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Peloponnes : Einmal Prinz von Arkadien sein

  • -Aktualisiert am

Die Unterstadt von Monemvasia. Bild: Picture-Alliance

Götter, Riesen, versteinerte Wälder und Höhlen voller Wunder findet man auf der Peloponnes. Wenn man Glück hat, darf man sogar einem Archäologen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Eine Reise mit Kindern.

          7 Min.

          Die Autobahn führt in schwindelerregender Höhe über den Isthmus von Korinth. Nero zog zum Graben Tausende von jüdischen Zwangsarbeitern heran, fertiggestellt wurde der Kanal dann aber erst 1893, dem Dynamit sei Dank. Besonders beeindruckend ist die spiegelglatte, neunzig Meter tiefe Felsspalte, in der weit unten das Wasser des Kanals glitzert. Das venezianisch anmutende Städtchen Nafplio war die erste Hauptstadt des unabhängigen Griechenlands und ist zum Entdecken der Peloponnes ein idealer Ausgangspunkt. Schmale Gassen, unzählige Cafés und Restaurants, schattige kleine Parks samt großzügig angelegten Spielplätzen und bunte Läden, die bis Mitternacht geöffnet haben – griechische Uhren ticken anders, und zwar für Kind und Kegel.

          Zikaden singen, und die weiß gekalkten Stämme der Olivenbäume leuchten neben dem Obst der zahllosen Plantagen auf der Fahrt zur mächtigen Festung von Mykene. Wir haben Glück und eine der prächtigsten Burgruinen so gut wie für uns. Ein stilles Dankeschön gebührt Heinrich Schliemann, der allen Spöttern zum Trotz Homer vertraute und Agamemnons Palast 1876 ausgrub. Am besten besucht man die angedockten Museen vor den historischen Stätten, das füllt den Stein für Kinder und Jugendliche mit Leben. In der Ausbuchtung nahe dem Eingang zur tiefen Zisterne standen demnach die Götzen, die an westafrikanische Kunst erinnern und deren verzerrte Gesichter im Dunkeln bei Fackelschein vor viertausend Jahren sicher entsetzlich wirkten; zudem stieg würziges Rauchwerk durch Dutzende kleiner Löcher aus ihrem bunt bemalten Tonkörper. Dort drüben, in diesem Steinring, machte sich die Königin schön. Mit dem von Schliemann gefundenen Schatz und auffallend schmalzinkigen Elfenbeinkämmen. Ob es in Mykene wohl Läuse gab?

          Der Meisterfund heute: Ein Teil einer Vase

          Auf der Fahrt zurück nach Nafplio liegt die Akropolis von Tiryns. Niemand zu sehen, aber wir steigen dennoch aus. Im Schatten der zyklopischen Mauern – wer sonst als Poseidons riesenhafte Söhne könnte diese tonnenschweren Steine aufgehäuft haben? – finden gerade Ausgrabungen statt. Ein britischer Archäologe in weißem Leinenanzug, mit ledernen Handschuhen und Strohhut durchkämmt Sandhaufen, und die Kinder sehen ihm dabei genauso über die Schulter wie den Frauen, die im Schatten sitzend und schwatzend Scherben waschen, Schmutz von Schmuck trennend. Der Meisterfund heute: Ein Teil einer Vase, die den Chor einer griechischen Tragödie zeigt.

          Besonders beeindruckend ist die spiegelglatte, neunzig Meter tiefe Felsspalte, in der weit unten das Wasser des Kanals glitzert.

          Das passt, denn am Abend wird im antiken Amphitheater von Epidaurus das Stück „Die Perser“ von Aischylos aufgeführt. Die Busse kommen aus ganz Griechenland und parken auf den Weiten um das Theater, Eukalyptusblätter brechen unter dem Fuß; ihr Duft mischt sich mit dem warmen Rauch der Souvlaki-Buden. Die Stimmung ist aufgekratzt. Epidaurus war schon in der Antike als Heiligtum des Heilgottes Äskulap bekannt, überschattet wird das jedoch von dem Amphitheater, in dem schon vor 2500 Jahren Stücke aufgeführt wurden.

          „Die Griechen sind niemandem Untertan!“

          Die Sonne sinkt, die Pinienhaine sind dunkle Schatten im Blau des Horizonts, und erst die aufflammenden Untertitel lassen den Sternenhimmel verblassen. Das Theater ist bis auf den letzten der vierzehntausend Plätze voll besetzt, Kissen machen das Sitzen auf den Kalksteinbänken wesentlich bequemer. Das Stück ist dramatisch-intensiv, bis unter Rauch und Donner König Darius aus dem Grab gerufen wird, auf seinem Antlitz ein Goldregen, der an Agamemnons Maske gemahnt. Bei Sätzen wie „Die Griechen sind niemandem Untertan!“ jubelt das Publikum.

          Am nächsten Tag wird beim Baden am Meer der Tanz der Perser nachgestellt, die Eiscreme als Schwert in der Hand. An den Stränden des Peloponnes spricht man Griechisch, denn in Hellas bleibt man im Urlaub gerne daheim – auch wenn es den Griechen an und für sich nach Besatzung durch indogermanische Krieger und Kreuzfahrer, Ottomanen, Venezianer und verschiedene europäische Mächte nicht mehr gibt.

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