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Das Jahr 2021/Privatjets : Privat fliegen ist einfach viel schöner

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Rockstars wie Mick Jagger, hier 1975, könnten ein Lied singen von den Vorzügen der „private aviation“. Bild: Getty

In der Pandemie erleben Privatjets einen ungeahnten Boom. Solche exklusiven Angebote können durchaus erschwinglich sein – wenn man weiß, wo man suchen muss.

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          Der riesige vierstrahlige Jet in der weiß-blauen Bemalung, der auf der Dubai Air Show kürzlich die Blicke auf sich zog, hat eine Vergangenheit. Es ist ein Airbus A340-500, erst 2004 gebaut, ein 68 Meter langes Ultralangstreckenflugzeug, das fast 17 000 Kilometer am Stück zurücklegen kann und bis zu 19 Stunden in der Luft bleibt, ohne aufzutanken. Geflogen ist der seltene Airbus zehn Jahre für Singapore Airlines, er hat damals die längste Linienstrecke der Welt eröffnet zwischen Singapur und New York. Die gut 18-stündige Route wurde nie profitabel und 2013 eingestellt (seit 2018 existiert sie wieder mit einer effizienteren A350). Anschließend wurde dieses eine Exemplar der A340-500 zu einem der exklusivsten Privatjets der Welt umgebaut – für die Familie Adelson, Eigentümer der Las Vegas Sands Corporation, die Resorts und Casinos betreibt. Patriarch Sheldon Adelson starb dieses Jahr mit 87, geschätztes Vermögen: gut 33 Milliarden US-Dollar.

          Jetzt nutzt vor allem seine Witwe die gigantische fliegende Villa für ihre philanthropischen Reisen um die Welt. Privilegierten gelang es jetzt in Dubai, einen Blick an Bord zu werfen. Auf Strümpfen über den dicken weißen Teppich an Bord zu wandeln, Handys und Kameras mussten draußen bleiben. Insgesamt 55 Passagiere können heute noch ultraluxuriös mitfliegen, ganz vorn sind die üppigen Schlafgemächer der Familie und ein Bad mit Duschkabine. Ganz hinten stehen bequeme First-Class-Sitze für die Entourage. Dazwischen sieben Waschbecken mit 14-karätigem Gold beschichtet, auch die Türrahmen sind vergoldet. „Alles, was hier golden aussieht, ist echtes Gold“, erklärt Richard Atwood, Chef der Qualitätskontrolle für die Kabine.

          Wann, wo - und mit wem ich will

          Der Normalreisende staunt bei diesem Anblick, empfindet allerdings keinen großen Neid, dazu ist das Ganze einfach zu abgefahren. Dabei hat sich während der Pandemie die bisher sehr elitäre Welt der Privatjet-Fliegerei auch für den betuchten Urlauber geöffnet wie nie zuvor. Wenn irgendwas gerade boomt in der Luftfahrt, dann die sogenannten Business Jets. „Die anhaltende Nachfrage nach Privatflügen bricht immer noch alle Rekorde“, heißt es bei der spezialisierten Beratungsfirma Wingx in Hamburg. „Das Wachstum ist sogar noch stärker in Europa“ – obwohl es gerade hier viel weniger Flugzeuge am Markt gibt als in den USA. Weltweit lag die Zahl an Businessjet-Flügen im November 2021 um satte 60 Prozent über dem Vorjahr und 16 Prozent höher als vor Corona im November 2019.

          Gerade die Pandemie hat nämlich vielen bewusst gemacht, wie schwer die Vorteile dieser Art des Reisens wiegen: Ich als Kunde sage, wann ich fliege, mit wem und von wo nach wo. Und das weitgehend ohne lästiges Anstehen, nervige Wartezeiten und unabsehbare Verspätungen. Allerdings kam es im vergangenen Sommer etwa an Hotspots wie Palma de Mallorca auch für die vielen Privatjet-Reisenden durchaus zu ungekannten Engpässen – die Flughafen-Infrastruktur kann eben nur eine gewisse Anzahl an Flügen gleichzeitig aufnehmen, egal ob Privatjet oder Billigflieger. Aber durch die Pandemie ist die Hemmschwelle zur Nutzung solcher Angebote gesunken, und einige haben entdeckt, dass man keine Reichtümer braucht, um in diesen Genuss zu kommen. Auf dem Markt gibt es kleine Jets oder auch Turboprops mit vier bis sechs Plätzen, die schon ab etwa 2500 Euro pro Flugstunde zu chartern sind, was dann pro Person zu einem durchaus erschwinglichen Flugpreis etwa für einen Mallorca-Trip führt. Privatjet-Fliegen geht nämlich auch weniger luxuriös, kleine Jets wie die Cessna Citation sind sogar ziemlich eng bei voller Auslastung. Wer einen geräumigeren Jet möchte, zahlt dagegen 10 000 bis 12 000 Euro pro Flugstunde.

          Aber es gibt Wege, sich Urlaub mit Privatflug günstiger zu verschaffen: Der Anbieter Travelcoup bietet neuerdings auch ab Deutschland Pauschalreisen mit Anreise im exklusiven Flugzeug – wobei bis zu acht andere Passagiere mitfliegen, auch fremde Kunden, und das zu festen Zeiten. Dafür ist es durchaus erschwinglich: Eine Woche Mallorca im Premium-Hotel mit Flug im Privatjet und Transfers sind schon ab 2320 Euro buchbar. Den Shopping-Trip mit großem Privatjet von Zürich nach New York mit vier Nächten im Tophotel gibt es noch vor Weihnachten für rund 20 000 Euro pro Person. Ab Mai sind wieder Gourmetwochenenden in der Toskana, dem Baskenland oder Bordeaux ab rund 5550 Euro verfügbar.

          Klimafreundlich ist diese Reiseform nicht, im Gegenteil. Nach Angaben des Charterportals Fly Victor liegen die Emissionen pro Passagier in einem Privatjet bis zu 20-mal höher als in einem großen Linienflugzeug. Anbieter wie Travelcoup kompensieren daher bei jeder Buchung die CO2-Emissionen durch Ausgleichszahlungen, was Easyjet übrigens auch macht. Der große Privatjet-Anbieter Vistajet verspricht sogar, bis 2025 klimaneutral zu fliegen, viel früher als die Verkehrsluftfahrt.

          Und es gibt noch ein Schlüsselwort für günstiges Privatjet-Fliegen: Empty Legs. „Leere Beine“ sind Positionierungsflüge von Privatjets, die sonst leer bleiben würden und daher zu relativ festen Bedingungen bei Route und Abflugdatum um 25 bis 75 Prozent günstiger als ein eigener Charter angeboten werden. Da gibt es einen Privatjet etwa von München nach Paris für 6600 Euro zu mieten, pro Sitz dann nicht mehr exorbitant teuer. Nizza nach Stockholm kostet 13.600 Euro, und allein schon die Suche auf einschlägigen Websites regt die Fantasie an. Manchmal muss man nicht Milliardär sein, nur findig.

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