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Wanderdorf Pfronten : Sagengestalten im Kreisverkehr

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Eine Alpenhütte für Vegetarier

Nicht weniger berührend ist die Geschichte, die man in der Steilwand unter dem Felsengipfel erfährt. Hier wollte der Pfrontener Pfarrer Josef Anton Stach ein zweites Lourdes schaffen und sich damit einen Lebenstraum erfüllen. Doch just an dem Tag, an dem die drei Meter hohe Marienstatue angeliefert wurde, stürzte der Gottesmann auf dem Rückweg von einer Hütteneinweihung am Aggenstein zu Tode. Trotzdem wurden die Pläne für die spektakuläre Mariengrotte Wirklichkeit. Nach wie vor lockt sie zahllose Touristen und Gläubige auf den Bergweg, der unter die überhängende Felswand des Falkensteins führt und nachts beleuchtet werden kann.

Eine liebenswert kleinteilige Angelegenheit: Aus dreizehn Dörfern besteht die Großgemeinde Pfronten.
Eine liebenswert kleinteilige Angelegenheit: Aus dreizehn Dörfern besteht die Großgemeinde Pfronten. : Bild: Gerhard Fitzthum

Der Titel „Europäisches Wanderdorf“ wäre ein Etikettenschwindel, würde man sich des Themas nicht auch in der kalten Jahreszeit annehmen. Acht Winterwanderwege sind in den vergangenen Jahren eröffnet worden, zum Teil auf Kosten vormaliger Loipen. Zu den schönsten Strecken gehört der Weg, der in einer knappen Stunde zur zwölfhundert Meter hohen Hündeleskopf-Alm führt – und damit zu der wohl alpenweit einzigen Hütte, in der ausschließlich vegetarische Kost auf den Tisch kommt. In weiten Kehren zieht sich der bestens präparierte Forstweg den Schattenhang hinauf. Ab und zu kommen einem Schlittenfahrer entgegen, denen man noch lange nachschaut. Dank des hartgefrorenen Schnees und des erheblichen Gefälles haben sie einige Mühe, nicht aus der Kurve getragen zu werden.

Für die Mühen des Aufstiegs wird der Winterwanderer oben mit Zucchini-Lasagne belohnt. Von der Hündeleskopf-Hütte weiter ansteigend, erreicht man mit der ebenfalls bewirtschafteten Kappeler Alm einen weiteren großartigen Aussichtspunkt. Gebannt blickt man auf den Aggenstein, dessen beinahe zweitausend Meter hohe Spitze den Edelsberg und den Breitenberg überragt. Der Legende nach steht irgendwo dort oben das nur für wenige Auserwählte sichtbare Schloss der Venediger. Wer es erspäht, darf sieben Jahre nicht darüber reden, sonst hat er sein Leben verspielt.

Sagen von den Venedigermännle

Die Geschichte von den sagenumwobenen Bergbewohnern hat einen wahren Kern und ist nicht auf die Gegend von Pfronten beschränkt. Von den Venedigermännle wird in fast allen Regionen der Alpen erzählt. Die Bezeichnung geht auf Händler aus der Lagunenstadt zurück, die durch die Alpen zogen, um für die venezianischen Glasmanufakturen Gold, Edelsteine und Mineralien zu suchen. Beschrieben werden sie als Gestalten mit einem großen, spitzen Hut und einem bis auf die Füße hinunterreichenden, schwarzen Mantel, was sie wie geheimnisvolle Zwerge erscheinen ließ. Offenbar pflegten die Venediger nur wenig Kontakt mit den Einheimischen, weshalb sie diesen suspekt waren und man ihnen übermenschliche Fähigkeiten andichtete. Wie eine Geschichte zeigt, die am Aggenstein spielt, wurde ihnen auch eine chronische Abneigung gegen Übeltäter zugeschrieben.

Heilige und Heilung: Der Alpenraum lässt einen nicht kalt. Umso besser, wenn man beim Wandern auch etwas über die Geschichten einer Landschaft erfährt.
Heilige und Heilung: Der Alpenraum lässt einen nicht kalt. Umso besser, wenn man beim Wandern auch etwas über die Geschichten einer Landschaft erfährt. : Bild: Picture-Alliance

Nach dieser Legende hatte ein Pfrontener bei einem Kindsmord mitgeholfen und alles auf die Mutter geschoben, die zum Tode verurteilt worden war. Wenig später begab es sich, dass der Missetäter auf dem Gebirgsweg ins Tannheimer Tal unterwegs war. Auf der Hochebene zwischen Breitenberg und Aggenstein wurde er von einer Horde Kapuzenmännchen gefangen genommen, in ihr nahe gelegenes Schloss verschleppt und dort vor Gericht gestellt. Der Venedigerkönig und seine Schöffen hielten dem Angeklagten einen Zauberspiegel vor, der ihm seine Untaten vor Augen führte, was ihn tot zu Boden sinken ließ.

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