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Balearische Inseln : Phantastische Geschichten

  • -Aktualisiert am

War er nun da oder nicht? Mallorcas Höhlen sind schon sehr lange als Touristenattraktionen bekannt. Bild: Picture-Alliance

Jules Verne besuchte vor 150 Jahren Mallorca und ließ sich in den eindrucksvollen Höhlen für seine Romane inspirieren. Oder stimmt das alles gar nicht?

          7 Min.

          „Nein“, sagt Nicolás Moragues. „Als Historiker muss ich nun endgültig sagen: Jules Verne war nie auf Mallorca.“ Und damit wäre diese Geschichte über den französischen Schriftsteller und die spanische Ferieninsel beinahe schon wieder vorbei. Beinahe. Denn große Märchengeschichten – und das hätte wohl kaum einer besser gewusst als Jules Verne – beginnen dort, wo Realität endet.

          Moragues, der Mann, der die Anekdote mit Jules Verne und Mallorca als Fiktion enttarnt hat, sitzt im „Ca’n Joan de S’Aigo“, einem Traditionscafé in den engen Gassen der Altstadt von Palma, unweit der Plaça de Quadrado, und rührt in seinem café con leche. Der 43-Jährige beschäftigt sich als Professor für Geschichte an der Universitat de les Illes Balears und Vorsitzender der spanischen Jules-Verne-Gesellschaft seit Jahren intensiv mit dem Schriftsteller. Als Mallorquiner und glühender Verehrer seiner Romane hätte Moragues sich so sehr gewünscht, dass Jules Verne auf Mallorca gewesen wäre. Schließlich gab es genug Indizien, die dafür sprachen. Da wäre dieser ominöse Eintrag im Gästebuch der Tropfsteinhöhlen von Artà vom 17. September 1877; da wären die Höhlen von Hams und die Drachenhöhle, die lange damit warben, dass Jules Verne sich hier für die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ hatte inspirieren lassen; und da wäre das Kapitel im Roman „Clovis Dardentor“, in dem der Autor Palma so detailverliebt beschreibt, als wäre er mehrfach da gewesen. Aber genauso wenig wie Goethe in jedem Gasthof zwischen Weimar und Rom, und Hemingway in jeder Bar zwischen Paris und dem Montafon gewesen sind, genauso wenig war Jules Verne auf Mallorca. Das hat der Historiker Moragues nun, nach vielen Jahren der Lektüre und Recherche, des Forschens und Analysierens klargestellt.

          Die erste Touristenhöhle Europas

          Auf den imaginären Spuren Jules Vernes fahren wir am nächsten Tag nach Artà. Die Höhlen von Artà sind eine der ältesten Touristenattraktionen auf Mallorca. Sie öffneten bereits 1806, damit waren sie die erste Touristenhöhle Europas, und man konnte sie mit Fackeln erkunden, ganz so wie Jules Vernes Figuren nach dem Zugang zum Mittelpunkt der Erde suchen. Es war der Beginn des Tourismus auf Mallorca, und die ersten Gäste waren französische Forscher, Gelehrte und Künstler, die auf dem Weg nach Afrika waren. Hätte Jules Verne nicht einer von ihnen gewesen sein können? Im Gästebuch, das im Besitz der Eigentümerfamilie der Höhle ist und das Nicolás Moragues einsehen konnte, ist jener Eintrag vom 17. September 1877 zu finden. Wenn Verne hier war, dann kam er offenbar in prominenter Gesellschaft. Neben ihm selbst haben Victor Hugo, Alexandre Dumas der Ältere, Charles Paul de Kock und die Schauspielerin Sarah Bernhardt unterschrieben.

          Die Höhle bei Jules Verne, gezeichnet von Édouard Riou für die Erstausgabe 1864.

          Dass die Höhle so früh entdeckt und zugänglich gemacht wurde, ist nicht verwunderlich. Sie öffnet sich in einer großen Wölbung zum Meer hin und war für Seefahrer, die an der Ostküste der Insel entlang segelten, nicht zu übersehen. Und doch ist die Dimension der Höhle von Artà für jeden, der sie betritt, eine Überraschung. In den kathedralengroßen Räumen ist ihr Ende kaum auszumachen. „Es hat hier das ganze Jahr über konstant 17 Grad“, erklärt der deutsche Führer Fabian und bleibt vor der „Königin“ stehen, einem sechs Millionen Jahre alten Stalagmit, mit 22 Metern Höhe einem der höchsten Europas. Ein halber Meter trenne die Säule noch von der Decke – und innerhalb des erdgeschichtlichen Wimpernschlags von fünftausend Jahren wird sie sich mit ihr verbunden haben.

          Steinsegel und Orgelpfeifen

          Über eine Treppe führt der Weg durch einen schmalen Durchgang namens „Eingang zur Hölle“. Die von Scheinwerfern angestrahlten Wände sehen aus wie Dinosaurierknochen oder wenigsten Brutstätten für Aliens. Aus unsichtbaren Lautsprechern dröhnt „O Fortuna“ aus „Carmina Burana“. Es geht immer tiefer hinab, vorbei an Steinsegeln, Orgelpfeifen und anderen Phantasiegebilden. Fabian sagt: „Wir sind nun 45 Meter unter der dem Eingang.“ Ob Jules Verne hier war, fragen wir ihn dann, und er antwortet: „Ja. Und nicht nur der, auch Salvador Dalí war mehrfach hier.“ Und das sei alles in den Gästebüchern dokumentiert.

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