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Prenzlau in der Uckermark : Einsamer nie als im Kasino

Dass Benn diesen Drang in Prenzlau spürte – „wo drei Giebel und ein grüner Zaun eine Straße sind und sechs solcher Straßen um eine alte Kirche die ganze Stadt ist“, wie er damals in einem Brief schrieb –, kann man auch heute noch nachfühlen. Insbesondere, wenn man vor der „Roten Kaserne“ steht, jenem monumentalen Gebäude in der Karl-Marx-Straße, in dem die Angehörigen des Infanterie-Regiments seit 1879 untergebracht waren. Auch Benn könnte hier abends an einem der Fenster gestanden und auf das Exerzierfeld vor ihm geschaut haben. Später waren hier Einheiten der Luftwaffe stationiert, 1949 zog eine Volkspolizei-Bereitschaft ein, zuletzt ein Pionier-Bataillon, das teils aus Bausoldaten bestand. 1994 wurde das Gebäude zur Kreisverwaltung umgebaut. Jeder, der heute in der Gegend etwas bauen will, muss seinen Antrag hier stellen – in einem der großräumigen Büros, die noch immer nicht ganz daran gewöhnt sind, dass hier keine Stiefelhacken mehr gegeneinanderschlagen.

Auf den Ruinen der Stadt

Im September 1912 kehrte Benn nach einem dreimonatigen Ostseeurlaub noch einmal nach Prenzlau zurück, bevor er in Berlin eine Stelle als Assistent im Westend Krankenhaus übernahm. Erst im März des darauffolgenden Jahres wurde er offiziell aus seinem Prenzlauer Regiment entlassen. Die Stadt blieb ihm in Erinnerung. Schon deshalb, weil sein drei Jahre jüngerer Bruder Stephan seit 1927 als Pfarrer in der Marienkirche predigte. Ein paar Jahre später wechselte er zur St. Sabinen-Gemeinde und wurde von hier aus Zeuge, wie im November 1938, am Morgen nach der Reichspogromnacht, die nahe gelegene Synagoge auf Anweisung des Bürgermeisters niedergebrannt wurde. Die Ruinen ließ die Stadt Prenzlau auf Kosten der jüdischen Gemeinde abtragen. In den Folgejahren wurden die etwa dreißig verbleibenden jüdischen Bewohner nach Theresienstadt deportiert, darunter auch der sechsundachtzigjährige Rabbiner und seine Frau. An die verlorengegangene jüdische Geschichte der Stadt erinnert heute eine Gedenktafel vor der St. Nikolai-Kirche. Der angepriesene Renaissance-Altar bleibt auch hier hinter verschlossenen Türen. Ein offenes Gotteshaus begegnet einem auf diesem Corona-Spaziergang nicht.

Überraschend idyllisch: Passanten an der Uckerpromenade am Unteruckersee in Prenzlau
Überraschend idyllisch: Passanten an der Uckerpromenade am Unteruckersee in Prenzlau : Bild: Andreas Pein

Dafür steht vor dem Rathaus eine „Bürger-Vorschlagsbox“, in die die Bewohnerinnen und Bewohner Prenzlaus ihre Wünsche und Anregungen stecken können. Auch über die Installierung einer Webcam, um die touristische Attraktivität Prenzlaus zu steigern, denkt die Stadtverwaltung nach. Würde ein dichtender Fernmelder heute in die Stadt kommen, müsste er nicht mehr in einer Kaserne wohnen, sondern könnte für 490 Euro eine Dreizimmerwohnung mieten. Die Angebote der ansässigen Wohnungsbaugenossenschaft klingen verheißungsvoll. Im Dominikanerkloster gibt es eine öffentliche Bibliothek, beim Segelclub unten am Unteruckersee sind noch Liegeplätze frei, und der Zug nach Berlin braucht nur anderthalb Stunden. Beste Voraussetzungen also für einen neuen „Morgue“-Band.

Der Weg nach Prenzlau

Anreise Von Berlin aus erreicht man Prenzlau in etwa anderthalb Stunden mit dem Auto, mit der Bahn mit dem RE3 Richtung Stralsund.

Unterkunft Die Pension Mitteltorturm vermietet Zimmer je nach Saison ab 80 Euro. Infos zum neuen Campingplatz (öffnet voraussichtlich am 1. Mai) unter: sonnenkap-camping.de.

Literatur Holger Hof, Gottfried Benn – Der Mann ohne Gedächtnis, Klett Cotta, 27 Euro. Jürgen Theil, Alt-Prenzlau, Sutton Verlag, 19,99 Euro.

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