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Prenzlau in der Uckermark : Einsamer nie als im Kasino

Plattenbau vor Marienkriche in Prenzlau.
Plattenbau vor Marienkriche in Prenzlau. : Bild: Andreas Pein

Verschiedene Kriege trafen die Stadt Prenzlau im Laufe ihrer Geschichte hart: Während des Siebenjährigen Krieges war die Stadt von russischen und schwedischen Truppen, im preußisch-französischen von französischen Soldaten besetzt. Aber die schlimmste Wunde wurde Prenzlau von der Roten Armee geschlagen, die in den letzten Apriltagen 1945 einmarschierte und fünfundachtzig Prozent der Stadt in Schutt und Asche legten. Auch die Marienkirche mit ihrem prächtigen Ostgiebel brannte damals fast vollständig aus. Seit den siebziger Jahren wird sie rekonstruiert. Gerade wird im Auftrag des Kulturstaatsministeriums das kostbare Kreuzrippengewölbe aus dem 14. Jahrhundert wiederhergestellt. Von dem einstigen historischen Stadtbild ist nicht viel übrig geblieben. Eine langgezogene Einkaufsstraße führt von der Marienkirche auf ein altes großes Filmtheater, in dessen Haupthalle ein Ein-Euro-Laden gezogen ist. Das Kino selbst ist in einen Seitenflügel ausgewichen und bietet auf berührende Weise Popcorn zum Mitnehmen für die Filmvorstellung zu Hause an. Das Schreibwarengeschäft nebenan hat schon zugemacht, an der Mauer ruft neben Hansa-Rostock-Stickern ein schlecht gedruckter Flugzettel („Lockdown Stoppen – Wahnsinn beenden“) zur Anti-Corona-Demonstration auf.

Und doch: Prenzlau entspricht nicht nur dem (westdeutschen) Klischee der verlorenen Oststadt. Auf der anderen Seite der Marienkirche, da, wo die Stadt den Unteruckersee „küsst“, lädt ein Spaziergang entlang der alten, zum Schutz gegen die Askanier angelegten Stadtmauer zum Blick über den schönen Seepark ein, der für die 2013 in Prenzlau abgehaltene Bundesgartenschau angelegt wurde. Mehrere Schaugärten, eine Freilichtbühne, ein neu belebter Weinberg und immer wieder ausladende Blicke auf den See bilden ein überraschend liebliches Panorama. Oben, im ehemaligen Unterstand für den Leichenwagen, könnte man in pandemiefreier Zeit in einem Cafe nach italienischem Vorbild sitzen und den steil abfallenden Stadthügel hinabschauen. Über die Strandpromenade etwas höher gelaufen, stößt man auf den sogenannten „Mitteltorturm“, der neben der Marienkirche als zweites Wahrzeichen der knapp 20.000 Einwohner zählenden Stadt gilt und mit seinem kunstvoll gedeckten Wehrgang im 15. Jahrhundert als Teil der Stadtbefestigung gebaut wurde. Nebenan hat vor vier Jahren eine auf Fahrradtouristen spezialisierte Pension eröffnet. Der Betreiber blickte vor dem erneuten Lockdown auf erfolgreiche Monate zurück, denn seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie hat der Verkehr in Prenzlau sprungartig zugenommen. Gute hundert Kilometer von Berlin entfernt, am Ufer des malerischen Unteruckersees und direkt am Radfernweg Berlin–Usedom gelegen, bietet die Stadt vor allem in den Sommermonaten beste Möglichkeiten für Spaziergänge und Radfahrten. Aber auch immer mehr Wassersportler entdecken die über die Ostsee-Bahnstrecke nach Stralsund auch mit dem Zug gut angebundene Gegend.

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