https://www.faz.net/-gxh-7lxgy

Outdoorkleidung : Ein abenteuerliches Versprechen

Längst nicht mehr nur noch auf Skipisten und Wanderwegen zu sehen: Outdoorkleidung Bild: AP

Outdoorbekleidung beinhaltet eine Botschaft: Ich pfeife auf modische und unpraktische Kleidung - und setze auf Natur und Freiheit! Nur die Produktionsbedingungen erfüllen diesen Anspruch nicht.

          Das Tragen von Outdoorkleidung ist hierzulande eine politische Haltung. Seht her, scheinen die nüchternen Jacken auszusagen, es gibt auch Kleidung, die sich über ihre Funktion definiert und eine abenteuerliche Identität andeutet. An den Jacken haften schließlich nicht nur wasserabweisende Beschichtungen, sondern auch das Versprechen auf Freiheit, auf Grenzerfahrungen in einer Natur, die als unberührt und rein gilt und sich abgrenzt vom zivilisatorischen Wirrwarr der Großstadt.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Was einigermaßen im Widerspruch steht zur anspruchsvollen technischen Beschaffenheit der Produkte selbst. Seit einigen Jahren entfaltet sich der Chic von Outdoorkleidung auch außerhalb alpiner Kreise. Für die Hersteller ist das ein lukratives Geschäft. Zehn Milliarden Euro setzt die Branche alleine in Europa jährlich um, weltweit wird der Umsatz zwischen 125 bis 165 Milliarden geschätzt - je nachdem, wie weit man den Begriff „Outdoor“ definiert.

          Höhere Preise werden eher akzeptiert

          Die Grenze zwischen Mode und Outdoor ist jedenfalls so fließend geworden, dass die Modekette H&M bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi die schwedischen Athleten ausstattet. Dafür hat H&M echte Sportkleidung entwickelt, atmungsaktiv und wasserdicht, und versucht nun, den klassischen Platzhirschen im Sportsegment des Outdoormarktes, allen voran Adidas, Marktanteile streitig zu machen und dem harten Wettkampf in der Modebranche auszuweichen. Dort bestimmen schnelle Zyklen und ein gnadenloser Preiskampf das Geschäft.

          Im Outdoorbereich hingegen werden höhere Preise - eine hochwertige Goretex-Jacke kostet schon mal 800 Euro - noch eher akzeptiert und die Kollektionen seltener erneuert. Der stolze Preis wird allerdings problematisch, wenn die Herstellung der Kleidung unter menschenunwürdigen Bedingungen geschieht. Und damit kommen wir zur Kehrseite der Medaillen. Mehrere Organisationen haben in den vergangenen Jahren die Produktionsbedingungen des Outdoormarktes näher untersucht, unter ihnen die Stiftung Warentest und die „Kampagne für saubere Kleidung“.

          Adidas, Schöffel und Jack Wolfskin zeigten das größte soziale Engagement

          Sie schickten Fragebögen an die betreffenden Unternehmen, um zu erfahren, ob sie sich einem Verhaltenskodex unterwerfen, und besuchten Fabriken in Asien. Im Ergebnis zeigten das größte soziale Engagement die deutschen Marken Adidas und Schöffel sowie das in Deutschland ansässige, aber von einem amerikanischen Investor gehaltene Unternehmen Jack Wolfskin. Die Adidas-Fabrik in Indonesien zeichnete sich vor allem durch vorbildlichen Umweltschutz aus, alle drei Unternehmen zahlten ihren Arbeitern außerdem etwas mehr als den gesetzlichen Mindestlohn.

          Schöffel und Jack Wolfskin sind Mitglied der unabhängigen Fair Wear Foundation (FWF) und verpflichten sich damit auf weitreichende Grundsätze, die das Recht auf Gewerkschaften, sichere Arbeitsplätze und die Minimierung von Überstunden beinhalten. Insgesamt, so das Fazit der „Kampagne für saubere Kleidung“, sei die Bedeutung von „internationalen Arbeitsstandards und Menschenrechten stärker ins Blickfeld unternehmerischen Handelns“ gerückt.

          Überstunden sind die Regel

          So weit das positive Bild, das bei näherer Betrachtung allerdings deutliche Risse aufweist. Was genau bedeutet „gesetzlicher Mindestlohn“? In China, wo die meisten Outdoorhersteller produzieren, liegt er bei umgerechnet 122 Euro pro Monat - bei einer 48-Stunden-Arbeitswoche. Um einigermaßen über die Runden zu kommen, wären aber mindestens 288 Euro notwendig, wie die „Asia Floor Wage Alliance“ (AWF) errechnet hat. Sie tritt wie auch die FWF für existenzsichernde Gehälter in der Textilbranche ein, auch „Grundbedürfnislohn“ genannt.

          Aber laut Stiftung Warentest zahlt ihn noch keiner der FWF-Mitglieder. Weil der gesetzliche Mindestlohn in China, Bangladesch und Indonesien deutlich unterhalb der errechneten Grundbedürfnislöhne liegt, sind Überstunden die Regel. In der Fabrik von Salewa etwa machten die Arbeitnehmer im März 2012 im Schnitt 85 Überstunden - gesetzlich erlaubt waren nach Angabe der Stiftung Warentest maximal 36.

          Einige Firmen ließen keine Fabrikbesuche zu

          Einige Unternehmen ließen Fabrikbesuche gar nicht erst zu. The North Face erklärte den Prüfern, dass derzeit unter „Spitzenlast“ produziert werde und ein Besuch deshalb störe. Eine fadenscheinige Begründung, waren doch fast alle besuchten Fabriken im Untersuchungszeitraum voll ausgelastet. Maier Sports, selbst Mitglied der FWF, verweigerte ebenfalls den Zutritt zu den Produktionshallen; Berghaus, Columbia, Haglöfs und Patagonia wollten am Test gar nicht erst teilnehmen.

          Selbst wenn die Zustände in den Fabriken akzeptabel sein sollten, dort wird an Teilen nur zusammengenäht, was anderswo produziert wurde. Und unter welchen Bedingungen Arbeiter in den Zuliefererbetrieben Stoffe herstellen und färben, ist kaum bekannt. Den Outdoorherstellern reicht meistens eine schriftliche Zusicherung, dass Arbeitsnormen eingehalten werden, wirklich überprüft werden nur die eigenen Fabriken.

          Der Imageverlust wiegt schwer

          Mittlerweile werden Outdoorunternehmen, die international produzieren, auch international beobachtet, etwa von der „Kampagne für saubere Kleidung“ („Clean Clothes Campaign“) oder der AWF. Sie können sich internationalen Verhaltenskodizes unterwerfen und geraten unter Rechtfertigungszwang, wenn sie ihre Fabriken ausschließlich selbst überprüfen.

          Gerade die hitzige juristische Auseinandersetzung zwischen der Stiftung Warentest und Ritter Sport zeigt, wie schwer der Imageverlust einer negativen Bewertung durch Verbraucherschützer wiegt. So bleibt die Hoffnung, dass Bewegung in die Arbeitsbedingungen der Outdoorunternehmen gekommen ist. Das wäre das Mindeste in einer Branche, die mit dem Versprechen von Bewegung und Freiheit ihr Geld verdient.

          Weitere Themen

          Überlebenstraining mit Iglu Video-Seite öffnen

          Nacht im Schnee : Überlebenstraining mit Iglu

          Einmal im Leben richtig draußen am Berg – ganz ohne Jagertee, Skihütte und beheizte Gondelsitze: Eine eisige Nacht am Riedbergpass in den Allgäuer Alpen.

          Topmeldungen

          Wenn Details stören : Weiß die SPD, was Hartz IV ist?

          Mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept schielt die Partei auf Wähler. Besser wäre, sie schaute auf die Wirklichkeit. Denn die Statistiken verraten so einiges über Hartz IV – sowohl positive als auch negative Entwicklungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.