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Pakistan : Ich bin dieses Nichts

  • -Aktualisiert am

Das Auge verliert jeden Bezugspunkt: Blick in die Kachelornamentik der Kuppel. Bild: Christoph Peters

Den Halt verlieren zwischen bunten Tüchern, fremden Klängen und überbordenden Ornamenten: Ein nächtlicher Ausflug in Pakistan nach Bhit Shah, zum herrlichen Grabmal des Shah Abdul Latif Bhittai.

          8 Min.

          Der Weg führt vom pakistanischen Hyderabad gut fünfzig Kilometer nach Norden. Als wir losfahren, ist es schon Nacht. Sobald die Lichter der Stadt hinter uns liegen, herrscht in alle Richtungen Finsternis bis zum Horizont. Westlich der Straße mäandert der Indus durch sein breites, um diese Jahreszeit größtenteils trocken gefallenes Bett. Hier ist Alexander der Große mit seinem Heer entlanggezogen, nachdem seine meuternden Soldaten ihn gezwungen hatten, die Pläne zur Eroberung Indiens aufzugeben.

          Wir hatten auf eigenes Risiko unterwegs sein wollen, doch unsere Gastgeber fühlten sich verpflichtet, alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel für unsere Sicherheit aufzubieten, und so fährt ein Wagen schwerbewaffneter Polizisten unmittelbar vor uns her, ein weiterer schirmt das Heck ab. Durchs Fenster sehe ich Männer mit Maschinenpistolen auf der Ladefläche eines offenen Kleintransporters, sie rangeln um Platz, scheinen Spaß zu haben. Zwei von ihnen tragen die langen Zottelbärte der Islamisten, und ich frage mich, ob es nicht wahrscheinlicher ist, dass einem von ihnen plötzlich einfällt, es könnte ihm den Eintritt ins Paradies sichern, wenn er uns jetzt erschießt, als dass wir aus purem Zufall Terroristen oder Entführern in die Hände fallen. Bei dem Gedanken muss ich lachen. Ich war in den vergangenen Jahren häufig mit Sufis unterwegs, habe viele ihrer Pilgerstätten besucht und mich nie sicherer gefühlt als dort, ganz gleich wie gefährlich die Gegend angeblich war.

          Hier plärrt kein Orientpop aus überforderten Lautsprechern

          Wir erreichen Bhit Shah kurz vor Mitternacht, steigen auf einem kleinen Platz aus, inmitten von grell erleuchteten Buden und Läden, die über und über voll sind mit Süßigkeiten, religiösen Souvenirs, Plüschtieren, bestickten Kappen, dem ganzen Glitzerplastik aus chinesischer Produktion, das jede erdenkliche Form und Gestalt annehmen kann. Inmitten des blinkenden Durcheinanders stehen einzelne junge Männer wie mit der Umgebung verschmolzen, sehen uns aus starren Augen an. Sie sind einfach da, drängen uns ihre Waren nicht auf. Ob jemand etwas kauft oder nicht, scheint ihnen egal zu sein. Vielleicht gehen sie auch einfach davon aus, dass jede Rupie, die ihnen von Gott zugedacht ist, unweigerlich in ihrer Hand landen wird, ganz gleich, ob sie Basartheater für uns spielen oder nicht.

          Von unserer Schutztruppe sind nur zwei Polizisten übrig geblieben, ein langer dünner und ein kleiner dicker, die trotz ihrer Kalaschnikows ungefähr so furchteinflößend wirken wie das Komiker-Duo der Pippi-Langstrumpf-Filme.

          Die Dichterin, Frauenrechtlerin, Sozialistin und Philosophieprofessorin Amar Sindhu, die nebenbei in Hyderabad ein Literaturcafé betreibt, hat uns hierher gebracht, ohne genau zu verraten, was uns erwartet: Eine architektonisch bedeutende Anlage, hatte es geheißen, eventuell werde es Qawwali geben – die mystischen Lieder der indo-pakistanischen Sufis. Tatsächlich hört man schon hier, zwischen den Händlern, leise Fetzen eigenartiger Melodien und Stimmen über den Klängen rhythmisch angeschlagener Saiten. Vereinzelt sitzen Bettler auf dem Boden, einer hockt ohne Unterschenkel auf einer zerschlissenen Decke, eine alte Frau schaut in Trance oder Irrsinn durch mich hindurch. Sie scheinen ebenso wenig an uns interessiert wie die Händler. Anders als häufig auf solchen Märkten plärrt kein Orientpop aus überforderten Lautsprechern.

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