https://www.faz.net/-gxh-98za9

Flixtrain : Der Kampf der Monopolisten

  • -Aktualisiert am

Zehntausend Tickets nach vierundzwanzig Stunden

Steckdosen sind genügend vorhanden, W-Lan gibt es jedoch nicht, noch nicht einmal der Hauch eines Netzes wird auf unseren Smartphones angezeigt. Trotz der Sitzplatzgarantie wirkt der Zug heillos überbucht. Viele Passagiere stehen in den Mittelräumen und auf den Gängen. Die Erklärung dafür folgt mit der Ansage des Schaffners zunächst auf breitem Berlinerisch und dann in verkürzter Fassung auf Englisch: Drei Wagen fehlen aus technischen Gründen, deswegen ist der Zug zu hundertzwanzig Prozent ausgelastet und das Bordbistro fehlt auch. „Sorry, ick kann Ihnen daher leider och keen Kaffee anbieten, aber, anyway, machen wir et Beste draus“, lautet der fatalistische Kommentar aus dem Lautsprecher.

Den Flixtrain findet am Bahnhof nur wer weiß, wonach er suchen muss.

Die Fahrgäste nehmen es gelassen. Das Publikum ist ein anderes als im ICE, in dem sich die deutsche Reiseseele häufig in ihrer aufreibendsten Art zeigt und zehnminütige Verspätungen oder das Vergehen, Gepäck nicht innerhalb von Sekunden sachgerecht zu verstauen, zu kollektivem Nörgeln und Beschweren führen. Und wehe, jemand sitzt auf einem reservierten Platz. Schon beim Warten auf den Flixtrain fällt das viele Gepäck auf dem Bahnsteig auf, Tüten mit Decken und Kissen, viele Kinderwagen, Tupperware mit selbstgebackenem Kuchen – und das, obwohl laut Ticket nur ein Gepäckstück plus Handgepäck pro Person erlaubt ist. Zusatzgepäck kostet zwei Euro pro Koffer. Im Zug werden an den Tischen Stullen, Teekannen und Sudokus statt Laptops und Kaffeebecher ausgepackt. Man hört Russisch und Hindi und die Ethnomusik aus den Kopfhörern von Mädchen mit bunten Hosen und riesigen Rucksäcken.

Seit August vergangenen Jahres verkehrt der Flixtrain auf der Strecke zwischen Stuttgart und Berlin, seit Ende März verbinden die Züge auch Köln und Hamburg, und zwar in ICE-Geschwindigkeit. Zwischen Stuttgart und Berlin schafft der Flixtrain immerhin IC-Tempo. Allerdings werden die Strecken zur Zeit nicht täglich befahren, erst im Sommer sollen drei Züge pro Tag verkehren. Insgesamt werden derzeit achtundzwanzig Bahnhöfe in fünf Bundesländern vom Flixtrain angesteuert. Nach Angaben des Unternehmens kommen die Züge gut an. „Bereits in den ersten vierundzwanzig Stunden nach dem Start hatten wir mehr als zehntausend Tickets verkauft“, sagt David Krebs von der Flixbus-Pressestelle. Die Nachfrage sei nach wie vor sehr groß, vor allem auf kürzeren Streckenabschnitten.

Die Kombination aus Bus und Bahn ist die Zukunft des Reisens

Das Ganze ist nicht der erste Versuch, der Deutschen Bahn auf der Schiene Konkurrenz zu machen. Locomore und HKX sind daran gescheitert. Es ist kein Zufall, dass die ersten Flixtrain-Strecken denen der beiden erfolglosen Bahn-Herausforderer entsprechen: Flixbus übernahm im vergangenen Sommer die Locomore-Strecke Berlin–Stuttgart, die Route zwischen Hamburg und Köln wurde von HKX betrieben. Die beiden Unternehmen hätten einen zu geringen Bekanntheitsgrad gehabt, so Krebs. Flixbus hingegen sei eine starke Marke mit festem Kundenstamm: „Jeder ist entweder schon mit uns gefahren oder kennt jemanden, der an Bord war.“ Im vergangenen Jahr zählte das Unternehmen vierzig Millionen Kunden im europäischen Markt. Nun hofft Flixbus, dass diese Popularität die Kunden auch in die Züge bringt. Sorge, dass diese Passagiere dann in den Bussen fehlen, hat man bei Flixbus nicht. „Wir haben viele Neukunden, die vielleicht nicht in einen Fernbus gestiegen wären. Der eine oder andere kommt sicher auch von der Deutschen Bahn und wollte sich das Ganze einmal anschauen“, sagt Krebs.

Weitere Themen

Touristenboom auf Kosten der Natur? Video-Seite öffnen

Grönland : Touristenboom auf Kosten der Natur?

Mit seiner wilden Natur und der unberührten Landschaft lockt Grönland immer mehr Touristen an. In den Regionen im Osten freuen sich zwar viele über die Entwicklung, doch sie fürchten auch Negativfolgen.

Bahn ohne Plan

FAZ Plus Artikel: F.A.Z. exklusiv : Bahn ohne Plan

Eigentlich müsste es rund laufen bei der Deutschen Bahn, doch intern fliegen die Fetzen. In einem 15 Seiten langen Brief an Verkehrsminister Scheuer legt Konzernchef Lutz Rechenschaft ab.

Topmeldungen

Eine Demonstrantin ruht sich auf dem Campus der Hong Kong Polytechnic Universität aus.

Proteste gegen China : Eskalation an Universität in Hongkong

Nach schweren Zusammenstößen an der Polytechnischen Universität stehen Hongkong neue Auseinandersetzungen bevor. Demonstranten wird Brandstiftung vorgeworfen. Anführer Joshua Wong verteidigt die Gewalt der Demonstranten.

Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.