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Paris jenseits der Touristenmassen : Die große Liebe ruht am Grunde des Kanals

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Die Fabriken und Arbeiter sind längst fort. Geblieben ist ein beschauliches Paris jenseits der Boulevards, das nicht einmal die Pariser kennen. Bild: Johannes Freybler

Wer schon den Eiffelturm bestiegen, die Mona Lisa bestaunt und eine Handtasche auf den Champs-Élysées erstanden hat, dem sei eine Kreuzfahrt auf dem Canal Saint-Martin empfohlen. Denn dort entdeckt man ein Paris, wie man es noch nie gesehen hat.

          Nicolas hat den zweitschönsten Job in Paris. Nicolas ist Kapitän, genauer gesagt: Sanktmartinskanalkreuzfahrtkapitän. Während die brodelnde Großstadt an einem Durchschnittstag - das heißt an den seltenen Tagen ohne Streik, Großdemonstration, Staatsbesuch und vor allem ohne Regen - ihre Einwohner mit zweihundert Kilometern Stau malträtiert, darf Nicolas erhaben gleitend sein Schiff auf dem Canal Saint-Martin von La Villette nach Bastille steuern. Dabei braucht er zweieinhalb Stunden für viereinhalb Kilometer, und das bei freier Fahrt - wenn man von den neun Schleusen absieht, die das Schiff in der Vertikalen exakt 24 Meter dem Meeresspiegel näherbringen.

          Den Kanal gibt es seit fast zweihundert Jahren. Wasser und Waren sollte er in die Stadt bringen, die damals schon an ihre verkehrstechnischen Grenzen stieß. Napoleon hatte das Bauwerk „gewünscht“. Als es 1825 fertiggestellt wurde, war der Initiator tot, und es gab wieder einen richtigen König, der sogar zur Eröffnung kam. So kann das mit staatlichen Großprojekten gehen.

          Ein Hauch von Docklands und Hafencity

          Nicolas treffen wir am Bassin de La Villette, einem riesigen Hafenbecken im Nordosten der Stadt. Mit seinem goldblonden Pferdeschwanz steht er vor uns und lässt gleich spüren, was er erst später erzählen wird: dass er sich in den Kanal verliebt hat. Daneben liegt leicht schwankend „Arletty“. Warum man einem Dreißig-Meter-Kahn, der mit seinen Aufbauten aus gelben Stahlrohren ein wenig nach Provinzrummelplatz aussieht, einen so netten Frauennamen gibt? Auch das werden wir erst auf unserer Kreuzfahrt erfahren.

          Die makaberste Passage der Fahrt auf dem Canal Saint-Martin: Unter der Bastille sind die Überreste von siebenhundert Revolutionären eingemauert.

          „Arletty“ ruckelt los, mit hundert aufmerksamen Zuhörern beladen. Etwas ratlos ziehen wir am Rande des Bassins stadtauswärts. Kaum zu glauben: In den dreißiger Jahren war hier noch einer der größten Häfen Frankreichs angesiedelt, Seehäfen inbegriffen. Dann kam es wie überall. Die Industrie zog fort, der Transport auf der schmalen Wasserstraße war unrentabel geworden, die ganze Gegend verkam. Erst in den vergangenen fünfzehn Jahren hat die Stadt sich hier am Wasser einen Hauch von Docklands und Hafencity geschaffen - und einen Freiraum für Experimente. So wurden in ehemaligen Lagerhäusern mit gusseisernen Trägern, die symmetrisch am nördlichen und südlichen Ufer angeordnet sind, Kinos eingerichtet.

          Das kleinste Opernhaus von Paris

          Wer sich kurz vor dem Gong doch noch für den Film auf der anderen Seite entscheidet, den bringt der kinoeigene Elektrokatamaran rasch über das Wasser. Mit ähnlichen Superlativen wartet die „Opéra Peniche“ auf. Sie ist das kleinste Opernhaus der Stadt und das einzig schwimmende: Auf zwei massigen Frachtkähnen wird hier von Januar bis in den Frühsommer gesungen und gespielt; dieses Jahr spannt sich der Bogen von Offenbach-Operetten bis zu einer Woyzeck-Adaption. Im Sommer dann werden die Leinen losgemacht, und die Schiffe und Sänger ziehen weiter.

          Am Ende des Bassins steht eine altertümliche, nach der Halbinsel Krim benannte Hebebrücke, die sich im vergangenen Winter festgefressen hat und seitdem den Verkehr blockiert. So blicken wir also nur kurz nach draußen, zum Stadtrand hin: Dort wird die neue, von Jean Nouvel geplante Philharmonie gebaut. Die wurde, so erfahren wir staunend, vor mehr als zwanzig Jahren „gewünscht“, vor fünf Jahren begonnen, und nach Streit und Bauunterbrechungen ist die Fertigstellung im Moment fürs nächste Jahr angekündigt. So kann das mit Philharmonien gehen.

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