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Plastikwahnsinn : Über den Wolken stapelt sich der Müll

  • -Aktualisiert am
Die Flug-Branche kann keine Auswirkungen der Klima-Proteste feststellen.

Und damit sieht es in der Luftfahrt besonders düster aus. Etwa 91 Prozent des anfallenden Plastiks sowie der Großteil des sonstigen Kabinenabfalls nämlich werden bisher nicht recycelt. Das liegt aber nicht am mangelnden Willen der Airlines, sondern an den extrem strengen Bestimmungen zur Hygiene, denen der Luftverkehr unterliegt. In den meisten Ländern der Welt ist es bisher Vorschrift, dass der gesamte Bestand an Bordverpflegung aus dem interkontinentalen Ausland nach Ankunft verbrannt oder auf Mülldeponien in den Boden gestampft wird, sogar ungeöffnete Getränkedosen. Bei KLM zum Beispiel muss auch über die Hälfte der Hinterlassenschaften europäischer Flüge in die Müllverbrennung – die immerhin zur Energieerzeugung genutzt wird. Während etwa Honig oder Milchprodukte aus fernen Ländern unter Umständen Gefahren für die Landwirtschaft am Zielort darstellen können, ist dies aus Hygienegesichtspunkten sonst kaum nachvollziehbar. Die IATA sieht darin eines der Hauptprobleme für mehr Recycling: „Wir müssen diese internationalen Catering-Bestimmungen ändern“, fordert Sprecher Chris Goater.

Und auch hier fehlen bald die Strohhalme

Unter weiteren Zugzwang gerät die Branche durch die neue EU-Regelung zur Plastikvermeidung – ab 2021 bereits sind Plastikteller, -trinkhalme und andere Wegwerfprodukte auch in der Luft verboten. Um zu zeigen, dass sie die Thematik ernst nehmen, aber auch als PR-Aktionen, wie Kritiker argwöhnen, führen derzeit immer mehr Gesellschaften zunächst einmalig plastikfreie Flüge durch. So flog die arabische Etihad im April als erste große Airline einen Ultra-Langstreckenflug ohne Einwegplastik. Für den Flug von Abu Dhabi nach Brisbane mussten nicht weniger als 95 einzelne Artikel aus Einmalplastik, die üblicherweise an Bord sind, ersetzt werden.

Die Kaffeetassen bestanden aus essbarem Waffelteig, die Decken aus recycelten Plastikflaschen – und Einmalbesteck in der Economyklasse aus Stahl. „Wir haben Bambus- und Holzbesteck getestet, aber das war keine angenehme Ess-Erfahrung“, so die Etihad-Bordservice-Managerin Linda Celestino, daher tendiere man künftig zu Bestecken aus leichtem Stahl. „Für uns ist der Kohlendioxidausstoß aber ein wichtigeres Problem als Plastikabfall“, so Celestino. Qantas führte im Mai einen abfallfreien Inlandsflug durch – erster Schritt hin zum Ziel, bis Ende 2021 volle 75 Prozent des anfallenden Abfalls einzusparen, der bei 50 Millionen Passagieren der Australier jährlich 80 vollbeladenen Jumbo-Jets entspricht. Der Zweistundenflug von Sydney nach Adelaide allein produziert normalerweise 34 Kilogramm Müll. Um den zu vermeiden, mussten tausend Teile Einmalplastik an Bord ersetzt werden, etwa durch Papiertrinkbecher aus Pflanzenfasern, Essenskartons aus Abfallprodukten der Zuckerproduktion und Bioplastikbestecken aus Stärke.

Nur das einladen, was verzehrt wird

Möglich ist also viel – wenn sich die Branche bemüht. Aber ob es die Passagiere honorieren und bereit sind, künftig eventuelle Mehrkosten zu tragen, ist unklar. Dabei fängt Plastikvermeidung zuerst bei jedem Passagier selbst an. Der wichtigste Hebel zur Müllvermeidung ist die Vorbestellung von Bordverpflegung, die heute immer mehr Airlines anbieten, manche sogar als einzige Möglichkeit an Bord zu essen, wie bei der SAS auf Kurzstreckenflügen. So wird nur geladen, was auch tatsächlich gewünscht und gegessen wird. Aber auch an Bord kein Essen oder Getränke anzunehmen, die man ohnehin nicht verzehren möchte, ergibt Sinn, genauso wie der Verzicht darauf, Abfall in die Sitztaschen zu stopfen, was Aufwand und eventuell Reinigungskosten erhöht. Und Airlines bemühen sich um innovatives, werbewirksames Recycling. Jüngstes Beispiel: Virgin Atlantic Airways führt neuerdings die Schaumstoffpolster ihrer Bordkopfhörer einer ungewöhnlichen Verwendung zu – daraus entstehen nun Bodenbeläge für Arenen der Dressurreiter.

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