https://www.faz.net/-gxh-81pf4

Ostern in Armenien : Im Schatten des Berges Ararat

  • -Aktualisiert am

Schon seit dem Jahr 301 ist Armenien christlich – als erster Staat der Welt. Das Kloster Chor Virap wurde 642 gegründet. Bild: Ulrike Maria Hund

Armenien hat es nicht leicht: Wenn kein Gipfel im Weg steht, versperrt eine Grenze den Durchgang zur schwierigen Nachbarschaft. Immerhin sind die Klöster nach Jahren der Sowjetherrschaft wieder geöffnet.

          Gelb und verdorrt ist das weite Ararat-Tal im Herbst, aber jetzt ist Frühling, und ein lichtes Grün überzieht die Ebene am Fuße des Berges. Ein weißes Wolkenband hat sich um die schneebedeckte Kuppe des Gipfels gelegt, auf dem einst Noah mit seiner Arche gelandet sein soll. Zu seinen Füßen liegt das alte Kloster Chor Virap, in dem alles begann. Hier hat der heilige Gregor den Armenischen König zum Christentum bekehrt. Das war im Jahre 301. Schon bald darauf wurden mächtige Klöster, Akademien und Kathedralen gebaut.

          Hundert Jahre später haben Armenier die Bibel in ihre Sprache übersetzt und dazu eine eigene Schrift geschaffen, die heute jeden Reisenden zur Verzweiflung bringt, der sich in diese entlegene Weltgegend am Rande Europas verirrt. Denn Straßenschilder, Kassenzettel, Speisekarten, Restaurantabrechnungen - alles ist in diesen merkwürdigen Buchstaben gedruckt. Für die Armenier aber war diese Schrift die vielleicht stärkste Waffe im Kampf gegen die Eroberer. Schlösser, Kirchen, Festungen wurde unzählige Male dem Erdboden gleichgemacht. Die Bücher aber haben überdauert. Sie wurden in Tonkrügen vergraben, unter Kleidern versteckt und von ihren Beschützern durch die Wüste geschleppt, denn sie sind das Gedächtnis des Volkes. Heute werden die schönsten Handschriften im Matenadaran, der berühmten Bibliothek von Eriwan, aufbewahrt. In ihren leuchtenden Illustrationen spiegelt sich die goldene Farbe der Aprikosen, das Blau des Sewansees, das Purpur der Königsmäntel.

          Das Kloster Chor Virap aber ist eine schlichte Anlage, kein Gold, kein Marmor, die Mauern nur mit Tuffstein verkleidet, von der gleichen gelblichen Farbe wie die sie umgebenden Berge. Im Inneren sind ein paar Heiligenbilder an die Wand gelehnt, Ikonen gibt es keine. Nur ein Samtvorhang ist über das Bema gespannt, ein Zeichen, dass hier wieder Gottesdienste abgehalten werden, nachdem in der Sowjetzeit das Kloster, wie die meisten Kirchen im Land, geschlossen war. Heute ist Karfreitag. Die Kirchentür steht offen, und immer mehr Gläubige aus dem nahe gelegenen Dorf drängen sich in die Kirche. Frauen aus dem Dorf, Pilger aus Eriwan und Fremde, die versuchen, einen Blick auf das Geschehen im Inneren zu erhaschen.

          Mit guten Augen sieht man den Stacheldraht

          Aber dann kommt Bewegung in die Menge, die Leute weichen zurück, der Priester erscheint im Portal, hinter ihm die Diakone und vier kräftige Männer, die eine blumengeschmückte Bahre hoch über ihren Köpfen tragen. Dreimal tragen sie unter Gebeten und Gesängen die Bahre um die Kirche, dann bleiben sie stehen, und mit gesenkten Köpfen gehen jetzt die Gläubigen unter der Bahre hindurch. Es ist das symbolische Grab Christi, das sie durchschreiten, es steht für den Gang durch Finsternis und Tod, der zur Auferstehung führt. Dieses Jahr sind viele Fremde darunter, sie kommen aus Frankreich, Russland, Amerika. Sie kommen, um zu trauern, aber auch, um ihren Kindern und Enkelkindern ihre alte Heimat zu zeigen, zumindest den verbliebenen Teil, denn der Völkermord in Westarmenien, der heutigen Türkei, jährt sich zum hundertsten Mal.

          Weitere Themen

          Die lebenswerteste Stadt der Welt Video-Seite öffnen

          Wien : Die lebenswerteste Stadt der Welt

          Die österreichische Hauptstadt konnte sich durchsetzen und belegte vor Melbourne den ersten Platz. Eine Einwohnerin erklärt im Video, was die Stadt besonders macht und warum der erste Platz verdient ist.

          Gehet hin und bleibt zu Hause

          Digitale Kirche : Gehet hin und bleibt zu Hause

          Wenn die Menschen nicht mehr zum Gottesdienst gehen, muss die Kirche wohl zu ihnen kommen. Die sozialen Medien eignen sich dafür, also gehen Pfarrer ins Netz. Aber kann „digitale Kirche“ den Gottesdienst ersetzen?

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Salvini lässt sich am Sonntag von seinen Anhängern in Pontida feiern.

          Lega-Treffen in Pontida : Die Jagdsaison ist eröffnet

          Nach seiner Niederlage ist Matteo Salvini wieder in Angriffslaune. Bei einem Treffen der Lega ruft er zum Sturz der Linkskoalition auf. Die Stimmung in Pontida ist bei spätsommerlichem Wetter in jeder Hinsicht aufgeheizt.
          Christian Pirkner, Chef des Bezahldienstes Blue Code

          Angriff auf Google Pay : „Ich liebe unmögliche Missionen“

          Bisher zahlt kaum jemand mit dem Smartphone. Doch der Unternehmer Christian Pirkner will dem mobilen Bezahlen in Europa zum Durchbruch verhelfen – und legt sich dabei sogar mit Google und Apple an.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.