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Prenzlau in der Uckermark : Einsamer nie als im Kasino

Benn kam im April 1912 nach Prenzlau

Prenzlaus derzeitiges Prestigeprojekt, das sich als großflächig gesprayte Zukunftsvision schon auf einer Hausfassade in der Innenstadt ankündigt, ist ein großangelegter Campingplatz am Stadtrand, der unter dem Namen „Sonnenkap“ pünktlich zur Saison 2021 fertiggestellt sein soll. Auf einer Fläche von knapp elf Hektar, direkt an der Strandpromenade des Unteruckersees gelegen, entstehen hier rund 240 Stellflächen für Wohnanhänger, Wohnmobile und Zelte, aber auch Wellnessbereiche mit Sauna und Sole. Ob in diesem Zuge auch das nahe gelegene Seerestaurant „Am Kap“ gastronomisch etwas ambitionierter wird, bleibt abzuwarten (das bekannte Sternerestaurant „Alte Schule“ ist gute vierzig Minuten von Prenzlau entfernt). Ein paar berühmte Töchter und Söhne hat Prenzlau auch zu bieten. Allerdings liegen sie nicht auf dem großzügig angelegten Stadtfriedhof, der letzte Heimstatt für die eher lokalen Leuchtsterne ist: Kriegsgefallene, Schlachtermeister, KPD-Politiker, ein Mundartdichter und – sie kündigt die Prominententafel als Letztes an – „eine leidenschaftliche Leserbriefschreiberin“. Der neben der späteren preußischen Königin Friederike Luise bekannteste Sohn der Stadt ist der Landschaftsmaler und Goethefreund Jakob Philipp Hackert. Der ansässige Rotary Club hat eine Büste von ihm gestiftet, die vor dem alten Dominikanerkloster steht.

Ein Name, der bislang auf allen Prenzlauer Listen fehlt, ist der des Dichters Gottfried Benn. Seine Beziehung zu Prenzlau ist nur wenigen bekannt. Dabei war sein – zugegebenermaßen sehr kurzer – Aufenthalt in der Stadt für sein weiteres Leben und Schreiben entscheidend. Benn kam im April 1912 nach Prenzlau, um den zweiten Teil seiner schon am 1. Oktober 1910 in Berlin begonnenen aktiven Militärzeit anzutreten. Kurz vorher hatte er erfolgreich alle Abschlussprüfungen absolviert und sein Medizinstudium an der Berliner Kaiser-Wilhelms-Akademie mit einer statistischen (und nur als genügend bewerteten) Dissertation über „die Häufigkeit von Diabetes mellitus im Heer“ beendet. Im Rang eines Unterarztes wurde der fünfundzwanzigjährige Benn beim Prenzlauer Infanterieregiment 64 eingestellt, das sich im Deutsch-Französischen Krieg in der Schlacht bei Mars-la-Tour großen Ruhm erworben hatte. Als Benn nach Prenzlau kam, zählte die Stadt 26 800 Einwohner. Davon waren über sechstausend Militärs. Es wird also eine korpsgeistige Stimmung geherrscht haben, getragen von jenem durch das preußische Militär geprägten gesellschaftlichen Habitus, den Benn in dieser Zeit annahm und nie wieder ganz verlieren sollte. Sosehr der märkische Pfarrerssohn, dessen linkes Augenlid bei einer Mensur nach einem „vortrefflichen Durchzieher“ eines Zimmernachbarn verletzt wurde und fortan leicht herabhing, das militärische Leben als Ideal schätzte, so sehr litt er an seiner praktischen Durchführung. Die unsinnlich-antiintellektuelle Atmosphäre, die der angehende Dichter in Prenzlau erlebte, hat Eingang gefunden in das aus persiflierenden Gesprächsfetzen des Offiziersjargons montierte, frühexpressionistische Gedicht „Kasino“, das 1912 in der von Alfred Kerr herausgegebenen Avantgarde-Zeitschrift „Pan“ erschien: „Eine Kugel muß man sich im Kriege immer noch aufsparen: Fürn Stabsarzt, wenn er einen verpflastern will. Na Prost, Onkel Doktor! – Vorläufig bin ich ja noch zu rüstig. Aber wenn ich mich mal auf Abbruch verheirate: Brüste muß sie jedenfalls haben, Daß man Wanzen drauf knacken kann! – Kinder! Heut Nacht! Ein Blutweib! Sagt: Arm kann er sein und dumm kann er sein; Aber jung und frisch gebadet. Darauf ich: janz ihrer Meinung, Gnädigste, Lieber etwas weniger Moral Und etwas äußere Oberschenkel. Auf dieser Basis fanden wir uns. Was für Figuren habt Ihr denn auf dieser Basis aufgebaut? Lachen einigt alles.“

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