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Sommerserie, sechster Teil : Auf Du und Du mit dem Archäopteryx

Nur mit der Ruhe: Willkommen auf Bayerns langsamstem Fluß. Bild: Tourismusverband Naturpark Altmühltal

Die Entdeckung der Langsamkeit: Bei einer Paddeltour auf der Altmühl, Bayerns gemächlichstem Fluss, kommt man der Hektik der Welt erstaunlich schnell abhanden.

          8 Min.

          Es dauerte nicht lange, und die Gedanken begannen davonzutreiben. Wir hatten uns kaum eingerichtet und waren losgepaddelt in unserem „Indianerboot“, wie die Bootsverleiherin es genannt hatte, einem offenen Kanadier, der an einen Einbaum erinnerte, mit reichlich Platz für zwei Personen und Gepäck, da waren wir im Kopf schon in einer anderen Welt. Bilder von Old Shatterhand kamen uns in den Sinn, wie er in „Winnetou I“ ein Kanurennen auf Leben und Tod gegen Winnetous Vater bestreitet, in einem leckgeschlagenen Boot, und wie er das Rennen auf abenteuerliche Weise gewinnt. Das war ziemlich weit hergeholt, schließlich waren wir hier auf der Altmühl unterwegs, nicht auf dem Rio Pecos, und schließlich paddelten wir auch keineswegs um unser Leben, im Gegenteil. Wir paddelten, um das normale Leben ein paar Tage lang hinter uns zu lassen. Und doch: das Boot, der Fluss, das stille Land – es hätte uns kaum gewundert, wären oben auf den kantigen Felsabbrüchen, die wir gelegentlich passierten, mit einem Mal die Mescalero-Apachen aufgetaucht.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Altmühl ist ein guter Fluss für Träumer, sie verzeiht einem viele Unaufmerksamkeiten, wir lernten das früh zu schätzen. Gestartet waren wir bei Pappenheim, einem Ort mit viertausend Einwohnern und zwei prominenten Auftritten in der Literaturgeschichte. Am 18. Oktober 1945 heiratete dort der amerikanische Schriftsteller J.D. Salinger, später mit dem „Fänger im Roggen“ weltberühmt, seine erste Frau, die Ärztin Sylvia Welter. Die Ehe hielt nur acht Monate. Nachhaltiger wirkte da ein Satz aus Schillers Drama „Wallensteins Tod“, in dem eine Abordnung Pappenheimer Kürassiere, von Gerüchten aufgeschreckt, den Feldherrn Wallenstein zur Rede stellt und zur Antwort erhält: „Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer.“ Es war eine Anerkennung der Treue und des Drangs der Pappenheimer, sich selbst ein Urteil zu bilden, statt Gerüchten Glauben zu schenken. Über die Jahre aber durchliefen die Pappenheimer dann einen bemerkenswerten Bedeutungswandel. Wer heute von sich sagt, „ich kenne meine Pappenheimer“, der meint damit eher durchschaubare Typen von leichtfertiger, zuweilen auch unzuverlässiger Art.

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