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Phänomenologie : Der Dschungel

Wie kommt die Küchenschabe in den Dschungel? Bild: dpa

Seitdem ein paar abgehalfterte deutsche Fernsehprominente den Dschungel betreten haben, steht die Welt kopf. Die Kakerlake ist zum Symboltier der Wildnis geworden, obwohl der gemeine Tourist dort doch nur Moskitos trifft.

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          Seitdem ein paar abgehalfterte deutsche Fernsehprominente den australischen Dschungel betreten haben, steht die Welt kopf. Nein, Ekelfernsehen hat es in der Tat vorher schon gegeben. Aber stellen Sie sich einmal Tarzan vor, wie er in Fäkalien und Aalschleim badet, Maden zerkaut und von Kakerlaken besprungen wird. Vielleicht wird dann klar, was in diesen zwei Wochen wirklich geschehen ist. Die Kakerlake ist zum Symboltier des Dschungels geworden, Blatta orientalis, dieses lichtscheue braune Gesinde aus der Gosse, hat die Herrscher der Kronen, die prächtigen Panther und die listigen Menschenaffen, aus den Führungslogen des grünen Hades verdrängt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Den brustbehaarten Griechenbarden Cordalis zum "Dschungelkönig" zu krönen war vor diesem Hintergrund nicht mehr als ein perfider Gnadenakt des RTL-Publikums, das sich an den kafkaesken Verwandlungen des Hintergrundmotivs offenbar gar nicht genug berauschen konnte. Es wird ja immer noch steif und fest behauptet, das Dschungelcamp neunzig Kilometer südlich von Brisbane sei gar nicht im Urwald gelegen. Als käme es darauf an.

          Kakerlaken? Welche Kakerlaken?

          Kann sein, daß die Palmwedel geschimmert haben wie einst im wohlgehegten Wintergarten des Bayernkönigs Ludwigs II., und die Stämme der Urwaldriesen in dem lichten Tal hatten für botanische Maßstäbe auch eine verdächtige Einheitsgröße. Wen von den Zuschauern aber hätte die unterstellte Kulissenschieberei schon dazu gebracht, den Blick vom frivolen Zeltlager abzuwenden? Niemanden. Es hat sich ja auch bisher niemand darüber beklagt, daß in dem Stückchen Pseudowildnis an die zweihundertsechzig Techniker werkelten, daß zwanzig Kameras ununterbrochen den virtuellen Raum erschlossen und daß daneben ein Psychologe zugange war, von dem man nicht so recht wußte, welche von den eingepferchten Kreaturen - die zweibeinigen oder die anderen - er eigentlich ruhigzustellen hatte.

          Daß man allerdings zentnerweise Kakerlaken, Mehlwürmer und harmlose Terrarienschlangen heranschaffte und damit die Essenz des Urwaldes endgültig preiszugeben bereit war, diese Sünde erweist sich als unverzeihlich. In Wirklichkeit nämlich ist man im Urwald der einsamste Mensch der Welt. Grüne Wüste ist das richtige Wort. Und die einzigen Wesen, denen der Dschungelbesucher in den ersten Tagen allenfalls begegnet, sind Blutegel und Moskitos. Das mag auch eklig sein. Aber die Hölle der Kakerlaken ist Welten davon entfernt.

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