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Nordportugal : Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

Lissabons kühle Schwester: In Porto schlägt das Herz Nordportugals:
Lissabons kühle Schwester: In Porto schlägt das Herz Nordportugals: : Bild: Bloomberg

An Gelassenheit kann es Guimarães mit Ponte de Lima spielend aufnehmen, obwohl es viel größer und betriebsamer ist. Grauer Granit beherrscht auch hier das Stadtbild, unterbrochen von Fassaden voller farbenfroher Azulejos und uralten Hexenhäuschen, die im Laufe der Jahrhunderte krumm und schief geworden sind und jetzt aussehen, als lehnten sie sich aneinander und suchten gegenseitig Halt. Strenggläubig ist diese Stadt natürlich ebenso, bestückt mit zahllosen Kirchen, deren Glocken so laut wie Kanonenschläge donnern und deren Fronten monumentale Kachelgemälde mit der Himmelfahrt Marias schmücken, während Christus so lebensgroß wie lebensecht in Hausnischen das Kreuz auf der Via Dolorosa schleppt. An allen Kirchen sind Bronzetafeln mit einer Glocke und der Liste aller Gotteshäuser in der Stadt befestigt, wobei hinter jedem Namen eine Zahl zur Identifizierung der jeweiligen Kirche mittels Glockenschlägen steht. So wussten die Einwohner bei Bränden sofort, wohin sie zum Feuerlöschen eilen mussten, was offensichtlich die erste Christenpflicht in Guimarães war. Heute gibt es Feuerwehren, und die Menschen können ganz entspannt auf den vielen Plätzen bei ihrem Vinho Verde sitzen – und ihre Gäste, jedenfalls jene, die spanische Verhältnisse gewohnt sind, in blankes Erstaunen versetzen: Die ganze Stadt ist voll und zugleich gespenstisch still, sie versinkt nicht im hispanischen Tohuwabohu, sondern gibt sich mit einem lusitanisch gedämpften, melancholischen Murmeln zufrieden.

Minifundios statt Latifundios

Portugals Wiege steht im Herzland des Vinho Verde, das sich zwischen Douro und Minho erstreckt, genauso grün ist wie der Name des Weines und gerade von der globalen Gemeinde der Weintouristen enthusiastisch entdeckt wird. Es ist ein Land aus einem fruchtbaren Auf und Ab von Bergen und Tälern, durchzogen von Flüssen und so reich bedacht mit Regen, dass an den Baumstämmen Efeu wächst. Es ist auch dichter bevölkert und wohlhabender als der karge Süden, ein Patchwork aus Minifundios statt Latifundios, Klein- und Kleinstbauernhöfen, mit endlosen Eukalyptuswäldern für die Zelluloseproduktion dazwischen, nur in Australien und China gibt es noch mehr davon. Und überall sieht man Weinberge, selten großen Flächen, oft winzige Wingerte mit ein paar Dutzend Weinstöcken auf terrassierten Hügeln, aus denen ein Wein gekeltert wird, dessen Schicksal fast noch trauriger ist als das der Kabeljaufischerwitwen.

Vinho Verde hat sich durch Überproduktion, Qualitäts-Dumping und Preisverfall so gründlich wie kaum ein zweiter Wein seinen Ruf selbst ruiniert. Ganz langsam kommt er zwar wieder in Mode, doch gilt er vielen noch immer als seelenloser Massenbilligwein. Eine Flasche kostet sogar im seriösen Fachhandel in Portugal oft nur ein, zwei Euro, ein schockierend niedriger Preis, der allein deswegen erreicht wird, weil die Leib-und-Magen-Traube des Vinho Verde, die Loureiro, so anspruchslos und ertragreich ist. Acht Tonnen Lesegut holt man ohne weiteres aus einem Hektar und keltert daraus zehntausend Flaschen. Selbst die Handlese ist kein Kostenfaktor, weil die Tagelöhner kaum fünfunddreißig Euro für zehn Stunden Schufterei im Weinberg bekommen. Doch die wahre Schande ist, wie haarsträubend man damit das Potential der Loureiro verschwendet.

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