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Wanderdorf Pfronten : Sagengestalten im Kreisverkehr

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Der Wanderer ist für solche Geschichten dankbar, erhält er durch sie doch einen Bezug zur durchquerten Landschaft und einen Einblick in die alpine Kulturgeschichte. Im mythischen Weltbild der früheren Alpenbewohner waren die Venediger Abgesandte der Natur, Vollstrecker einer höheren Gerechtigkeit – auch dies ein weitverbreiteter Topos alpiner Sagengeschichten. Wie bei außereuropäischen Naturvölkern war man auch in den Alpen davon überzeugt, dass die Natur Mittel und Wege fand, menschliche Grenzüberschreitungen zu bestrafen, allen voran die Vermessenheit, sich ohne Respekt, Dankbarkeit und Maß an ihren Schätzen zu bedienen.

Magenschmerzen bei Genusswanderern

Bei den Pfrontenern hat die Natur bisher Milde walten lassen, obwohl sie im vergangenen Jahr viereinhalb Millionen Euro für die Beschneiung zweier Pisten ausgegeben und damit der Energie- und Wasserverschwendung Tür und Tor geöffnet haben. Und man beginnt darüber zu grübeln, wie sich diese von vielen Pfrontenern abgelehnte Maßnahme mit dem Image eines Wanderdorfs verträgt. Die massive Aufrüstung eines dreizehnhundert Meter hohen Skigebiets lässt an einer ernsthaften Ausrichtung am „Mythos Landschaft“ zweifeln und erscheint auch schon deshalb als absurd, weil Pfronten mit dem Breitenberg ein viel höheres Wintersportareal hat, in dem man bislang auf Schneekanonen verzichten kann. Mit dem Geld hätte man ja auch ein professionelles Rufbussystem aufbauen, die großartigen Wandermöglichkeiten des Tals professionell bewerben und von dem einen oder anderen Dorfplatz die Autos verbannen können.

Die noch allzu sehr vom Autoverkehr geprägten Ortskerne gehören ohnehin zu den Realitäten, die den neu ins Tal gelockten Genusswanderern und Traumwandlern Magenschmerzen bereiten dürften. Dazu kommt ein soeben beschlossenes touristisches Leitbild, das es wieder einmal allen möglichen Gästegruppen recht machen und keinen Trend auslassen will. Nicht weniger halbherzig agiert man bei der Schneeräumung. Einige der attraktiven Verbindungswege zwischen den Ortsteilen liegen nicht im offiziellen Streu- und Räumplan, werden im Winter also sich selbst überlassen.

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Eigentümlich ist auch, dass Teile der winterlichen „Dorfrunde“ schwarz geräumt, also mit Salz schneefrei gemacht werden. Der Winterwanderer schlurft dann auf einem nassen Asphaltstreifen durch die Allgäuer Sehnsuchtslandschaft. Dass der Traum von einer winterlichen Märchenwelt ein höchst sensibles Gebilde ist, scheint bisher nicht allen Verantwortlichen bewusst zu sein. Und so wird das enorme Potential, das die traditionelle Kulturlandschaft für Winterwanderer hat, noch nicht annähernd ausgeschöpft. Auf die Architekten des „Wanderdorfs“ wartet noch viel Arbeit.

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