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Nordportugal : Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

Dreihundert Jahre Handarbeit: So lange hat es gedauert, um aus dem Tal des Douro das spektakulärste aller Weinbaugebiete zu machen.
Dreihundert Jahre Handarbeit: So lange hat es gedauert, um aus dem Tal des Douro das spektakulärste aller Weinbaugebiete zu machen. : Bild: AP

Fünfundvierzigtausend Hektar stehen im größten Steillagenweinbaugebiet der Erde unter Ertrag, davon dreiunddreißigtausend für den Port, der nur hier gekeltert werden darf, wobei mehr als hundert meist authochthone Rebsorten den Douro-Weinen ihren einzigartigen Geschmack geben. Die Trauben müssen sich auf ihrer Suche nach Wasser durch Verwitterungsschiefer bohren und nicht nur lange, eisige Winter überleben, sondern auch brüllend heiße Sommer, bleiben angesichts dieser Tortur klein und geschmacksintensiv und bescheren den Winzern bestenfalls dreitausend Kilo Ertrag pro Hektar, kaum mehr als ein Drittel dessen, was der Vinho Verde bringt. „Oito meses de inverno, quatro meses de inferno“ – acht Monate Winter, vier Monate Hölle, so fasst man im Tal den Kurzjahreswetterbericht zusammen. Und so sieht man an den Ufern neben den Namen berühmter Portweinhäuser von Sandeman über Croft bis Graham auch in weißen Lettern Lagenbezeichnungen wie Vale de Inferno – und glaubt für einen Augenblick das verzweifelte Fluchen der Weinbauern bei ihrem Martyrium im Höllental zu hören.

Ist es doch der Fluss ins Totenreich?

Vom Komfort, der die sprunghaft wachsende Zahl an Weintouristen im Douro-Tal inzwischen erwartet, konnten die Weinbauern drei Jahrhunderte lang nur träumen. In Peso da Régua ist mit dem Six Senses das erste Superluxushotel am Fluss entstanden, das sechshundert Euro für eine Nacht im Herrenhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert verlangt und die Zimmerzahl wegen der großen Nachfrage gerade erweitert. Und mit dem „DOC“ in Folgosa hat der Sternekoch Rui Paula aus Porto ein blendend besuchtes Zweitrestaurant eröffnet, in dem er in einem Kubus aus Stahl und Glas mit einer Holzbohlenterrasse direkt über dem Fluss klassische portugiesische Küche in einer behutsam modernisierten Version serviert, etwa Perlhuhn mit Jakobsmuschel und Jerusalemartischocke oder den traditionellen Meeresfrüchtereis in Risotto-Manier – lauter kleine Revolutionen im Tal der Traditionalisten, die nur Gutes verheißen.

Sogar bei den Portweinwinzern, den obersten Gralshütern des Konservativismus, gibt es Bewegung, etwa im Hause Churchill’s, einer der jüngsten Quintas im Douro-Tal. Sie wurde 1981 von einem Spross der Graham-Dynastie gegründet, als die Firma seiner Familie an eine Großkellerei verkauft wurde, produziert heute eine Viertelmillion Flaschen Port und genauso viel Wein und bricht dabei mit heiligen Konventionen: Den Port lässt man vier oder fünf statt der üblichen zwei oder drei Tage fermentieren und gibt erst dann neutralen, siebenundsiebzigprozentigen Alkohol hinzu, um die Fermentation zu stoppen. Dadurch wird mehr Zucker in Alkohol umgewandelt als bei den klassischen Ports, was vor allem die roten Churchill’s nicht nur weniger sirupsüß, sondern auch fruchtiger, eleganter, schlanker und säurebetonter macht – lauter Charaktereigenschaften, die einem Aromenkraftprotz wie dem Portwein nur guttun können und die den weißen Port von Churchill’s fast wie einen Sauternes schmecken lässt, der zwingend nach einer Foie Gras verlangt.

Der Reifekeller der Quinta liegt inmitten der berühmtesten Portweinhäuser in Gaia, gegenüber von Porto und direkt am Ufer des Douro, der hier nur noch wenige Kilometer bis zu seiner Mündung im Atlantik vor sich hat. Wer ihn überqueren will, nimmt nicht Charons Fähre, sondern den Teleférico de Gaia, eine Seilbahn, weil man ja nie wissen kann.

Im Herzland Portugals

Anreise: Flüge von Deutschland nach Porto bieten Lufthansa (www.lufthansa.com), TAP (www.flytap.com) und Ryanair (www.ryanair.com) an.

Quinta do Ameal: Refóios do Lima, Ponte de Lima, Telefon: 00 351/9 16/90 70 16, www.quintadoameal.com.

Quinta da Lixa: Av. Dr. Machado de Matos, Vila Cova de Lixa, Telefon: 00 351/ 2 55/49 05 90, www.quintadalixa.pt.

Casa da Calçada: Largo do Paço 6, Amarante, Telefon: 00 351/ 2 55/41 08 30, www.casadacalcada.com.

Churchill’s Port: R. da Fonte Nova 5, Vila Nova de Gaia, Telefon: 00  351/ 22/3 70 36 41, www.churchills-port.com.

Informationen: Turismo do Porto e Norte de Portugal, Telefon: 00 351/2 58/ 82 02 70, www.portoenorte.pt.

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