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Phänomenologie : Fingerzählen

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Bei der Verständigung mit den Fingern sollte man auf die Eigenheiten regional abweichender Zählsysteme achten. Bild: ZB

Wer durch die Welt reist verständigt sich oft mit Händen und Füßen - die Funktion der Finger ist beim Verhandeln allerdings mit Vorsicht zu genießen

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          Mit Händen und Füßen spricht man, wenn man etwas sagen will und einem die Worte fehlen. Kinder halten ihre Finger hoch, wenn man sie fragt, wie alt sie sind. Hände verschaffen Klarheit, wo der Mund es nicht kann. So viel zur Theorie - oder zur Hoffnung.

          Besonders oft bedient man sich der Hände, wenn man irgendwo auf einem Markt oder in einem Geschäft steht. Man zeigt auf die Bananen, die Schuhe, die Buddha-Skulptur und zählt an den Fingern ab, was man dafür zahlen möchte. Der gemeine Deutsche beginnt mit der geschlossenen Faust, der Daumen steht für die eins, Zeige- und Mittelfinger sind zwei und drei. Für die Vier braucht es schon etwas Fingerakrobatik, denn der Kleine am Rande will sich immer mit nach oben stellen, um die Fünfe voll zu machen.

          Amerikaner finden es amüsant, dass gerade die für ihre Effizienz und ihren Pragmatismus bekannten Deutschen ein so kompliziertes Fingerzählsystem haben. Denn Amerikaner beginnen mit dem Zeigefinger zu zählen, was wirklich einfacher ist, weil man bei der drei den kleinen Finger mit dem Daumen unterdrücken kann. Der Dicke kommt erst bei der Fünf zum Einsatz. Die Faust mit dem nach oben gereckten Daumen bedeutet für sie „Alles okay“, meist begleitet von einem breiten Grinsen.

          Die Chinesin wollte nur Fingerhakeln

          Zeigt man genau das in Iran, könnte man eventuell ernsthafte Probleme bekommen. Denn die deutsche Eins soll hier eine Einladung zum Analverkehr sein - warnte man mich, bevor ich losreiste. Den Iranern dagegen könnte es bei uns nicht anders gehen: Auf dem Basar wird nicht die Faust geöffnet, sondern die offene Hand beim Zählen geschlossen. Die angedrohte Faust heißt „Fünf“ - das sollte man besser nicht in einer deutschen Kneipe probieren.

          Vor kurzem stand ich in China in einem Laden, eine Chinesin vor mir, die ihren Zeigefinger krümmte, als wolle sie mit mir fingerhakeln. Dabei röchelte sie, als würde sie sterben. In meiner Tüte lagen zwei Mangos, ein Apfel und eine Banane. Ich hielt ihr meine Faust entgegen, zählte bis fünf. Doch sie wollte nur hakeln. Irgendwann zog sie ihren Taschenrechner hervor. Er sprach! Natürlich chinesisch. Digitale Revolution. Aber er hatte auch ein Display, auf dem eine neun erschien.

          Chinesen zählen nicht mit den Fingern, sie formen ihre Schriftzeichen der jeweiligen Zahl nach. Deshalb sollte man in China nichts kaufen, was mehr als 3 Yuan kostet. Eins, zwei und drei sind jeweils genauso viele ausgestreckte Finger. Was teurer ist, bedarf fortgeschrittener Chinesischkenntnisse, mit Händen und Füßen.

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