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Ist das da ein Boot auf Ihrem Rücken?

Von ALEXANDER DAVYDOV

5. September 2020 · Packrafts sind leicht transportierbare Expeditionsboote. Sie eignen sich aber auch zur Flucht: vor den Massen in die Einsamkeit der nahen Wasserläufe

Mit idyllischen Wäldern und malerischen Tälern laden die deutschen Mittelgebirge zu ausgedehnten Wanderungen ein, einer der Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen während der Pandemie. Ebenso wie das Paddeln auf Seen und Flüssen – während des heißen Sommers eine erfrischende Abkühlung. Wäre es da nicht naheliegend, die beiden Aktivitäten zu verbinden, etwa im Taunus, wo die drei große Flüsse Rhein, Main und Lahn unweit der Wanderwege fließen?

Sogenannte Packrafts machen genau das möglich. Diese kompakten und aufblasbaren Gummiboote kann man beim Wandern bequem in den Rucksack packen. Gleichzeitig sind Packrafts aber robust genug, um sie an passender Stelle auf Seen, Flüssen und sogar Wildwasser zu nutzen. Die tragbare Ultraleichtboote gibt es schon seit rund 170 Jahren, und seither wurden sie kontinuierlich für den Expeditionseinsatz weiterentwickelt. Und mittlerweile haben sich die Boote als massentauglich erwiesen. Unabhängig, autark und mobil seien sie, so Sven Schellin, Mitbegründer der deutschen Packraft-Marke Anfibio. Das sind Eigenschaften, die wie gemacht scheinen für Expeditionen, die pandemiebedingt nun vor der Haustüre stattfinden müssen. Und zudem seien die Boote auch für Anfänger wie uns geeignet: Mit gesundem Menschenverstand, Neugierde und Respekt könne man erste Schritte und Schläge auch ohne spezielle Ausbildung absolvieren.

Schnell abfahrtbereit: Mit dem mitgelieferten Blasesack lässt sich das Boot in nur wenigen Minuten aufpumpen.
Schnell abfahrtbereit: Mit dem mitgelieferten Blasesack lässt sich das Boot in nur wenigen Minuten aufpumpen.

Für den Anfang fällt unsere Wahl auf eine acht Kilometer lange und ruhige Passage auf der Lahn. Die Tour beginnt 25 Kilometer östlich von Koblenz im beschaulichen Obernhof – von den Einheimischen auch liebevoll „Perle der Lahn“ genannt. Ein Gässchen zwischen den gut erhaltenen Fachwerkhäusern führt zu dem etwa 30 Meter breiten Fluss. Es ist ein heißer Sommertag, auf dem Wasser wimmelt es von Stand-up-Boards, Motoryachten und Mietbooten. Besonders die Kanadier trumpfen mit etwas höherer Geschwindigkeit und größerem Platzangebot auf, sind bei gutem Wetter aber schnell vergriffen. Je nach Anbieter berechnet der Verleih pro Person zwischen 15 und 30 Euro - Personentransfer inklusive. Noch etwas unbeholfen richten wir unsere beiden Tandem-Packrafts aus. Sorgen vor einem schnellen Kentern brauchen wir nicht zu haben, versichert uns Michaela Crockford-Laserer vom Outdoor–Fachgeschäft Packraft Europe: „Grundsätzlich sind diese Boote stabiler als die meisten Hartschalen-Kajaks.“ Auch sei zusätzliches Gewicht wie beispielsweise Fahrräder oder vollgepackte Rucksäcke kein Problem. Und tatsächlich: Schon nach kurzer Zeit haben wir unsere Boote gut unter Kontrolle.

Neue Perspektiven: Auf dem Packraft unterwegs erleben wir die Lahn von ihrer schönsten Seite. Auf der linken Seite thront das malerische Kloster Arnstein.
Neue Perspektiven: Auf dem Packraft unterwegs erleben wir die Lahn von ihrer schönsten Seite. Auf der linken Seite thront das malerische Kloster Arnstein.

Vor uns erhebt sich Kloster Arnstein eindrucksvoll auf der linken Flussseite über einem dicht bewaldeten Bergsporn. Mit jedem Schlag der Stechpaddel nähern wir uns dem imposanten Bauwerk, das auf mehr als 1000 Jahre Geschichte zurückblicken kann. Im 12. Jahrhundert Heimat der Grafen von Arnstein, wandelte der letzte Spross des Adelsgeschlechts die Burg in eine Abtei um, die heute von einer griechisch-orthodoxen Schwesterngemeinschaft bewohnt wird. Auf der anderen Flussseite genießen Reisende auf einem der zahlreichen Campingplätze die schöne Aussicht. Und hinter uns nähert sich ein Hausboot, dem wir in unseren wendigen Packrafts flink aus dem Weg paddeln.

Unser erstes Zwischenziel wartet etwa drei Kilometer flussaufwärts: die Schleuse Hollerich, vor der sich mehrere Kajaks und Yachten nun stauen. Darunter auch einige, die uns zuvor überholt hatten. Sie alle warten darauf, dass sich die Tore öffnen. „Erst kommt das Hausboot“, ruft der alte Schleusenwärter mit rauher Stimme und scheucht ungeduldige Reisende zurück in die Reihe. Wir nehmen unsere nur fünf Kilogramm schweren Packrafts kurzerhand in die Hand und passieren die Schleuse bequem zu Fuß. Auf der anderen Seite begegnen wir einer Familie, die mit frustrierten Gesichtern in ihrem gemieteten Boot sitzen – Motorschaden. Für sie scheint die Flussfahrt hier zu Ende zu sein.

Huckleberry-Inn steht seitlich auf dem Hausboot. Mit dem Mississippi hat die beschauliche Lahn aber nur wenig gemein. Mit etwas Übung können unsere Packrafts aber problemlos auch im mächtigen amerikanischen Fluss zum Einsatz kommen.

Nach einer weiteren halben Stunde im Fluss sehen wir den mächtigen viereckigen Turm der Gipfelburg Nassau, die einst dem gleichnamigen Adelsgeschlecht als Stammsitz diente. Heute ist die Ruine ein Ausflugsziel und für Besucher zwischen April und Oktober geöffnet. Auf einer Anlegestelle machen wir kurz Rast. Ein junges Pärchen mit voll beladenen Treckingrucksäcken kommt uns entgegen. Interessiert fragen sie uns nach unseren Packrafts aus – vor allem nach dem Preis. Unsere Modelle gehören der oberen Kategorie an und kosten 1400 und 1900 Euro. Hinzu kommen noch etwa 400 Euro für Paddel und Schwimmweste. Je nach Einsatzgebiet und Ausstattung geht es auch günstiger. Hochwertige Packrafts sind aber eine langfristige Investition, die bei guter Pflege sogar über Jahrzehnte hinweg zum Einsatz kommen können. Von sehr großen Distanzen auf offenen Gewässern oder kaum passierbaren Wildwasserfahrten rät Sven Schellin jedoch ab. Dafür sind die Rucksackboote nicht gemacht.

Übung macht den Meister: Auf dem Packraft unterwegs zu sein, ist schnell erlernt. Doch die kleinen und robusten Boote auch unter schwierigeren Bedingungen zu meistern, erfordert viel Übung.
Übung macht den Meister: Auf dem Packraft unterwegs zu sein, ist schnell erlernt. Doch die kleinen und robusten Boote auch unter schwierigeren Bedingungen zu meistern, erfordert viel Übung.

Nach mehr als zwei Stunden Fahrt erreichen wir schließlich die Stadt Nassau und damit das Ende unserer Flussfahrt. Nach kurzer Trockenzeit an Land verstauen wir die Boote in die Rucksäcke. Der Abbau dauert nur wenige Minuten, und das Gewicht auf dem Rücken ist erträglich. Wir könnten nun zum drei Kilometer entfernten Gickels- turm hochwandern und die Aussicht auf die Lahn genießen. Von dort führen mehrere Pfade in das rund vier Kilometer entfernte Dausenau und damit wieder zur Lahn. Wer dann noch Zeit und Kraft hat, kann das Boot wieder auspacken und sich an weitere 16 Kilometer herantrauen, bis Lahnstein, wo der zierliche Fluss in den Rhein mündet. Schleusen oder ungemütliche Passagen können immer wieder mit nur wenigen Handgriffen und ein paar Metern Fußmarsch umgangen werden. Die Möglichkeiten, die Packrafts bieten, kennen kaum Grenzen. Ganze Gebirge lassen sich leichter durchqueren, indem man Flüsse und Seen zur Fortbewegung nutzt. Fjord- oder Meeresbuchten-Wanderungen lassen sich ganz anders planen. Selbst Wildwasserpassagen sind mit ausreichend Erfahrung und entsprechenden Modellen kaum ein Problem. 

Karte: Bernd Helfert, Google

Wir hingegen könnten nun auch mit unseren Booten zurück nach Obernhof wandern. Allerdings begnügen wir uns heute mit einem gemütlichen Spaziergang durch den Kurort Nassau und steigen dann mit unseren Rucksäcken einfach in den Zug (RB 23) und sind nach vier Minuten wieder zurück am Ausgangspunkt.

Für unsere Testfahrt haben wir Packrafts der Marken MRS und Alpacka verwendet.
Erhältlich sind die Modelle unter packrafting-store.de und packrafteurope.com.
Neben den Booten benötigen Packrafter zusätzlich gute Paddel, eine Schwimmweste, sowie einen wasserdichten Rucksack oder wasserdichte Packsäcke.
Ambitioniertere Fahrer sollten sich zusätzlich noch mit einer Rettungswurfleine, Helm und Trockenanzug ausstatten.


Modell A (im Test grün)
Marke: MRS
Modell: Barracuda R2
Farben: blau/grün
Maße: innen 217cm x 37cm / außen 360cm x 99cm
Packmaß: ca. 40cm x 30 cm
Gewicht: Boot 4200 Gramm / Boot komplett mit Sitzen 5000 Gramm
Max. Zuladung: 300 Kilogramm
Kosten: Ab 1363,73 Euro plus Versand


Modell B (im Test rot)
Marke: Alpacka
Farben: grün/rot (andere Farben gegen Aufpreis)
Maße: innen 188cm x 39cm / außen 328cm x 104 cm
Packmaß: ca. 48cm x 21cm
Gewicht: Boot komplett mit Sitzen 4930 Gramm
Max. Zuladung: 363 Kilogramm
Extras erhältlich: Integriertes internes Gepäckfach
Kosten: Ab 1940 Euro

Text und Fotos: Alexander Davydov

 

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 05.09.2020 09:02 Uhr