuatu oder in Lhasa oder Ushuaia Lust auf ein Guinness verspürt und auf jene gelassen-lockere Atmosphäre, die die Iren craic nennen – dann gibt es das dort wahrscheinlich dank Mel McNally. 

Kleine und große Details machen die typische Atmosphäre im Irish Pub aus. Fotos: Stefan Nink

Seit den 1990er Jahren bietet seine Irish Pub Company Gastronomiegründern Komplettpakete an: Wer will, bekommt nicht nur die komplette Einrichtung eines Irish Pubs in Varianten wie „Celtic Style“ oder „Victorian“. Man kann auch Kurse für die Angestellten dazu bestellen, die Beratung bei Getränke- und Gläserauswahl, Tipps für die Musikzusammenstellung und welches Licht zu welcher Tageszeit eingeschaltet werden soll.


Es heißt ja, auf drei Dinge könne man sich auch noch im letzten Winkel der Erde verlassen, auf einen chinesischen Restaurantbesitzer, einen Zeugen Jehovas und einen Irish Pub.

„In der Schweiz und in Kenia, in Moskau und in Wien und in Frankreich, und hoffentlich habe ich jetzt keine Baustelle vergessen“, erzählt McNally und weil er jedes Pubprojekt während der Entstehungsphase mindestens einmal besucht, saß vor der Pandemie nur selten in seinem Büro in einem Vorort von Dublin.Wenn er in Irland ist, trifft er sich mit Schreinern und Glasern und Innenausstattern und Dekorateuren: Jeder seiner Pubs ist komplett made in Ireland.

Details wie das Retro-Werbeschild mit dem Tukan für das berühmteste irische Bier dürfen nicht fehlen.
Details wie das Retro-Werbeschild mit dem Tukan für das berühmteste irische Bier dürfen nicht fehlen. Foto: Stefan Nink

Gerade hat er den nächsten großen Markt ausgemacht, verrät aber nicht, wo der sein wird, „es gibt zu viele Nachahmer, da muss man vorsichtig sein“. Stattdessen legt er einen Stadtplan auf den Tisch, auf dem er acht der über tausend Kneipen Dublins markiert hat. Die verkörperten das Ideal, meint er. Das seien Irish Pubs, wie Irish Pubs sein sollten. Und dass man die sich bitte schön alle ansehen solle, wenn man verstehen möchte, warum sie so wichtig für die Seele Irlands seien. Auch wenn keiner von ihm ist. Das tun wir natürlich gerne:

Long Hall, South Great Georges Street

Um fünf Uhr nachmittags versuchen sieben oder acht Gäste in andächtiger Stille und honiggelbem Kronleuchterlicht, ihr Glas zu hypnotisieren. Oder das Konzept vom Fluss der Zeit zu erfassen. Es gibt keine Fernseher, irgendwo im Hintergrund grummelt Tom Waits, und renoviert wurde zuletzt – „Moment, das muss ich nachsehen“, sagt der Barkeeper und blättert in der hauseigenen Broschüre: 1881, na also. Die Wanduhr zwischen den Flaschen hat wahrscheinlich schon damals angezeigt, was die Stunde geschlagen hat. Wenn man länger zur karmesinroten Decke hinaufschaut, hat man den Eindruck, sie werfe Blasen.

The Long Hall macht seinem Namen alle Ehre: eine längliche Halle mit gemütlichen Pub-Interior.
The Long Hall macht seinem Namen alle Ehre: eine längliche Halle mit gemütlichen Pub-Interior. Foto: Stefan Nink

The Swan Bar, York Street 

Noch so ein Rückzugsort vor dem Unbill des Alltags, noch so eine Heimat auf Zeit für Virtuosen der Ziellosigkeit, philosophierende Melancholiker und heilige Trinker, die ihr Guinness hinunterstürzen wie ein Stück Traurigkeit. Ein großer Raum vor der Bar, viele kleine Nischen und abgetrennte Ecken. Eine Gruppe Männer unterhält sich über die irischen Versuche, die Überreste des Dubliner Stadtheiligen James Joyce aus der Schweiz zu überführen. In einer Ecke des Raums sitzt eine Frau, trinkt Whisky und schaut über den Rand eines frischen Kummers in einen der viktorianischen Spiegel. 

Fragt man Mel McNally nach dem wichtigsten Merkmal eines Irish Pubs, nennt er sofort die Kombination von Öffentlichem und Privatem: Für beides müsse Platz sein, für das In-sich-Zurückziehen wie für das Aus-sich-Herausgehen. Dass Nichtiren vor allem den Auftritt einer Band mit einem Irish Pub assoziierten, die „The Wild Rover“ anstimmt oder „Whisky in the Jar“, hält er für ein tragisches Missverständnis. Traditionell werde in einem Pub traditionelle Musik gespielt, sagt er. Melodien, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen und mit diesem Zirkelschlag Momente der Zeitlosigkeit entstehen lassen. Doch, genau so sei das. 

O’Donoghue’s, Merrion Row 

Möglicherweise zehrt man hier noch immer von jenen Tagen im Frühjahr 1962, als die Dubliners das erste Mal auftraten. Die Räume wirken, als verwendeten die Besitzer des Pubs sehr viel Zeit und Geld darauf, den zeitlupenartigen Verfall bloß nicht aufzuhalten; selbst neuere Möbelstücke sehen aus, als habe man sie aus alten Blockhütten am Klondike geholt. Das Publikum trägt Doc Martens und großflächige Tattoos. Oder Dreiteiler und schmale Hornbrillen.

Das O'Donoghue's kokettiert mit der Vergänglichkeit.
Das O'Donoghue's kokettiert mit der Vergänglichkeit. Foto: Stefan Nink

Stag’s Head, Dame Court

Das war 1894 der erste Dubliner Pub mit elektrischem Licht, und wahrscheinlich hat sich an der Wattstärke seit damals nichts geändert. Immerhin sorgen viele, viele Spiegel dafür, dass man keine Taschenlampe zum Entziffern der Speisekarte braucht und den namensgebenden Hirschkopf an der Wand begutachten kann. Ein junges Paar kommt herein, sie bestellt Gin and Tonic, er scannt die vierzig, fünfzig Flaschen hinter dem Tresen und ordert anschließend „den besten Whiskey, der da ist“. 

Die Back Bar, die Anordnung der Spirituosen hinter dem Tresen: Die sei einer der wichtigsten Erfolgskomponenten, sagt Mel McNally. Gut sortiert müsse sie sein und gerade so stark beleuchtet, dass man die Label auf den Flaschen lesen könne, wenn man die Augen zusammenkneife. „Zwischen 30 und 50 Prozent aller Besucher haben keine Ahnung, was sie bestellen sollen, wenn sie an den Tresen treten.“ Und wo wir gerade bei Zahlen sind: „Es gibt in der Gastronomie kaum eine riskoärmere Investion als einen Irish Pub. In der Regel sind die Kosten nach vier Jahren eingespielt.“ Wenn nicht gerade eine Pandemie dazwischenkommt. Und noch ein Satz zum Nachdenken: „Ein Irish Pub schafft in der Regel den drei- bis vierfachen Umsatz als eine normale Bar im gleichen Viertel.“ Und an was liegt das? An den Details, sagt McNally. An all den Kleinigkeiten, die der Gast eher unterbewusst wahrnehme. An Raumtemperatur und Beleuchtung, an der Wirkung der Spiegel und dass man den Barmann sehen könne, wenn man noch in der Tür stehe. Überhaupt: der Barkeeper. Gleichzeitig Demokrat und Autokrat müsse der sein und manchmal auch ­Psychiater und Priester. „Und er muss dafür sorgen, dass sich der Gast nicht wie ein Fremder fühlt.“


„Es gibt in der Gastronomie kaum eine risikoärmere Investition als einen Irish Pub.“
MEL MCNALLY

Toners, Baggot Street 

Sehr eng, sehr voll, sehr viele Anzüge und Kostüme, und dennoch ist man nach zwanzig Sekunden bereits gefragt worden, nach was einem heute Abend der Sinn stehe, genau so formuliert der Barmann das. Er zapft das Stout mit viel Geduld, hält es kurz gegen das Licht und stellt es sanft auf den Tresen. Auf dem Flatscreen rechts hinter der Bar läuft das Dublin Racing Festival ohne Ton. Ein Pferd namens Thosedaysaregone gewinnt.

Kehoe’s, South Anne Street 

Verspürt man in einem historischen Pub eigentlich einen Widerhall all jener Gespräche, die im Laufe der Jahrhunderte in ihm geführt wurden? Liegt eine Erinnerung an die tausend Begegnungen in der Luft, an Kummer und Trost, Vorwurf und Vergebung, Liebesgesäusel und Agitation? Der Barmann erklärt einer Frau, dass ein Pint Guinness weniger Kalorien habe als ein guter halber Liter fettarmer Milch. Sie nickt, bestellt einen Weißwein und widmet sich wieder ihrem Smartphone. 

Das Kehoe's in der South Anne Street wurde 1803 von John Kehoe gegründet.
Das Kehoe's in der South Anne Street wurde 1803 von John Kehoe gegründet. Foto: Stefan Nink

Die Third-Place-Theorie des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg benennt den Pub (wie auch den Wochenmarkt und das Postamt) als einen jener dritten Orte zwischen Zuhause und Arbeitsstelle, die das Herzstück einer Gemeinschaft bilden. Das wichtigste Merkmal dieser Orte ist die Unterhaltung, die dort stattfindet. Der zwanglose Austausch, das Plaudern, das Scherzen. „Als die ersten Pubs Fernsehgeräte installierten, befürchteten die Leute, es würde niemand mehr miteinander reden“ sagt Mel McNally, „aber in guten Pubs laufen die Geräte nur bei wichtigen Sportereignissen, und die schauen sowieso alle zusammen.“ Die Verbreitung des Smartphones aber habe dem Irish Pub massiv geschadet. Smartphones verhindern Gespräche. Sie verwandeln Unterhalter in Autisten. Und sie zerstören den privaten Aspekt der Pubs. „Früher war nichts dabei, nach dem vierten Pint am Tresen ein paar Zeilen von Brendan Behan zu rezitieren. Wenn Sie das heute machen, landen Sie eine Minute später als Video bei Facebook.“ 

Doheny & Nesbitt, Baggot Street

Ein wunderbarer Beleg für den Satz, der Irish Pub sei ein Triumph des Familiären und Alltäglichen. Familien, Arbeitskollegen, Schulfreunde und Nachbarn entfachen eine brachiale Lautstärke. Und wenn demnächst kein Kabeljau mehr im Irish Channel schwimmt, liegt das möglicherweise auch an der Größe der Fish-&- Chips-Portionen, die hier serviert werden. 

Das Doheny & Nesbitt in abendlicher Beleuchtung.
Das Doheny & Nesbitt in abendlicher Beleuchtung. Foto: Stefan Nink

The Palace Bar, Fleet Street

Draußen kreischen Junggesellinnen und krakeelen Touristen aus Leeds, hier drinnen aber sitzt man wie in einer Zeitkapsel. Flann O’Brian und Patrick Kavanagh sollen im Hinterzimmer unter der viktorianischen Glaskuppel aus ihren Werken rezitiert haben, aber vielleicht ist das auch bloß Folklore wie die Geschichte von Yeats. Der ließ sich von einem Freund nach langem Hin und Her zu seinem ersten Kneipenbesuch überhaupt überreden. Nach einem Gläschen Sherry verkündete er, er sei jetzt in einem Pub gewesen und ob man ihn bitte nun nach Hause bringen könne. 

Irland ist eines der durchglobalisiertesten Länder der Welt, der Pub aber ist etwas Lokales geblieben, im besten Wortsinn, und möglicherweise hängen viele genau deshalb so an ihm. Und vielleicht stimmt es ja tatsächlich, dass die historischen Pubs von Dublin manchen wie Rettungsanker erscheinen in einer immer schneller wachsenden und immer konfuseren Hauptstadt. Außerhalb der Städte aber schließen immer mehr von ihnen. Netflix, steigende Bierpreise, das Rauchverbot und strenge Alkoholkon­trollen – das alles hat dazu beigetragen, dass es in Irland heute fast 1600 weniger Irish Pubs gibt als noch vor fünfzehn Jahren. 

Außergewöhnliche Fassaden machen die Irish Pubs zu einzigartigen Originalen. Fotos: Stefan Nink

Neulich hat Mel McNally mit seinem Team in einem Weiler an der Westküste eine alte Kneipe restauriert, eine, die seit Jahren leer stand und allmählich verfiel. Hat ihm Spaß gemacht. Und vielleicht ist das ja der kommende große Markt, über den er nicht sprechen möchte. Vielleicht rettet der Mann, der den Irish Pub der Welt gebracht hat, ihn ja demnächst in seiner irischen Heimat.

Der Weg nach Dublin

Einreise
Irland öffnet, „vorbehaltlich der vorherrschenden öffentlichen Gesundheitssituation“, ab dem 19. Juli wieder. Das heißt, wer geimpft oder genesen ist oder einen negativen Corona-Test vorweisen kann, muss nicht in Quarantäne. Da die irischen Regionen Border, Dublin und Mid-East vom Auswärtigen Amt weiterhin als Risikogebiete eingestuft werden, muss jeder, der sich dort aufgehalten hat, bei der Rückreise nach Deutschland in eine zehntägige Quarantäne. Alle anderen Regionen Irlands können ohne Einschränkung bereist werden. Mehr Informationen unter auswaertiges-amt.de und ireland.com.

Pubs
Die im Text beschriebenen Pubs haben mittlerweile alle wieder geöffnet.

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 03.08.2021 16:34 Uhr