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Nordportugal : Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

Die Heimat des Porto: Nur am Douro, dem ältesten klassifizierten Weinbaugebiet der Welt, darf er kultiviert und gekeltert werden. Bild: Carlos de Mello / Anzenberger

Die älteste Stadt des Landes, das schönste Weinbaugebiet der Welt, der berühmteste Heiratsvermittler des Mittelalters: Hoch im Norden zwischen Douro und Minho übertrifft sich Portugal selbst – und bleibt doch ganz bei sich.

          Decius Junius Brutus steht am Ufer des Flusses Lima, fürchtet weder Tod noch Teufel und kennt kein Erbarmen. Seine Legionäre sind schockstarr vor Angst, weil sie den Lima für den Lethe halten, den mythischen Fluss des Vergessens an der Pforte zum Totenreich, und weigern sich standhaft, ihn zu durchschreiten und Hades in die Arme zu marschieren. Ihr Kommandeur aber wagt es, gelangt unversehrt ans andere Ufer und befiehlt nun seinen Soldaten, ihm zu folgen, indem er jeden Einzelnen mit seinem Namen aufruft – als Beweis dafür, dass der Lima weder das Gedächtnis raubt noch in die Unterwelt führt. So geschah es vor mehr als zweitausend Jahren. Decius Junius Brutus und seine Truppe stehen immer noch am Ufer des Flusses in Ponte de Lima, jetzt als ein Haufen Pappkameraden mit Pilum, ein Denkmal von kindlich naiver Unbekümmertheit wie aus einem Asterix-Heft geklaut, und obwohl ihre Heldentat schon so lange zurückliegt, ist die Botschaft bis heute dieselbe: Wenn man die Flüsse im Norden Portugals durchquert, wird man nicht mit Tod und Vergessen bestraft, sondern mit Schönheit und Leben belohnt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Das fängt gleich in Ponte de Lima an, der ältesten Stadt Portugals, die zwar auf die Ruinen einer römischen Brücke stolz sein kann, ihre Stadtrechte aber erst 1125 erhielt. Daran erinnert die Statue der Königin Teresa, die mit pathetischer Geste eine steinerne Pergamentrolle an ein imaginäres Ponte de Lima übergibt – an ein entzückendes Städtchen voller Häuser aus grauem Granit mit Sprossenfenstern, schmiedeeisernen Balkonen und weiß getünchten Fassaden, voller Relikte seiner Geschichte wie den Fragmenten der Stadtmauer mit dem zinnengekrönten Trumm von Vierungsturm oder der gedrungenen Mutterkirche, der Igreja Matriz. Halb romanisch, halb gotisch ist dieser Gottesbunker, bevölkert von Madonnen mit todtraurigem Blick, für die – so sagt es die lokale Legende – die Witwen der ertrunkenen Kabeljaufischer Modell standen. Es muss ein schöner Anblick für sie sein, dass es in ihrer Kirche gleichermaßen von Touristen und Betenden wimmelt, weil Portugal noch nicht vom rechten Glauben abgefallen ist, vielleicht ein Privileg seiner Lage am Rande Europas, an dem es langsamer als anderswo zugeht, gelassener und gemächlicher, so unaufgeregt freundlich wie in einer Finisterre ohne Lethe. Sogar für winzige Lebensmittelgeschäfte ist noch Platz, die aussehen wie altertümliche Kinderkaufmannsläden und in denen noch ein echter Portugiese als personalisiertes Inventar hockt, kein Chinese wie überall sonst auf der Iberischen Halbinsel.

          Der heilige Hügel Portugals

          Doch den Ehrentitel der Wiege Portugals darf Ponte de Lima trotz seines Alters nicht tragen. Er gebührt dem nahen Guimarães, vom dem es heißt, es sei die stolzeste Stadt des Landes, so stolz, dass sie die einzige ist, in der es keine einzige Fanvereinigung der drei nationalen Großklubs FC Porto, Benfica Lissabon und Sporting Lissabon gibt, weil es alle Einwohner ausschließlich mit Vitória Guimarães halten. Der „Heilige Hügel Portugals“ überragt den Ort als Walhalla der Vaterlandsliebe, bewacht von Alfonso Henriques mit Schild, Schwert und Schuppenpanzer, dem Grafen von Portucalia, der sich von Leóns König lossagte, 1139 sein eigenes Reich gründete, ihm den Namen seiner Grafschaft gab und damit den ältesten Staat Europas schuf, der bis heute in seinen Gründungsgrenzen existiert. Alfonsos romanische Taufkapelle, die tausendjährige Stammburg des Hauses Portucalia, der Palast im Loire-Stil der Bragança-Dynastie, die Portugal 1640 aus der schmachvollen Personalunion mit Spanien in die abermalige Unabhängigkeit führten. All das drängt sich auf dem heiligen Hügel, und der Stolz der portugiesischen Pilger wirkt hier so friedvoll beseelt, dass man sie sofort von jedem Verdacht des Nationalismus oder sogar Chauvinismus freisprechen will.

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