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Prenzlau in der Uckermark : Einsamer nie als im Kasino

Am Marktberg in Prenzlau.
Am Marktberg in Prenzlau. : Bild: Andreas Pein

Benns Biograph Holger Hof („Gottfried Benn – Der Mann ohne Gedächtnis“, 2011, Klett-Cotta) vermerkt, dass er sich am 1. April „mit Schulden im Gepäck und einem noch nicht bezahlten Koffer in der Hand“ bei seiner Truppe in Prenzlau meldete. Da hatte er gerade sein Debüt, das sechzehnseitige lyrische Flugblatt „Morgue“, beim Kleinverleger Alfred Richard Meyer veröffentlicht und bei der Kritik einiges Aufsehen erregt.Während in Berlin die erste große Futuristen-Ausstellung eröffnet wurde und Filippo Tommaso Marinetti im Cabriolet durch die Stadt fuhr, machte Benn, wie er sich später erinnerte, „auf den Kartoffelfeldern der Uckermark die Regimentsübungen mit“. Kurz nach seiner Ankunft in Prenzlau, am 9. April 1912, starb Benns Mutter mit 54 Jahren an Krebs. In einem Brief an seinen Studienkollegen Leo Königsmann schrieb er voller Verzweiflung aus Prenzlau: „Einsamer und verwaister fühlt man sich nun. Wenn es auch schließlich nur das war, dass sie manchmal sagte, man sollte sich neue Nachthemden kaufen, oder sie einem neue Strümpfe schickte, es war doch jedenfalls Liebe, die nicht mal Dank erwartete und glücklich war über jedes gute Wort. Und die eben da war, wenn man sie brauchte.“ Ein Jahr später fasste Benn seine Trauer in ein Gedicht, dessen Zeilen bis heute zu den innigsten deutscher Sprache gehören: „Ich trage dich wie eine Wunde / auf meiner Stirn, die sich nicht schließt / Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt / das Herz sich nicht draus tot. / Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre / Blut im Munde.“

Die eigentliche Ursache bleibt unklar

Benn in Prenzlau: Das ist eine Episode, nicht mehr. Und doch scheint sich Benn hier in dieser Stadt, in diesen wenigen Monaten, dazu entschlossen zu haben, sein Leben zu ändern. Nicht mehr Offizier, sondern Dichter werden zu wollen. Der Abscheu vor dem Abfall des Ideals in die Wirklichkeit, der Tod der Mutter, die gedankliche Enge des Offizierskasinos – all das strapazierte und reizte seine Nerven so sehr, dass er offenbar einen radikalen Entschluss traf. Anfang Juni, kurz nachdem er vom Unter- zum Assistenzarzt aufstieg, wurde ihm von der Prenzlauer Kommandantur schon wieder ein dreimonatiger Urlaub gewährt. „Die Ereignisse um seinen Abschied lassen sich nur in groben Umrissen, rekonstruieren“, schreibt Biograph Hof, „die eigentliche Ursache bleibt unklar.“ Was sich aus den wenig erhaltenen Briefen des Sommers 1912 ergibt, erweckt den Eindruck einer vorgeschobenen Krankheit: Die von Benn kolportierte offizielle Version lautet, dass „sich nach einem sechsstündigen Galopp bei einer Übung eine Niere lockerte“. Eine medizinisch nur schwer nachweisbare Wander- oder Senkniere bot Benn die Möglichkeit, Prenzlau zu verlassen, ohne das Gesicht zu verlieren. Gegenüber seinem Freund Königsmann verweist Benn auch auf „innere Gründe“, die ihn nicht „felddienstfähig“ machten, spricht unter anderem von „dem unheimlichen Drang nach Reisen und anderen Erdteilen“, die seine Entscheidung beeinflusst hätten.

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