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Ostern in Jerusalem : Die neue Straße der Schmerzen

Der Platz vor dem Damaskus-Tor war immer einer der lebendigsten in Jerusalem. Seit den jüngsten Messerattacken ist der Stadt das friedliche, bunte Gewimmel abhanden gekommen. Bild: dpa

Osterfest im Zeichen des Blutes: Die Welle der Gewalt in Israel hat die Jerusalemer Altstadt erfasst, vor allem die Gegend um das Damaskus-Tor. Das bunte, friedliche Leben, das dort bis vor kurzem herrschte, ist nur noch schmerzliche Erinnerung.

          7 Min.

          Die Taxifahrer am Damaskus-Tor in Jerusalem langweilen sich. Auch kurz vor Ostern, sonst Hochsaison im Heiligen Land, herrscht Flaute. Lautstark werben sie um die wenigen Touristen. „Bethlehem“ und „Totes Meer“ rufen sie. Doch niemand steigt ein. Früher konnte man vom Damaskus-Tor bis in die syrische Hauptstadt fahren. Einen halben Tag im Auto liegt sie nur entfernt und ist trotzdem unerreichbar. Nicht erst seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs vor fünf Jahren, sondern seit der Gründung Israels vor mehr als sechzig Jahren ist die Grenze zum Nachbarland unpassierbar.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Seit dem vergangenen Herbst ist es an manchen Tagen schon schwierig, durch das Tor in die Jerusalemer Altstadt zu gelangen. Der Vorplatz und die Treppen, die zu dem schmalen Durchgang hinunterführen, gleichen einem Heerlager: Hinter blauen Absperrgittern stehen schwerbewaffnete Polizisten, einige von ihnen mit vermummten Gesichtern und Maschinenpistolen im Anschlag. Manchmal patrouillieren Beamte auf Pferden entlang der Stadtmauer.

          Das Damaskus-Tor ist der schönste der sieben Eingänge in die Gassen der Jerusalemer Altstadt. Sultan Suleiman der Prächtige ließ es mit Zinnen verzieren. In der engen Passage und auf der Talstraße, die dahinter beginnt, drängen sich die Menschen: Alte Palästinenserinnen haben Bündel frischer Minzblätter vor sich ausgebreitet, die sie am frühen Morgen aus dem Westjordanland nach Jerusalem geschleppt haben. Auf schwerbeladenen Holzkarren fahren Lastenträger ihre Waren zu den Geschäften im Basar, als Notbremse haben sie einen alten Reifen an eine Kette gehängt. Strenggläubige Juden strömen zur Klagemauer, Muslime mit ihren Gebetsteppichen unter dem Arm zur Al-Aqsa-Moschee. Dazwischen gehen Pilger und Touristen durch das Nadelöhr in Richtung Via Dolorosa, des Leidenswegs Christi – so war es bis vor wenigen Monaten.

          Viele wagen sich nicht in die Altstadt

          Das Damaskus-Tor ist zu einem der Symbole für den Ausbruch der Gewalt geworden, den viele schon die dritte Intifada nennen. Kaum ein Ort in Jerusalem zog palästinensische Attentäter so sehr an wie dieses Tor und seine Umgebung. Hier beginnt jetzt eine neue Straße der Schmerzen: Mehr als ein Dutzend Menschen sind seit Oktober am Damaskus-Tor und auf den Straßen in seiner Nähe ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen waren Palästinenser, die mit Messern, Scheren oder Pistolen Israelis angegriffen hatten. Vor wenigen Wochen erst töteten auf den Stufen zum halbrunden Vorplatz des Tores drei palästinensische Attentäter eine neunzehn Jahre alte israelische Grenzpolizistin, bevor sie selbst erschossen wurden.

          Ein berittener Polizist vor dem Damaskus-Tor: Jusen, Christen und Moslems haben dafür nicht einmal einen gemeinsamen Namen.

          „Ich gehe nur noch durch, wenn ich es wirklich muss“, sagt ein Kunde bei „Mr. Iphone“, einem Geschäft für Mobiltelefone gegenüber dem Damaskus-Tor. Dort durchsuchen Polizisten gerade einen jungen Palästinenser, der mit gespreizten Beinen und Armen an einer Wand lehnt. Früher verwandelten fliegende Händler den Platz, der an ein römisches Amphitheater erinnert, in ein Kaufhaus unter freiem Himmel. Sie haben aufgegeben oder sich auf die andere Straßenseite zurückgezogen. Rauch steigt über dem Grill eines Kebab-Standes auf, nebenan stopft ein Verkäufer frischfrittierte Falafel-Bällchen in Pita-Brot. Die Attentate sind seit Jahresbeginn in Jerusalem weniger geworden, doch viele Einheimische und Touristen wagen sich weiterhin nicht in die Altstadt. Um ein Drittel ist die Zahl der israelischen und ausländischen Besucher gesunken. Das ist verheerend für die Stadt, in die in guten Jahren zwei Millionen Menschen kommen.

          In Vorfreude immer zügig gehen

          Der Rückgang ist besonders am Damaskus-Tor zu spüren. „Oft sind hier mehr Polizisten als Touristen. Wir haben schon einiges mitgemacht, aber so schlecht liefen die Geschäfte selten“, sagt ein arabischer Händler, der süßes Mandelgebäck feilbietet. An Kunden mangelt es dort gewöhnlich nicht, besonders während des muslimischen Fastenmonats Ramadan. Dann wird der Platz vor dem Tor zu einer großen Freiluftbar, Verkäufer reihen braune, weiße und gelbe Flaschen vor sich auf. Wenn sie ihr tägliches Fasten beenden, trinken viele Muslime in Jerusalem zuerst den aromatisch süßen Tamarinden-Saft. Auch der milchig-weiße Mandelsaft oder das Extrakt aus den Früchten des Johannisbeerbaums sind beliebt. Diese Getränke gibt es nur während des Ramadans. An vielen Ecken der Altstadt hinter der mit Lichterketten geschmückten Stadtmauer riecht es dann wie in einer großen Küche. Auf großen Kochplatten brutzeln kleine Pfannkuchen. Kataief heißt die Ramadan-Spezialität, die mit gehackten Walnüssen, Kokosmehl oder Käse gefüllt und am Ende zu einem Halbmond gefaltet wird. Während des Ramadans machen die Muslime die Nächte in der Altstadt zum Tag. Seit Monaten aber sind die Gassen nach Einbruch der Dunkelheit meist wie ausgestorben. Nur freitags ändert sich das Bild. Dann ist es fast wie früher.

          Am Damaskus-Tor und an der Talstraße stoßen Welten aufeinander. Wenn am späten Freitagnachmittag der jüdische Schabbat beginnt, eilen ultraorthodoxe Juden zur Klagemauer. Sie eilen wirklich: In der Vorfreude auf den Schabbat oder den Feiertag sollen fromme Juden zügig gehen. Auf dem Rückweg nach Hause lassen sie dann die Feier an der Klagemauer nachwirken und gehen gemächlichen Schrittes.

          Von der Klagemauer aus führt der schnellste Weg durch das Tor. Aber er ist unsicher geworden.

          Auf den ersten Blick scheinen die schwarz gekleideten Männer alle gleich auszusehen. Doch der Eindruck täuscht. Wie sie sich kleiden und was sie auf dem Kopf tragen, hat eine lange Tradition und sagt etwas darüber aus, woher sie kommen und als was sie sich verstehen. Nichts ist dem Zufall überlassen. Viele Chassiden und Litauer tragen den „Kneitsch“, aus dessen Namen man noch das deutsche Wort „knautschen“ heraushören kann. Das Oberteil des hohen Hutes ist zu einem Dreieck zusammengedrückt. Wer unter den verheirateten Chassiden etwas auf sich hält, trägt am Schabbat und den Feiertagen „Schtreiml“, selbst wenn es Hochsommer ist. Das ist eine hohe Pelzmütze, die ihre Vorfahren aus Osteuropa mitbrachten. Oft sind die feinen Tierhaare auf der Oberseite nach oben gekämmt, ähnlich wie Zacken einer Krone. Aus ihren Wohnvierteln führt der kürzeste Weg an die Klagemauer durch das Damaskus-Tor.

          Es gibt nicht einmal einen gemeinsamen Namen

          Das gilt auch für die Muslime aus dem arabischen Ostteil Jerusalems, die am Freitagmittag zur Al-Aqsa-Moschee strömen, dem islamischen Heiligtum, das sich auf dem Plateau oberhalb der Klagemauer erhebt. Vielen Gläubigen bleibt der Zugang zum Freitagsgebet jedoch verwehrt. Die israelischen Sperranlagen verbauen vielen Palästinensern buchstäblich den Weg in die Stadt, die für Muslime der drittheiligste Ort nach Mekka und Medina ist. Befürchtet die Polizei Unruhen und Ausschreitungen, dürfen Männer im Alter zwischen sechzehn und fünfzig Jahren nicht die Tore der Altstadt passieren. Dann kann es sein, dass sie aus Protest vor dem Damaskus-Tor ihre Teppiche ausrollen und dort beten, sobald der Ruf des Muezzins verklungen ist.

          Die Al-Aqsa-Moschee ist einer der heiligsten Orte für Muslime, auch der Weg dorthin führt durch das Tor.

          Alle benutzen das prächtige Tor, doch Muslime, Juden und ihre ausländischen Gäste haben nicht einmal einen gemeinsamen Namen dafür. Besucher aus Europa und Amerika nennen es Damaskus-Tor, Juden „Schaar Schem“, was sich mit Nablus-Tor übersetzen lässt. Beide Städte liegen nördlich von Jerusalem, wer dort hinwollte, verließ die Altstadt durch diesen Ausgang. Araber sprechen dagegen von „Bab al Amud“, dem Säulentor. Sie nehmen auf die Antike Bezug, als sich an der Stelle des osmanischen Tors ein römischer Triumphbogen erhob, den Kaiser Hadrian im Jahr 135 errichten ließ. Aus Sicherheitsgründen ist jedoch die Treppe vor dem Tor, die hinunter zu den römischen Resten führt, zurzeit gesperrt.

          Immer noch keine guten Nachbarn geworden

          Sicherheit war schon immer an diesem Ort wichtig. Wer das Damaskus-Tor durchschreitet, kann nicht einfach geradlinig in die Altstadt laufen. Der Weg ist verbaut, die Straße macht einen Knick nach links. Das diente der besseren Verteidigung, kein feindliches Heer sollte ungebremst in die Innenstadt stürmen können. Die Sicherheit heute trägt automatische Waffen und Funkgerät. Es sind Wachmänner, die jüdische Kinder und ihre Mütter, die in der Altstadt leben, immer begleiten. Seit Israel 1967 auch die Altstadt eroberte, lassen sich immer mehr jüdische Familien in den arabischen Vierteln nieder. Für sie ist das eine Rückkehr, für die Einwohner sind die Israelis Fremde, die die Araber verdrängen wollen. Gute Nachbarn sind sie auch nach fast fünfzig Jahren nicht geworden.

          Auf dem Weg vom Damaskus-Tor in Richtung Via Dolorosa und Klagemauer führt die schmale Talstraße durch eine kleine Unterführung. Darüber steht das Wittenberg-Haus. Es hat seinen Namen von dem jüdischen Russen, dem es im neunzehnten Jahrhundert gehörte. Vor knapp zwanzig Jahren kaufte es eine jüdische Organisation, die den Siedlern nahesteht. Das Haus wurde bekannt, weil auch der spätere Ministerpräsident Ariel Scharon dort eine Wohnung erwarb. Wenige Meter davon entfernt ereignete sich am 3. Oktober vergangenen Jahres die erste tödliche Messerattacke in Jerusalem. Ein Palästinenser erstach einen jungen israelischen Vater, der mit seiner Familie auf dem Weg zur Klagemauer war, und einen Rabbiner, der ihnen zu Hilfe eilte. Die Welle der Gewalt hatte die Altstadt erfasst und ist bis heute nicht abgeebbt. In den Tagen danach durften nur noch Araber in die Altstadt, die dort wohnen oder Geschäfte besitzen. Unter den Einwohnern kursierten wilde Gerüchte, zum Beispiel, dass die israelische Polizei die Straße ganz für Muslime sperren könnte. Das Leben, das früher weiter unten die Kreuzung von Talstraße und Via Dolorosa prägte, ist seitdem nicht mehr zurückgekehrt.

          Inzwischen mehr Polizei als Touristen: Durch das Tor geht nur noch, wer unbedingt muss.

          Zumindest ein leibhaftiger Heiland

          Wenige Stufen führen dort hinauf zu einer unscheinbaren Holztür. Darüber erhebt sich das Österreichische Hospiz. Das Pilgerhaus ist eine Oase in der Altstadt. Es gibt Wiener Schnitzel, Apfelstrudel und eine grandiose Aussicht vom Dach des Gebäudes hinüber zur goldenen Kuppel des Felsendoms, vor allem aber eine Erholungspause vom anstrengenden Treiben vor der Pforte, die sich immer seltener öffnet. In diesen Tagen ist es leicht, im Garten des Gästehauses einen freien Tisch zu finden. Das war früher anders. „Es kommen weiter viele Stornierungen. Die Gruppen werden auch kleiner“, sagt Schwester Bernadette Schwarz, die Vizerektorin des Hospizes. Sie hat noch ganz andere Zeiten miterlebt. „Die Gewalt ist nicht organisiert und gilt nicht uns oder den Touristen. Während der zweiten Intifada war alles viel schlimmer“, erinnert sich Schwester Bernadette. Inzwischen ist die Lage nicht mehr ganz so trostlos wie im Januar und Februar, aber oft sind nur ein Fünftel der 124 Betten belegt.

          Dabei hat das Haus den Gästen viel zu bieten. Wie von einer Loge aus blickt man hinunter auf die Via Dolorosa, die zwischen der dritten Station und der fünften Station auf der Talstraße verläuft. Unten gehen schon vor der großen Prozession am Karfreitag Pilgergruppen den Kreuzweg entlang. Um Jesus nachzufühlen, legen sich einige dabei ein echtes Holzkreuz auf die Schulter und tragen es bis zur Grabeskirche. In früheren Jahren herrschte in dem kleinen Laden an der zweiten Station, an der Jesus das Kreuz nahm, in den Ostertagen Hochbetrieb.

          In diesem Jahr stapeln sich dort die Holzkreuze in allen Größen und Gewichtsklassen bis zu fünfzig Kilogramm. Bisher konnten sich die Altstadtbesucher am Karfreitag sicher sein, zumindest einen leibhaftigen Heiland mit Kreuz und Dornenkrone zu sehen. Fotografen und Kameraleute lieben jenen amerikanischen Pilger, der jedes Jahr mit seinen Freunden Jesus und seine Begleiter spielt. Für gewöhnlich fließt Theaterblut bei dem Spektakel. Nicht nur die Bewohner der Talstraße hoffen, dass es dabei bleibt.

          Die Via Dolorosa in der Jerusalemer Altstadt, Pilgerziel für viele Christen aus aller Welt.

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