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Perspektiven der Stadt (9): Chemnitz : Geriatriker aller Länder: Vereinigt euch!

  • -Aktualisiert am

Die Außerirdischen sind nicht gelandet, und wenn, würden sie es bestimmt nicht in Chemnitz tun – unser Autor im Alterungsanzug. Bild: Anika Büssemeier

Wenn man im Alterungsanzug künstlich vergreist in Deutschlands ältester Stadt unterwegs ist, hat man nicht nur Spaß, sondern auch Visionen. Denn man sieht die Zukunft.

          Grau und faltig hängt ein Himmel über der Stadt, dass man weinen möchte, doch der Himmel hat den Job bereits übernommen. Gerade mal eine Stunde bin ich in Chemnitz unterwegs und fühle mich schon, als wäre Jopi Heesters mein jüngerer Bruder. Regen rinnt in feinen Fäden die blassgelbe Scheibe vor meinem Gesicht hinab. Ich bin um Jahrzehnte gealtert, desorientiert und dehydriert, mein Gang ist schwer, die müden Knochen wollen nicht mehr. Und das nur, weil ich mich mit einer fremden Frau in einem Hotelzimmer getroffen habe. Was ist geschehen?

          Ein Wunder. In Chemnitz geschieht Tag für Tag das Wunder der Vergänglichkeit, und zwar im Rekordtempo. In Sachsens letztem Zivilisationsposten vor dem Erzgebirgsmassiv findet der vielbeschworene demographische Wandel live und in aller Öffentlichkeit statt: Chemnitz vergreist. Dabei war die stolze Industriestadt einmal das kraftvoll schlagende Herz des deutschen Maschinenbaus, hier wurden Nähmaschinen wie Lokomotiven am laufenden Förderband produziert, wurde das Label „Made in Germany“ erfunden, und als die Reichsmark noch rollte, schmückte sich Chemnitz stolz mit dem Titel „reichste Stadt Deutschlands“.

          Es sieht nicht gut aus für Chemnitz

          Inzwischen ist die Stadt sozusagen pensioniert und ächzt unter einem anderen Superlativ: Chemnitz ist die älteste Stadt Deutschlands; nicht historisch gesehen, sondern nach dem Altersdurchschnitt der Bevölkerung. Andernorts hadert man noch mit Jugendgewalt oder Gentrifizierung, hier wird schon munter geriatrifiziert. Täglich werfen Statistiker neue Zahlen aus, und die meisten sehen nicht gut aus für Chemnitz: Niedrige Geburtenraten ließen den Anteil der unter Fünfzehnjährigen auf zehn Prozent sinken - der niedrigste Wert einer deutschen Großstadt; heute zählt die Geburtsstadt von Stefan Heym und Peter Härtling noch 243000 Einwohner, von denen ein Drittel mehr als sechzig Jahre alt ist - schon wieder deutscher Rekord.

          Rot wie der siegreiche Sozialismus ist Chemnitz längst nicht mehr. Da ist es höchste Zeit für eine Farbkorrektur, zum Beispiel beim Kulturpalastklettern.

          Seit der Wende haben sechzigtausend Menschen das Weite gesucht, meist Jüngere, die sich anderswo Jobs und Chancen erhofften, zum Beispiel in Hamburg, eine der wenigen deutschen Städte, deren Durchschnittsalter stetig sinkt. In zwanzig Jahren, so hat die EU-Behörde Eurostat kaltblütig errechnet, wird Chemnitz sich abermals ins Buch der Rekorde einschreiben. Dann werden achtunddreißig Prozent der Einwohner älter sein als fünfundsechzig Jahre - während es in London gerade mal zehn Prozent sind) -, und dann wird Chemnitz mit der raren Auszeichnung „älteste Stadt Europas“ zurechtkommen müssen.

          Zieh` dich aus, sagt die Frau

          Doch was sind schon Zahlen - ich kann mir ja nicht mal meine Hotelzimmernummer merken. Die patente Frau Oehme hat sie aber längst herausgefunden. Sie klopft an meine Tür, begrüßt mich, den Neuankömmling, in ihrer ehemaligen Heimatstadt Chemnitz und schiebt eine große Alukiste ins Zimmer. Ohne Umschweife kommt sie zur Sache: Ich solle mich ausziehen. Frau Oehme ist die Abgesandte des Meyer-Hentschel-Instituts in Saarbrücken, in dem man in vieljähriger Entwicklungs- und Forschungsarbeit einen einzigartigen Alterserfahrungsanzug entwickelt und geschneidert hat, eine Zeitmaschine zum Anziehen: den „Age Explorer“. Damit soll ich Chemnitz erkunden. Ich soll herausfinden, ob die Stadt rentnerfähig ist.

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