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Wanderdorf Pfronten : Sagengestalten im Kreisverkehr

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Besonders stolz ist der langjährige Tourismusdirektor Jan Schubert auf die neu konzipierten Leitwege, denen man die sprechenden Namen „Drachenblick“, „Königstraum“ und „Sagengipfel“ gegeben hat. Der Wanderer soll schließlich nicht einfach gedankenlos durch die schöne Landschaft streifen, sondern sich von den Geschichten und Mythen der Region inspirieren und gefangennehmen lassen, ein Konzept, das von Marketingstrategen „Storytelling“ genannt wird. Folgerichtig verbinden die Wege kulturgeschichtliche Sehenswürdigkeiten, in denen die Vorstellungswelten der einstigen Einwohnerschaft sichtbare Gestalt angenommen haben, so wie die Burgruine Hohenfreyberg aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ihr Erbauer, der Erbe der nur einen Steinwurf entfernten Burg Eisenberg, wollte seinen Vater übertrumpfen und baute sich eine Veste im Stil vergangener Zeiten auf den Nachbarhügel – ein derart megalomanisches Projekt, dass es die Dynastie in den finanziellen Ruin trieb.

Was für eine Aussicht: Man sieht nicht nur Neuschwanstein, sondern auch die gesamte Gipfelwelt der Ammergauer und Allgäuer Alpen samt Zugspitze und im Norden die Weiten des Ostallgäus.
Was für eine Aussicht: Man sieht nicht nur Neuschwanstein, sondern auch die gesamte Gipfelwelt der Ammergauer und Allgäuer Alpen samt Zugspitze und im Norden die Weiten des Ostallgäus. : Bild: Picture-Alliance

Es ist diese zweite Wirklichkeit, die Welt der Träume, Phantasien und Sehnsüchte, die nun explizit zum Programm erhoben wurde. So pragmatisch, serviceorientiert und rational das Konzept der Wanderdörfer auch erscheinen mag, so sehr lebt es von seiner philosophisch-mythischen Tiefendimension. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass wir aufgrund unserer naturgeschichtlichen Herkunft im Grunde alle Wanderer sind, Lebewesen also, die genau dann in ihrem Element sind, wenn sie sich ihre Umgebung zu Fuß erschließen. Dann werden ursprüngliche Landschaftsbilder „zum Objekt der Begierde“, in denen das Wandern seinen archetypisch-mythischen Mehrwert entfaltet.

Hier wollte sich der Bayernkönig zur Ruhe betten

Für Sieghard Preis erzeugt der Alpenraum mehr als alle anderen Landschaftstypen diesen Effekt, war die Bergwelt doch immer schon „ein Ort der Heiligen und damit auch der Heilung“ und zugleich das Herrschaftsfeld einer „gefährlichen, bedrohlichen Natur“. Mit dem Hochgebirge steht uns „eine Gott oder den Göttern vorbehaltene Sphäre“ gegenüber, eine Art höhere Wirklichkeit, die das Individuum einerseits in seinen Bann zieht und ihm andererseits seine Grenzen aufzeigt, ihm Respekt und Zurückhaltung abverlangt.

Der Traum von einer winterlichen Märchenwelt ist ein höchst sensibles Gebilde, und die Pfrontener haben noch einiges zu tun.
Der Traum von einer winterlichen Märchenwelt ist ein höchst sensibles Gebilde, und die Pfrontener haben noch einiges zu tun. : Bild: Picture-Alliance

Auf der „Königstraum“-Route wird einem klar, was mit diesem Pathos gemeint ist. Sie führt auf das isolierte Massiv des Falkensteins, das als Inbegriff einer ebenso bedrohlichen wie fesselnden Sonderwelt gelten kann. Die mit der höchsten Burgruine Deutschlands gekrönte Bergspitze war für die Ureinwohner des Vilstales genauso ein Kraftplatz wie später für Ludwig II. und die ersten Alpentouristen. An Anziehungskraft hat sie schon deshalb nichts eingebüßt, weil das Panorama wahrlich atemraubend ist: Man sieht nicht nur das fünfzehn Kilometer entfernte Neuschwanstein, sondern auch die gesamte Gipfelwelt der Ammergauer und Allgäuer Alpen samt Zugspitze und im Norden die Weiten des als „Schlosspark“ vermarkteten Ostallgäus mit den bezaubernden Seen, die von den Gletschern der letzten Eiszeit hier hinterlassen wurden.

Der bayerische Märchenkönig war von dem morbiden Adlerhorst so begeistert, dass er sich hier ein weiteres Traumschloss bauen lassen wollte, nicht allerdings, um darin zu wohnen, sondern als letzte Ruhestätte. Die Pläne, die einen riesigen Thronsaal mit einem Sarkophag, aber keine Wirtschaftsräume vorsahen, lagen schon auf dem Tisch. Bevor das Baumaterial auf dem eigens angelegten Zugangssträßchen hinaufgeschafft wurde, war Richard Wagners Freund und Gönner aber schon im Starnberger See ertrunken.

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