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Plastik in der Luftfahrt : Was für ein Müll!

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Grün sind hier nur die Sitze, das Plastik an Bord ist es nicht. Bild: Laurent Grandguillot/REA/Laif

Viele Fluglinien werfen beim Service immer noch mit Plastikverpackungen um sich. Dabei gibt es längst Alternativen beim Catering.

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          Es knistert, es raschelt, es quietscht. Und jeder, der einmal geflogen ist, kennt diese Geräusche, die der Plastikmüll verursacht, der nach einem Linienflug in der ganzen Kabine verteilt ist. Besonders auf der Langstrecke entstehen regelrechte Plastikberge, und immer wieder fragt man sich, was mit dem ganzen Müll passiert und ob es nicht umweltfreundlichere Wege der Handhabung gäbe.

          Denn nicht nur die Decken und Kissen sind in Plastikfolie eingehüllt. Einwegkopfhörer werden aus Plastik produziert und landen im Müll, das Besteck beim Essen ist meistens aus Plastik gefertigt und von Plastik umgeben. Jedes noch so kleine Flugzeuggericht – das Croissant, der Salat und das Dessert – ist mit Folie umwickelt und mit Plastikdeckeln abgedichtet.

          Insgesamt produziert jeder Passagier pro Flug 1,4 Kilogramm Abfall. Bei einer Boeing 747 mit 360 Sitzplätzen entstehen somit mehr als 500 Kilogramm Müll. Zu diesem Ergebnis kommt die International Air Transport Association (IATA). Bei vier Milliarden Passagieren jährlich, wie vor Corona, führte das zu einem Müllaufkommen, das einer Großstadt gleicht – mehr als 5,8 Milliarden Kilogramm pro Jahr. Zudem könnte sich bis 2040 der Kabinenmüll verdoppeln, prognostiziert IATA. Denn wenn es so weitergeht, soll sich die Zahl der Flugpassagiere bis dahin weltweit verdoppeln. In den Entwicklungsländern wird mehr geflogen, und Experten rechnen auch im Westen mit einer weiterhin gleichbleibenden Fluglust, mit allen negativen Folgen.

          Einweg erleichtert die Arbeit

          Das in Verruf geratene Plastik hat in der Luftfahrt allerdings mehrere Vorteile und ist deswegen immer noch attraktiv. Das Material ist leicht und billig. Weniger Gewicht spart Treibstoff. Im Schnitt beträgt der Kerosinverbrauch pro Person etwa 3,64 Liter je 100 Kilometer, ergab eine Umfrage unter den Airlines. Darin ist auch der Müll mit eingerechnet. Schon wenige Kilogramm mehr sorgen für einen höheren Verbrauch. Folien sorgen zudem bei der Bordverpflegung für Hygiene. In Pandemiezeiten war Plastik ein effektives Mittel, um die Übertragung zu verhindern, da Geschirr nur einmal verwendet und direkt entsorgt werden kann – bei Geschirr aus Porzellan und Stahl ist das anders. Die Vorteile betreffen auch die Prozesse am Boden: Einweg erleichtert die Arbeit.

          „Plastik wird in der Reiseindustrie in Massen eingesetzt“, sagte Erik Solheim, Chef des UN-Umweltprogramms, der beim Weltumwelttag zur Verringerung von Plastikmüll aufgerufen hat. Ähnlich kritisch sieht es Matt Rance, der das Londoner Unternehmen MNH Sustainable Cabin Services leitet, das Fluggesellschaften dabei berät, ihren Müll zu reduzieren. „Plastik sorgt immer noch für viel Umweltverschmutzung im Flugverkehr“, heißt es von seinem Unternehmen. „Doch das Bewusstsein, dass es hier Veränderungen braucht, und die Suche nach Lösungen sind allgegenwärtig.“

          Der gesammelte Plastikmüll eines jeweils zehnstündigen Hin- und Rückfluges für eine Person
          Der gesammelte Plastikmüll eines jeweils zehnstündigen Hin- und Rückfluges für eine Person : Bild: ABC/Fiona Pepper

          Auf die Anfrage der F.A.S. zur Menge ihres Müllaufkommen und zu Umweltprogrammen haben nur wenige Airlines konkret geantwortet. Die meisten verwiesen auf ihre Nachhaltigkeitsberichte. Dennoch hätten die meisten Fluglinien solche Initiativen implementiert und achteten auf den Müllverbrauch an Bord, bestätigt auch MNH. Doch was tun sie konkret? Ein positives Beispiel ist die portugiesischen Fluggesellschaft Hi Fly, die als müllärmste Airline mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie wird bei Spitzen anderer Fluggesellschaften angefragt und stellt dann ihre Flugzeuge bereit. Am 26. Dezember 2018 hob ein Hi-Fly-Airbus A340 komplett ohne Einwegplastik ab und flog von Lissabon nach Natal in Brasilien. Seit dem 1. Januar 2020 kommt nach Unternehmensangaben auf Flügen kein Einwegplastik mehr zum Einsatz. An Bord wird stattdessen Bambusbesteck gegessen, das zum Teil wiederverwendet wird. Verpackungen sind aus kompostierbarem Material, wie Papier, Karton oder Biokunststoff. Warum funktioniert das nicht auch bei großen Fluggesellschaften?

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